Full text: Hessenland (14.1900)

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Vorhandensein innerer ober ftufjerer Widersprüche, 
einerlei, ob dieselben zur Sache selbst in direkter 
Beziehnng stehen oder nicht. Beides aber hat der 
Artikel des Pensylvania - Packet auszuweisen. 
Sv ist es zweifellos ein krasser innerer Wider 
spruch, weun ein Soldat, uoch dazu ein Offizier"), 
noch militärisches Ehrgefühl für sieh in Anspruch 
nimmt, nachdem er kurz vorher der verblüffenden 
Ansicht sich nicht gescheut, daß „bei den Hessen 
die Fahnenflucht durch jeden Grundsatz der Ge 
rechtigkeit und Billigkeit zu rechtfertigen" sei, 
daß „ein Unterthan", will heißen ein Soldat, 
unter Umständen „das Recht habe, den Vertrag 
zu lösen, sobald sich eine Gelegenheit dazu biete" 
u. s. w. Ein innerer Widerspruch für jeden, 
der noch der Ansicht huldigt, daß unbedingter, 
blinder Gehorsam gegen den obersten Kriegsherrn, 
selbst wenn es sich um „schändliche und gottlose 
Zwecke" handelt, vom militärischen Ehrbegriff 
untrennbar sei. 
Ueber diesen Gehorsam scheint Verfasser aller 
dings seine eigene Meinung zu haben, wenn er 
ihn mit den Worten: „wozu kommt, daß man 
in Hessen keine andere Wahl hat . . ." als eine 
spezifisch hessische und, wie aus dem Zusammen 
hang entnommen werden muß, uicht eben löbliche 
Eigenthümlichkeit hinzustellen beliebt. 
Was aber will das Wort „Vertrag" hier be 
deuten? Etwa den Subsidienvertrag? Kaum! 
Denn der war ja abgeschlossen zwischen Hessen- 
Kassel und England, konnte also auch nur von 
einer dieser beiden betheiligten Mächte, bezw. recht 
lich nur mit Einwilligung beider „gelöst" werden, 
unmöglich aber von einzelnen Unterthanen derselben. 
Eine Absurdität, die wir dem Verfasser trotz 
Manchem denn doch wohl nicht zutrauen dürfen. 
' So kann den nur ein Vertrag gemeint sein, 
den dieser selbst und zwar seinem Landes- und 
obersten ■ Kriegsherrn, bezw. in erster Instanz 
seinem Regiment gegenüber eingegangen ist. Dann 
aber können wir nicht umhin, einen ferneren, 
weit schwerer wiegenden, weil offenkundigen und 
die Sache selbst unmittelbar angehenden Wider 
spruch zu konstatiren, allein schon fast geeignet, 
uns jeder weiteren Beweisführung zu überheben. 
Denn wie vertrügt sich damit das in demselben 
Athem behauptete: „Verkauf ohne Wissen und 
Einwilligung" ?! 
Es verträgt sich hier eben Manches nicht mit 
einander. Dahin möchten wir zum Schluß auch 
noch rechnen, wenn, mitten aus der Ftuth der 
— Anklagen, wie wir uns einstweilen noch aus 
drücken wollen — plötzlich die schon stark an 
*) Der Fähnrich zählte damals schon zu den Offizieren. 
Reue gemahnende Bemerkung auftaucht: „Wir 
haben, um dieses Vorrecht (die amerikanische 
Civität) zu erhalten, — viel aufgegeben!" Also 
doch! 
Solcher und ähnlicher Widersprüche ließen sich 
uoch mehr anführen. Um jedoch spätere Wieder 
holungen zit vermeiden, müssen wir uns eine Er- 
weiterung der angeführten versagen. 
Aber nicht nur unbewußte Widersprüche enthält 
der Rechtfertigungsversuch, auch, was vor allem 
geeignet erscheint, seine Glaubwürdigkeit auch im 
klebrigen zu erschüttern, offenkundige, mehr oder 
weniger bewußte Unwahrheiten. 
Eine solche liegt schon in den bereits angeführten 
Worten: „daß uns das, was von uns verlangt 
wurde, gänzlich unbekannt war" sowie vor allem 
in der am Schluß aufgestellten Behauptung: 
„Wir hätten nie vermuthen können, daß unser 
Herrscher so aller Gefühle der Menschheit baar 
gewesen wäre, sein Heer in ein fernes Land zu 
schicken, um in einem Kampfe abgeschlachtet zu 
werden," — wie man sich auszudrücken beliebt — 
„der sein eigenes Land durchaus nichts anging"; 
eine Unwahrheit insofern, als das völlige Ueber- 
raschtgewesensein von der Unternehmung, welches 
man hier dem Leser glaubhaft zu machen sucht, 
bei einem hessischen Offizier voll Anno dazumal, 
dem es doch unmöglich fremd seit: sonnte, daß 
auch die Vorgänger seines Landesherrn „so aller 
Gefühle der Menschlichkeit baar gewesen, ihr Heer 
in ein fremdes Land zu schicken" u. s. w., einfach 
undenkbar ist. Hatten doch hessische Truppen in 
Morea gefochten. Warum jetzt nicht auch einmal 
in Amerika? 
Sollte aber, was kaum anzunehmen, die Kennt 
niß hessischer Kriegsgeschichte damals bei den 
hessischen Offizieren wirklich so mangelhaft ge 
wesen sein, daß Thatsachen wie die eben erwähn 
ten hätten unbekannt bleiben können, so mußte 
sie Fähnrich F., der, wie später gezeigt werden 
wird, alleinige Verfasser des Artikels, aus dem 
Munde seines eigenen, damals noch lebenden 
Vaters wissen, der als Cornet bezw. Leutnant 
im Kavallerieregiment „Prinz Maximilian" zu 
erst im kaiserlichen, dann im englischen Solde, 
mithin ebenfalls „an eine fremde Macht ver 
kauft", in Bayern und in den Niederlanden, also 
gleichfalls „in ein fernes Land geschickt" im 
„österreichischen Erbfolgekriege" genau ebenso an 
einem Kampfe theilgenommen, „der sein eigenes 
Land durchaus nichts anging", und — man 
staune! — dennoch keinen Anstand nahm, vier 
seiner Söhne ebenfalls wieder hessische Offiziere 
werden zu lassen, von denen übrigens noch ein 
zweiter als Leutnant in demselben Regiment
	        

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