Full text: Hessenland (14.1900)

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Rath und Reservaten-Kommissar Debet und von 
den Behörden der Stadt kräftig unterstützt; letztere 
erkannten, was für ihre Gemeinde auf dem Spiele 
stehe, wenn nicht den Franzosen der Besitz von 
Rheinfels verwehrt würde. 
An Truppen waren bei der Ankunft des 
Generals in St. Goar hier anwesend 4 Kom 
pagnien des Regiments z. F. Prinz Karl unter 
dem Kommandeur Oberst Du Mont, der zum 
Stellvertreter von Görz bestimmt war. Die ersten 
Nachrichten vom Feinde langten am 3./13. De 
zember an, hiernach zogen sich zu Meisenheim 
südlich des Hunsrücks Fußvolk, Reiterei und Ge 
schütz zusammen, doch war die Stärke nicht an 
zugeben, da beständig ans den Festungen Zuzug 
stattfand. Am folgenden Tage trafen nähere 
Nachrichten ein, daß die Artillerie 18 Stück und 
10 Mörser umfasse, das Landvolk aufgeboten 
würde, in der Gegend von Meisenheim ihrer 
3000 zusammengebracht würden, von denen V» 
mit Schippen, '/» mit Spaten, 73 mit Aexten 
versehen sei; auch sollten, die Leute alle vier Tage 
durch andere abgelöst werden. Man durfte nun 
täglich dem Eintreffen der Franzosen vor der 
Festung entgegensehen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Revanche für Speierbach. 
eine $oldaten=6eid)id)te von Ludwig wol) 
(Fortsetzung.) 
us welcher Seite wohl die Ueberraschung am 
größten war, ob ans Seiten des jungen Sol 
daten, als er plötzlich, aus dem Wendelgang des 
Thurmes tretend, vor der inzwischen zur bildschönen 
Jungfrau aufgeblühten Gespielin stand, die züchtig 
erröthend den Blick ihres dunkelen Auges in holder 
Verwirrung zu Boden senkte, oder auf Seiten der 
Jungfrau, der der schmucke Soldat, wie man in 
Hessen zu sagen pflegt, vollständig aus den Augen 
gewachsen war? Kaum wagte Fritz der Jugend- 
gespielin die Hand zu Willkommen zu bieten, so 
sehr bemächtigte sich seiner eine nicht zu be 
wältigende Schüchternheit, und sein Gruß wollte 
kaum über seine Lippen. Agathe bemeisterte zu 
erst ihre augenblickliche Beklommenheit, und indem 
sie Fritzens Hand herzlich schüttelte, sagte sie 
lachend: „Schau' Einer, thut der Mensch, als sei 
er nie aus dem Thurm gewesen! Tritt ein in 
unsere Wohnung; der Vater wird sich freuen, 
wenn er Dich sieht. Er hat schon unten in der 
Stadt erfahren, daß Du angekommen seist und 
gesagt, daß er Dich zu gern einmal sehen möchte." 
Fritz folgte dem Mädchen. Der Thürmer war 
tn rosigster Laune, empfing den Burschen wie 
einen Zeltkameraden, und seine Laune wurde noch 
rosiger, als Fritz von seinen Kriegsfahrten er 
zählte. Wenn aus diese Weise auch der Vater 
die größte Zeit von dem Aufenthalte des jungen 
Grenadiers aus dem Thurme in Anspruch nahm, 
und Fritz wenig Gelegenheit hatte, ein Wort an 
die Tochter zu richten, so nahm er doch beim 
Abschiede die freundliche Einladung Merkel's mit 
aus den Weg, ja recht bald seinen Besuch zu er 
neuern, und es hätte wahrlich nicht bedurft, daß 
ihn Agathe am Eingang zur Wendelstiege noch 
einmal an sein gegebenes Wort, bald wieder zu 
kommen, erinnerte. 
Fritz betrat das väterliche Hans in der Er 
wartung wieder, daß es zwischen seinem Vater 
und ihm zu unliebsamen Erörterungen kommen 
werde. Aber dieses Mal hatte er sich getäuscht. 
Hellwig blieb freundlich, wie er es zuvor gewesen 
war, erwähnte jedoch mit keinem Worte seinen 
Besuch. Dieser Besuch aber war entscheidend für 
Fritzens ganzes Leben. Bisher hatte er kindliche 
Zuneigung zu der Gespielin das genannt, was er 
hellte als mächtige Leidenschaft in seinem Herzen 
erkannte. Ter Eindruck, den das zur Jungfrau 
erblühte Mädchen ans ihn gemacht hatte, war ein 
zu gewaltiger, und der Wunsch, sie als die 
Seinige zu erringen, erfüllte von der Stunde an 
ganz seine Seele. — Er wiederholte daher seinen 
Besuch in der Thürmerwohnung öfter und schließlich 
an jedem Tage seines Urlaubs. 
Agathe benahm sich bei diesen Besuchen stets 
freundlich; aber es lag in ihrem ganzen Wesen 
etwas Gemessenes und eine auffallende Zurück 
haltung, die um so größer, wenn ihr Vater gegen 
wärtig war, was den feurigen Liebhaber verdutzte 
und fast wahnwitzig machte. „Morgen!" so sagte 
er am Abend, wenn er sich schlafen legte, „morgen 
spreche ich ganz gewiß mit Agathe, morgen muß 
ich Gewißheit haben." Und wenn er dann am 
andern Morgen den Thurm bestieg, und in Ge 
danken die Wendeltreppe hinaus den wohlgesetzten 
Antrag, mit dem er sich Gewißheit verschaffen 
wollte, sich noch einmal vorsagte und er trat ihr 
unter die Augen, dann war er so schüchtern, daß
	        

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