Full text: Hessenland (14.1900)

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Tettau in Kassel wieder ein. Görz war durch 
Krankheit verhindert zu reisen und wartete noch 
einige Tage zu Frankfurt guter Besserung ab, 
wie es in dem geführten Tagebuche dieser Zeit 
heißt. Der Schreiber des Tagebuchs scheint ein 
Adjutant des Generals gewesen zu sein, vielleicht 
ein Kapitän von Donop, doch ist es nicht fest 
gestellt. Ich werde die Hauptzüge der Vertheidi 
gung von Nheinfels einer in der Zeitschrift des 
Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, 
Bd. XXIV der Neuen Folge, veröffentlichten Arbeit 
entnehmen. 
Der von dem Landgrafen zur Vertheidigung 
anserfehene Mann war Georg Ludwig Sittich 
Freiherr von Schlitz genannt von Görz, 
im kräftigsten Mannesalter von 42 Jahren 
stehend, der indessen bei den Feldzügen von 
1685—88 in Ungarn an der Spitze des 
Oberrheinischen Kreisregiments zu Fuß ernsten 
Schaden an der Gesundheit genommen hatte. Der 
General empfing noch zu Frankfurt einen Erlaß 
seines Fürsten vom 17./27. November, er befand 
sich also am 18./28. noch in Frankfurt, wird aber 
nun seine Reise beeilt haben, sodaß er St. Goar 
zu Ende des Novembers neuen Stils erreichte. 
Nach dem Tagebuche erlitt Görz am 2./12. De 
zember einen neuen Anfall seines Leidens, sodaß 
er zu Bette liegen mußte, doch ertheilte er als 
bald Befehle und Anordnungen, zunächst auch 
für die Vertheidigung der Stadt, die nur noth- 
dürftig niit einigen Erdwerken und Palissadirung 
hergestellt wurde. 
Alsbald hatte der General dem Landgrafen 
Ernst seine Ankunft und daß er wichtige Auf 
träge des Landgrafen Karl an ihn auszurichten 
habe, gemeldet. Der Erstere ließ den Vertheidiger 
der wichtigen Rheinfeste mit feinem Fürstensitze 
einige Tage harren, ehe er ihm Gehör gewährte, 
dann ließ er ihn aber nicht auf die Höhe des 
Schlosses zu, sondern empfing ihn in der Kanzlei 
auf dem Purpel am linken Ufer des Rheins zu 
Füßen des Schlosses. Hier trug Görz dem 
Fürsten vor, „wie hoch den gesammten des 
heiligen römischen Reiches Ständen und sonder 
lich denen so an den Rheinstrom grenzen, daran 
gelegen sei, daß zu des Platzes Defension wegen 
der andringenden Gefahr die höchstnöthige Ver 
fassung gemacht und vor allem die Garnison mit 
mehreren Truppen, so Se. Hochs. Durchl. der Land 
graf Karl offerire, verstärkt werden möge". Herrn 
Landgraf Ernstens Durchlaucht aber baten, an 
statt der Resolution, Sie mit solchem Antrag zu 
verschonen, berichtet Görz; dieser stellte aber die 
Gefahr auf das Eindringlichste vor und ersuchte 
den Landgrafen Ernst, daß er wenigstens dies 
verstatten wolle, noch etliche Kompagnien in die 
„Schanz" einzulegen (von dem Landgrafen 
1683 — 86 erbautes Hauptwerk), dann hätte Land 
graf Ernst dennoch das eorp8 de In place mit 
dero Garnison zu besetzen. Aber auch dies wurde 
rund abgeschlagen, „weiln I. D., wie sie sagten, 
zu denen hessischen Völkern kein Vertrauen habe, 
noch ihnen außer dem äußersten Nothfall etwas 
einräumen könnten. Die französischen Entreprisen 
auf Rheinfels seien nur ein bloßes Spargement, 
welches wie zuvorn mehr geschehen, mit Fleis 
ausgebracht wurde, um unter solchem Schein des 
Orts sich zu impatroniren. Sie (Landgraf Ernst) 
wollten davor gut sein, weil Sie von hoher und 
höherer Hand gute Correspondenz hätten . ." 
Der Landgraf ließ auch demzufolge die Festung 
dergestalt verwahrt und verschlossen halten, daß 
schwerlich hätte etwas erreicht werden können, 
wenn nmn auch Gewalt hätte anwenden wollen. 
Man versuche es, diesen Auftritt sich vorzustellen: 
auf der einen Seite ein tapferer Ehrenmann, der 
von seinem Landes- und Kriegsherrn den hoch 
ernsten Auftrag hat, Blut und Leben für die 
Vertheidigung der Festung einzusetzen und diese 
Ausgabe mit ganzer Seele erfaßt hat, — ihm 
gegenüber der fürstliche Schurke, der seit vielen 
Jahren bereits das Ehrgefühl in seiner Brust er 
stickt hatte, in dieser Unterredung aber dem Ver 
treter des souveränen Herrn gegenüber die Frech 
heit soweit trieb, auszusprechen, „er habe kein 
Vertrauen zu den hessischen Kriegern", er, dem 
später der Hoch- und Reichsverrath aktenmäßig 
nachgewiesen worden ist, beschimpfte an diesem 
Dezembertage 1692 den General und seine hes 
sischen Kameraden auf das Furchtbarste, unter 
dem Deckmantel seiner fürstlichen Stellung. 
Doch wer würde Görz einen Vorwurf machen, 
wenn er im Zorne über die leichtfertige bösartige 
Beschuldigung den Degen gegen den wahren Uebel 
thäter gezückt und ihn niedergestoßen hätte! Der 
General beherrschte sich, er machte in der Folge 
noch einige Versuche, durch die ernstesten Vor 
stellungen der hochgefährlichen Lage wie durch in 
ständige Bitten den Fürsten, der die Schlüssel der 
Festung in Händen hatte, zu ihrer Oefsnung zu 
bewegen: alles blieb vergebens, der Landgraf taub 
gegen die Forderungen von Ehre und Pflicht und 
der General handelte vor allem im Sinne seiner 
Instruktion die ihm vorschrieb . . . „solle sich be 
mühen soviel er von unserer dortigen Soldateska 
nöthig hat, doch vorerst mit gueter Manier 
aufs Schloß zu bekommen . . ." 
Er berichtete seinem Fürsten, entfaltete aber noch 
leidend angespannte Thätigkeit, außer von den be 
reits in St. Goar anwesenden Offizieren von dem
	        

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