Full text: Hessenland (14.1900)

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zehn Uhr sein. Ich hätte gern noch ein Stündchen 
mit Dir verplaudert!" 
„Bah, laß es zehn, laß es elf Uhr sein; dem 
Glücklichen schlügt keine Stunde!" 
„Aber Dein Dienst?" 
„Heute Dienst hin, Dienst her; den versieht, 
wenn ich nicht oben bin, meine Agathe!" 
„Die Agathe und die Uhr abblasen?" 
„Ist das auch was für ein Musitantenkind? 
Sie versieht ihn, und wie! Du wirst es schon 
hören, wenn es zehn Uhr geschlagen hat." 
Und sie tranken und plauderten weiter. Da 
schlug es vom Thurm zehn Uhr. Ihr Gespräch 
stockte, nitb sie lauschten in die Nacht hinaus. 
Der Wirth, welcher bislang zugehört hatte, that 
dasselbe, als jedoch das Wächterhorn vom Thurm 
ertönte, da begleitete er den Wächterrnf mit dem 
Ortsverschen: 
„Was kocht denn die Frau Merkelen? — 
Klös — Klös — Klös — Klös — Klos — Klos — 
Klös — Klös — Klös — Klö ööös —" 
„Wahrhaftig, Alter, das Blitzmädel hat einen 
Zungenschlag, wie wir ihn uns nie besser gewünscht 
haben!" sagte beifällig der Kantor, als der Ruf 
verklungen war. 
Merkel erhob das Glas, hielt es prüfend gegen 
das Licht und betrachtete es mit echter Zechermiene. 
„Gelt?" sagte er dann geschmeichelt und forderte 
Hellwig durch ein Nicken des Kopses zum Weiter 
trinken aus. 
Wiederum ging Viertelstunde auf Viertelstunde 
hin, und der große Zeiger der Schwarzwälderuhr 
eilte mit Schnelligkeit der Mitternacht zu. Vom 
Thurm mußte der Vollschlag der elften Stunde 
bald ertönen. 
Da brummten die langgezogenen Baßschläge der 
Glocke — mit dem letzten Schlage ertönte das 
Wächterhorn, und wiederum begleitete der schmun 
zelnde Wirth seinen Ruf mit dem oben mitgetheilten 
Berschen. 
Mit dem letzten Tone jedoch, der schrill gegen 
die andern und abgebrochen zu den Ohren der 
Lauschenden klang, zuckte es merklich über das An 
gesicht des Thurmmannes, und der Kantor setzte 
die Kanne, die er soeben an die Lippen gebracht 
hatte, ab und fragte verwundert: „Was war das, 
Merkel?" 
„Das ist bei der Agathe zum ersten Male vor 
gekommen!" entgegnete dieser mißmuthig, „und ich 
kann mir nicht erklären, wie das zugegangen ist!" 
Und wie, um seinen Unmuth abzuschütteln, nahm 
er das Glas und stieß mit seinem Nachbar an. 
Während dies in dem Rathskeller vorging, saß 
Agathe in dem alten, lederüberzogenen Lehnstuhl 
in der Ecke neben dem riesigen Kachelofen, den 
Kopf in die hohle Hand, ihren Ellenbogen auf das 
Seitenkissen des Polsterstuhls gestützt. Trüb flammte 
die Oellampe vor ihr ans dem Tische. Seitwärts 
knarrte und knatterte das Räderwerk der Thurm 
uhr herüber. Noch nie war dem Mädchen un- 
heimlich zu Muthe gewesen, heute jedoch fühlte es 
sich beängstigt, und es wünschte mit ganzer Seele, 
daß doch der Vater kommen möchte. Schon mehrere 
Male war es aufgesprungen und an das Fenster 
getreten; denn es war ihm gewesen, als habe es 
deutlich ein Geräusch an ihm vernommen, ähnlich 
dem, als ob jemand leise daran herumtaste. 
Wenn es jedoch an das Fenster herantrat, so sah 
es nichts, konnte auch nichts sehen, denn von außen 
war es durch eineil hölzernen Laden geschlossen, und 
wäre es auch das nicht gewesen, so war es doch 
draußen so stockfinster, wie es nur in einer mond 
losen, Wolkendunkelen Novembernacht um die elfte 
Stunde der Nacht fein kann. 
Jetzt rüstete sich Agathe, den Dienst ihres Vaters 
zu versehen, warf den alteil Pelzmantel, der auf 
einem Holzschemel bereit gelegeil hatte, über ihre 
Schultern, nahm aus dem Wandschrank das lange 
Horn und trat, des Vollschlags der Uhr gewärtig, 
hinaus auf die Ostseite der Altane. Das nnheim- 
liche Gefühl, das sie bisher verfolgt hatte, schien 
sich auf dem Gang dorthin zu verdoppeln, imb 
ängstlich ließ sie ihreil Blick bald rechts, bald liilks 
in das nächtliche Dunkel schweiseil, ohne daß er 
etwas Verdächtigem begegnet wäre, und so kehrte 
denn ihr ganzer Muth wieder, so daß sie, an Ort 
und Stelle angekommen, ruhig des Vollschlags wartete. 
Der verzog auch nicht lang, und mit dem letzten 
Schlage setzte sie, wie immer, mit größter Sicher 
heit das Horn an die Lippen und blies das Stück 
lein, das im Rathskeller der Wirth in diesem 
Augenblicke mit den Worten begleitete: 
„Was kocht denn die Frau Merkelen? — 
Klös — Klös — Klös — Klös — Klös — Klös — 
Klös — Klös — Klös — Klös — Kl —" 
Doch was war das? Der letzte Ton, der sonst 
gezogen, fast viermal länger als die übrigen, erklang, 
erstarb schrill abgebrochen bereits im Horn. Dieses 
entsank beinah ihren Händen, und ein krampfhaftes 
Zittern flog über ihren Körper. Aus einer Seiten 
nische des Thurmes war eine Gestalt getreten, 
langsam, groß, gespenstig. Das herrschende Dunkel 
ließ sie nicht erkennen; aber sie war da. — Agathe 
hatte sie gesehen und sich nicht geirrt. Sprachlos 
starrte sie nach dort — da war sie jedoch schon da, 
stürzte ihr zu Füßen, und sie vernahm mit noch 
größerem Schrecken die Worte: „Vergieb, Agathe, 
diese Ueberraschuug und den Schrecken, den ich Dir 
verursacht habe!"
	        

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