Full text: Hessenland (14.1900)

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„Fritz! Fritz!" rief das Mädchen, dessen Lebens 
geister wiederkehrten, „was für ein Entsetzen hast 
Dn mir verursacht! Sage, wo kommst Tn her? 
Was soll Deine Anwesenheit in dieser Stunde und 
an diesem Orte bedeuten?" 
„Verzeihe mir Deinen Schrecken, und Du sollst 
alles wissen! Alles, und das ist nicht viel! Die 
Sehnsucht, Dich zu sehen, hat mich Hergetrieben; 
ohne Deinen Anblick konnte ich es dort nicht mehr 
aushalten! Das ist alles! Ich muß Dir gestehen — 
ich muß wissen — meine Gedanken verwirren sich — 
das ist alles!" 
„Und wie bist Du heraufgekommen ? Hat Deiil 
Vater Dir die Schlüssel gegeben?" 
„Bewahre, ich kam zufällig, als ich die Stadt 
betreten, an dein Rathskeller vorüber, ich sah durch 
das Fenster meinen Vater und Deinen bei voller 
Kanne. Das habe ich benutzt, bin durch die Hinter 
thür in die elterliche Wohnung geschlichen, und da 
ich den Ort kenne, an dem mein Vater seine Schlüssel 
verwahrt, bin ich ohne viele Umstände in ihren 
Besitz gekommen, und so siehst Du mich hier." 
„So wirst Du Dich auch sofort wieder zurück 
bemühen und sie wieder an ihren Platz bringen. 
Im klebrigen habe ich in dem Wahn gelebt, mein 
guter Ruf liege Dir am Herzen — ich sehe, daß 
ich mich irrte! Was werden die Leute sagen, wenn 
sie erfahren sollten, daß Dil mir um Mitternacht 
imb zudem in Abwesenheit meines Vaters einen 
Besuch auf dem Thurm gemacht hast! Gehe! Gehe 
sofort, und laß mich irr Ruhe meine Obliegenheiten 
besorgen!" Damit wandte sie ihm den Rücken und 
schritt der Rordseitc des Thurmes zu, die Uhr weiter 
abzublasen. 
Indessen horchten die beiden Väter im Raths 
keller, nachdem sie angestoßen hatten, auf, tvie Agathe 
ihre Sache auf der Nordseite des Thurmes machen 
würde. Es währte über Erwarten lang, und der 
Thnrmmann fing an, verlegen darein zu sehen. 
Endlich erklang der Ruf. Derselbe befriedigte ihn 
jedoch immer weniger, ja die Zeichen der Unzu 
friedenheit mehrten sich auf seinem Angesicht, als 
sich der Ruf auf der West- und Südseite wiederholte. 
„Herzbruder," sagte er, als die letzten Töne ver 
klungen waren, „dem Mädchen muß etwas zugestoßen 
sein; ich werde aufbrechen müssen, so unlieb mir 
das üti gegenwärtigen Augenblicke auch ist." 
„Und ich begleite Dich, sofern Du nichts dagegen 
hast." 
Rasch leerten sie die Gläser und eilten davon. 
Im tiefsten Schweigen langten sie auf der Altane 
an. Merkel schritt voran. Am Eingang zu seiner 
Wohnung hielt er in seinem Gang an und bedeutete 
seinen Begleiter, ein Gleiches zu thun; denn sein 
Ohr hatte im Zinimer die leidenschaftliche Stimme 
Fritzens erkannt: „Stoße mich nicht von Dir, 
Agathe! Gewähre mir ein Versteck — nur für 
diese Nacht — ich habe es ohne Bedacht gethan! 
Erst in diesem Augenblicke komme ich zu Sinnen! 
Dn schweigst? Du stößest mich von Dir! Wo 
soll ich hin? Meinem Vater unter die Augen treten 
kann ich nicht und zurück zum Regimente, wo aus 
den Fahnenflüchtigen der Tod oder die Spießrnthen 
warten — o Gott, wo soll das hinaus?!" 
„Laß mich!" donnerte in diesem Augenblicke die 
Stimme Hellwig^s, der seinen Begleiter beiseite schob, 
die Thür aufriß und nun vor dem niedergeschmetterten 
Sohne stand. „Wo das hinaus soll. Pflichtver 
gessener?! Das wird Dir Dein Vater sagen, dessen 
Soldatenehre, die trotzfüusundzwauzigjährigerDienst- 
zeit jungfräulich dagestanden, durch Deine Fahnen 
flucht zum Spotte der Buben wird! Merkel! 
Merkel!!" wandte er sich dann an den inzwischen 
auch Eingetretenen, „daß ich diese Schande erleben 
muß! Aber bei Himmel und Hölle! ich tilge sie, 
und sollte ich darüber zu Grunde gehen. Lebe wohl, 
Herzbrndcr! . . . Marsch, Nngerathener!" 
(Fortsetzung folgt.) 
In öen Uag. 
Getröstet tret' ich in den Tag hinein, 
Als brächte jeder neuen Sonnenschein. 
. . . Wie junge Falter noch im Fluge schwanken, 
Tasten zwar die Morgengedanken 
Fn's keusche Licht, in den jungen Tag, 
Lauschend, was alles kommen mag. 
. . . Doch glaubt die Seele und sorgt sich nicht: 
Sie schaut roll vertrau'n in das steigende Licht — 
Und aus dem vertrauen fließt ein Segen, 
Der liegt wie Sonne auf allen Wegen. 
M b e r UI i n g e u 
Karl Ernst Knodt.
	        

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