Full text: Hessenland (14.1900)

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kaum der Tagesgruß über seine Sippen wollte, 
und so blieb es beim Alten. 
Der alte Kantor merkte die Veränderung, die 
mit seinem Sohne vorgegangen war, wohl, auch 
ahnte er genau die Ursache. Wenn er sich nun 
auch beit Besuchen, die Fritz aus dem Thurme 
machte, nicht mehr widersetzte, so konnte er sich 
doch nicht mit dem Gedanken einer Verbindung 
seines Sohnes mit der Tochter seines Todfeindes 
befreunden. Aber er, der jetzt nach dem Tode 
seiner Frau allein, so ganz allein stand, wollte 
sich andererseits nicht wieder mit dem einzigen 
Kinde verfeinden. Er schwieg deshalb; hoffte aber, 
wie einst Merkel, alles von einer Trennung: 
„Fort aus den Augen! fort ans dem Sinn!" 
Das war ja ein altes Soldatenwort und sein 
Trost der Gedanke, daß vierzehn Tage Urlaub 
keine Ewigkeit währen würden. 
Sie gingen freilich vorüber, und der junge 
Grenadier schied. Aber wie schied er? Mit einer 
Leidenschaft, die seine ganze Seele füllte und mit 
der Ungewißheit, ob seine Neigung je Erhörnng 
finden werde. 
Infolgedessen kehrte Fritz, unzufrieden mit 
sich selbst und der ganzen Welt, zu seinem Re 
gimenté zurück, das damals in der Nähe von 
Speier lag. Seine soldatische Munterkeit und 
kräftige Lebenslust war gebrochen, die Spannkraft 
seiner Seele erlahmt. Er litt am Heimweh; sein 
Herz krankte an ungestillter Sehnsucht nach dem 
schönen Thürmerskinde. 
Sv kam der Spätherbst des Jahres 1703 her 
an. Ein kalter, dunkler Novemberabend hüllte die 
Erde ein. Nur an dem Horizonte blinkten wie 
leuchtende Glühwürmchen die Lagerfeuer der ver 
bündeten Regimenter. Fritz stand auf Vorposten. 
— Sehnsüchtige Gedanken an Agathe dnrchwogten 
sein Innerstes. Der Nachtwind umpfiff schneidend 
seine hohe Bärenmütze. „O könnte ich doch mit 
dir ziehen, flüchtiger Geselle, über Höhen und 
Thäler, hin bis zu ihr!" schrie er plötzlich wild 
aus. „Was hindert mich, daß ich den Kuhfuß" 
— bei diesen Worten stieß er sein Gewehr ans 
den Boden — „an die knorrige Weide stelle oder 
in den Speierbach werfe?!" 
So weit kam es freilich noch nicht; aber er 
laube einer dem Versucher, Platz auf dem Ohr 
zäpfchen zu nehmen, flugs nimmt er Besitz vom 
ganzen Ohre. Fritz gefiel sich in dem Gedanken 
und hing ihm während der übrigen Zeit seiner 
Wache nach. Er malte es sich aus, wie es zu 
machen sei, daß er unerkannt durch die Armee 
komme. Er sah sich aus der Altane des Kirch- 
thurms zu Homberg, er plauderte mit Agathe 
und flehte und beschwor sie um Erwiderung seiner 
Neigung, und tausend Schmeichelworte flössen für 
sie von seinen Lippen. 
So wurde er abgelöst; aber den Versucher 
löste niemand ab — den bösen, verlockenden Ge 
danken. — 
Am andern Tage saß Fritz aus einer Anhöhe, 
von der aus er einen weiten Ausblick in der 
Richtung nach seiner Heimath hatte. „Was hindert 
Dich zu gehen?" flüsterte es ihm unablässig zu, 
„was kann es schaden. Du kehrst ja wieder!" 
„Aber fahnenflüchtig!" sagte sein Gewissen mit 
warnender Stimme, und sich wie ein Fieberkranker 
schüttelnd verließ er den Hügel, um den Ge 
danken los zu werden, und wandte sich der Land 
straße zu. Da stand an dem Kreuzwege der alte 
Wegweiser. Lange betrachtete er sinnend die Anf- 
schriften an den ausgestreckten Armen. Plötzlich 
schien er einen Entschluß gefaßt zu haben, denn 
kurz entschlossen wandte er sich links und schritt 
auf der Landstraße weiter, bis er um die vor 
springende Waldecke verschwand. 
Bei der Retraite am Abend fehlte der Grenadier- 
Fritz Hellwig. 
4. 
Im Rathskeller zu Homberg ging es munter 
her. Die beiden Todfeinde, der Kantor Hellwig 
und der Stadtmusikns Merkel hatten sich aus 
gesöhnt. Der Kantor hatte die Versöhnung ge 
sucht, und dem lebenslustigen Merkel kam nichts 
erwünschter.als das. 
„Um die Geschichte bei Negroponte und das 
Denkzeichen am seidenen Bändchen also ist der 
ganze Hader gekommen!" sagte der Thnrmmann 
zu seinem versöhnten Nachbar. „Nein, Herzbruder, 
das ist denn doch das Dings da nicht werth! 
Hier! Du hast die Auszeichnung eher verdient, 
als ich. Aus Deine Brust gehört sie; ich werde 
dem Regimente Anzeige davon machen!" Indem 
er noch sprach, hatte er das Ehrenzeichen, das er 
zur Feier des Versöhnnngstages auf seiner Brust 
trug, abgenestelt und dem Kantor angesteckt. Das 
waren lebendige Kohlen aus das Haupt des Alten; 
er fiel gerührt dem Musikus um den Hals, bat 
ihn um Verzeihung und beschwor ihn, alles, was 
auch vorgekommen sei, zu vergessen. Und der 
Musikus sagte: „Schon gut, Herzbruder; es be 
darf der Worte keine weiter. Aber Wirthschaft, 
eine Kanne noch! Für jeden eine Kanne! Laß 
uns thun, alter Junge, als wären wir noch aus 
Morea und säßen dem Hallunken Türke aus dem 
Nacken!" Und sie tranken. 
„Herzbruder!" fing plötzlich der Kantor zu 
sprechen an, „es thut mir wirklich leid, daß Du 
bald fort mußt; es wird nicht mehr weit von
	        

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