Full text: Hessenland (14.1900)

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fallen und mit Mord und Brand heimgesucht zu 
werden. 
Das Haus Hessen-Kassel besaß die Nieder 
grasschaft Katzenelnbogen, die sich zu beiden 
Seiten des Stromes, hauptsächlich am rechten 
Ufer bis zur Lahn erstreckte, und deren Hauptort 
das Städtchen St. Goar war. Das gräfliche 
Haus Katzenelnbogen war mit Dietrich im Jahr 
1479 ausgestorben und die reiche Erbschaft 
— die Obergrasschaft mit der Hauptstadt Dar in 
st ad t und die obengenannte Niedergrasschast nebst 
der Grafschaft Diez —- an den Eidam Graf 
Dietrich's, den Landgrafen Heinrich III. von 
Hessen zu Marburg, gefallen. Als Heinrich's 
Sohn und Nachfolger, Wilhelm der Jüngere, im 
Jahre 1500 auf der Jagd den Tod fand, 
kamen, da er kinderlos verstorben war, sämmt 
liche hessischen Lande in der Hand des zu Kassel 
regierenden Wilhelm des Mittleren zusammen, 
dann an dessen Sohn Philipp den Groß 
müthigen. Philipp's Herrschaft reichte von der 
Entstehung der Weser bis an den Neckar, das 
Gebiet der Stammesvorfahren der Hessen, der 
Chatten, ziemlich vollständig umfassend. Durch 
sein unseliges letztes Testament zerstörte er frei 
lich den in einem so ausgedehnten Lande ge 
gebenen Keim, Hessen unter seinem Fürstenhause 
zur Größe geführt zu sehen. 
Des großmüthigen Landgrafen Enkel, Moritz 
der Gelehrte, wiederholte die Verstümmelung 
des schon so verkleinerten Landes, indem er für 
die Nachkommenschaft seiner zweiten Gemahlin, 
Juliane von Nassau, ein Viertheil der von ihm 
beherrschten hessischen Lande bestimmte. Erst 
unter dem letzten Fürsten der Hanptlinie in 
Hessen, den: Kurfürsten Friedrich Wilhelm I., 
ist nach Aussterben der Linie Hessen-Rotenburg 
im Jahre 1834 das Land Hessen-Kassel wieder 
vereinigt worden. 
In der hier betrachteten Zeit besaß die Nieder 
grafschaft und einige Gebietstheile in Niederhessen 
Landgraf Ernst, der am Leben gebliebene Sohn 
zweiter Ehe des Landgrafen Moritz. Durch einen 
1649 zu Kassel errichteten Vertrag der Land 
gräfin Amelia Elisabeth mit Landgraf Ernst 
war das bezeichnete Gebiet an ihn abgetreten, 
unter der Oberherrlichkeit der zu Kassel regieren 
den Hauptlinie und Vorbehalt der Oeffnung der 
Festungen für den zu Kassel regierenden Land 
grafen zu jeder Zeit. 
Die staatskluge Fürstin hatte außerdem eine 
Bestimmung in jenem Vertrage aufgenommen, 
nach welcher „der Kommandant der Festung 
Rheinsels deren Schlüssel dem zu Kassel re 
gierenden Herrn zu übergeben hatte, falls der 
Besitzer von Rheinfels sich in widrige Kriegs 
dienste begeben sollte". Die Laudgräsin mißtraute 
ersichtlich dem Landgrafen Ernst, dieser trat zum 
Ueberflusse noch im Jahre 1649 zum Katholizis 
mus über, damit aus die Seite der Gegner 
Hessen-Kassels. Das Streben Ernst's ging dahin, 
die Oberherrlichkeit der Hauptlinie abzuschütteln, 
er spielte den Souverän. Zwar arbeitete er eifrig 
daran, seine Residenz Rheinfels, die bei der Be 
lagerung von 1647 durch die Hessen Amelia 
Elisabeths große Beschädigungen erlitten hatte, 
wiederherzustellen, und es gelang ihm mit großen 
Opfern, die Festung bedeutend zu vergrößern und 
zu verstärken. Aber die erreichte Möglichkeit, die 
Rheinfeste als eine hohe Hüterin des vater 
ländischen Stromes zu bewahren, hatte in dem 
Besitzer nicht auch das fürstliche Pflichtgefühl er 
zeugt, die Stirn drohend gegen Westen zu richten, 
nein, er scheint durch die allerdings großen für 
die Festungswerke und die Residenz verwendeten 
Geldsummen auf den Gedanken gekommen zu 
sein, die letzteren wieder einzubringen. 
Ter Urenkel des großen Landgrafen übte 
niederträchtigen Hoch- und Reichsverrath. Be 
reits im Jahre 1667 hat Landgraf Ernst dem 
Könige Ludwig XIV. die Auslieferung der 
Festung Rheinfels gegen eine Geldsumme ange 
boten. Ein Zufall hat es verhindert, daß das 
; Bubenstück zu Stande kam. Alexander Grebel, 
Friedensrichter zu St. Goar, hat das Verdienst, 
den Verrath des Landgrafen aktenmäßig nach 
gewiesen zu haben. In Kassel war man von 
der Gesinnung des Vetters am Rheine unter- 
; richtet und auf der Hut; als im Mai 1692 dem 
Landgrafen Karl eine Nachricht zuging, daß die 
Franzosen Absichten auf Rheinfels hätten, war 
: er ernstlich bedacht, dem entgegenzuwirken. Doch 
erst als die Heere in die Winterquartiere nbge- 
; zogen, als scheinbare Ruhe eingetreten und das 
; Gelingen des halb oder ganz auf Verrath ge 
gründeten französischen Planes nun gesichert er 
schien, gingen dem wieder nach Kassel zurück 
gekehrten Landgrafen Mittheilungen zu, die ihn 
veranlaßten, schleunig zu handeln. 
Er sandte seinen Generaladjutanten, den Obristen 
Albrecht von Tettau, am 12./22. November 
von Kassel ab, den Generalmajor Bernd 
Simon von Kärßenbrnch zu Marburg an 
zuweisen, die in der Gegend stehenden Regimenter 
sich marschfähig machen zu lassen, um aus Er 
fordern des Generalniajors von Görz zu Frank 
furt an den Rhein nach Rheinsels marschiren zu 
können. An Görz brachte Tettau den Befehl, 
sich alsbald nack Rheinsels zu verfügen und eine 
Instruktion für sein Verhalten, am 16./26. traf
	        

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