Full text: Hessenland (14.1900)

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Aus alter unò iteiter Zeit. 
Die Liebesquelle von Spangenberg. Im 
Jahre 1885 erschien int Verlage von Alexander 
Duncker in Berlin eine Erzählung von Alberta 
von Freydorf, geb. Freiin von Cornberg, 
welche den Titel führt: „Die Liebesquelle 
von S p a n g e n b e r g ". Die Verfasserin behandelt 
in sinniger Weise die alte Sage vom „Liebenbach", 
freilich abweichend von der Ueberlieferung, wie 
sie von Karl Lyncker in seinem sehr werth 
vollen, aber heute nur wenig mehr gelesenen 
Buche: „Deutsche Sagen und Sitten in hessischen 
Gauen" (Kassel, 1854), S. 170, Nr. 244, wieder 
gegeben ist. Nach beiden Erzählungen will der 
reiche Spangenberger Bürger die Vereinigung 
seiner einzigen Tochter mit dem von ihr innig 
geliebten Manne nicht gestatten, es sei denn, daß 
Braut und Bräutigam das Wasser eines Quelles, 
welcher eine halbe Stunde von Spangenberg hervor 
sprudelt, bis in die Stadt leiten und dieser so zu 
dem bislang entbehrten guten Trinkwasser verhelfen. 
Nach beiden gelingt es in wunderbarer Weise die 
schwere Bedingung des harten Vaters zu erfüllen. 
Die Folgen des geglückten schweren Unterfangens 
werden jedoch verschieden geschildert. Nach Lyncker 
erliegen Braut und Bräutigam den übermäßigen 
Anstrengungen, welche sie, von Hoffnung und Liebe 
gestählt, bis dahin glücklich überwunden hatten, in 
dem Augenblicke, als sie vor den Altar treten, um 
den Segen des Priesters zu empfangen. Alberta 
von Freydors läßt die von tiefer Ohnmacht um 
fangene Else durch Wasser aus dem neu geweihten 
Qnellgrund und einen Kuß ihres treuen Kuno wieder 
zum Leben erweckt werden und die beiden Liebenden 
ihre Vereinigung erreichen, eine Lösung, die unseren 
verehrten Leserinnen vermuthlich mehr zusagen wird. 
Schon vor Lyncker ist die Sage vom Liebenbach 
behandelt worden und zwar in poetischer Form, 
nämlich im Jahre 1844. Vom Namen des 
Dichters sind nur die Anfangsbuchstaben C. U. 
bekannt und daß er sich damals auf der Fürsten 
schule St. Afra zu Meißen befand. Aller Wahr 
scheinlichkeit nach stammte er aus Spangenberg. 
Das nachstehend abgedruckte Gedicht läßt er 
kennen, daß Lyncker wirklich der alten Ueberlieferung 
gemäß berichtet hat, wie von ihm auch nicht 
anders zu erwarten war. 
Dev Liebenbach. 
<N a ch einer hessis chen Vol k s er z ä h l u ii g.) 
Zu Spangenberg im Hessenland 
Lebt einst ein liebend Pärchen, 
lind ihrer zarten Liebe schwand 
Schon manches lange Jährchen. 
Wohl wünschten beide heiß den Tag. 
Vereint sich zu umfangen, 
Doch an des Vaters Willen brach 
Der Liebe süß' Verlangen. 
Verboten hat auf immerdar 
Dem Jüngling er die Schwelle, 
Doch droben auf dem Berge war 
Noch eine kühle Quelle. 
Und über'm Quell am stillen Ort 
Stand schattig eine Linde, 
Dort haben beid' manch' selig Wort 
Vertrant dem Abendwinde; 
Dort ist beim Küssen manche Stund' 
Den Liebenden entschwunden. 
Bis einstmals also, Mnnd an Mund, 
Der Vater sie gesunden. 
Und wie er so voll Innigkeit 
Die beiden hat gesehen. 
Da sah er ein, die Zärtlichkeit 
Sie würd' wohl nie vergehen. 
„Fürwahr", sprach er. „ich will fortan 
Nicht auf mein Wort mehr dringen. 
Doch einen Preis stell' ich voran, 
Den müßt ihr erst erringen. 
Das Städtlein unten in dem Thal, 
Das ihr vor Augen habet, 
Entbehrt der Brunnen allzumal, 
Kein Quell den Durst'gen labet. 
Weil heimlich Schutz nun dieser Quell 
Zum Küssen gab euch beiden. 
Sollt ihr als Bach ihn klar und hell 
Zur Stadt hinunterleiten. 
Habt ihr den Dienst als Probestück 
Der Vaterstadt erwiesen. 
So mögt das lang ersehnte Glück 
Als Gatten ihr genießen." 
llnd Ivie das hoffnungsreiche Wort 
Die Liebenden vernommen. 
Da haben sie das Werk sofort 
Mit Eifer unternommen. 
Und haben beid' ein ganzes Jahr 
Geschafft wie sich's gebühret; 
Da erst nach schwerer Mühe war 
Der Quell zur Stadt geführet. — 
Zu Spangenberg im Hessenland 
Am Markt fließt eine Quelle, 
Der Liebeubach wird sie genannt, 
Zwei Grabstein' sind zur Stelle. 
Als beide Liebendeu zur Stund' 
Den schweren Preis erworben. 
Sind sie vereinigt, Mund an Mund, 
An einem Tag gestorben.
	        

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