Full text: Hessenland (14.1900)

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Dort blieb er bis zum Jahre 1791, in 
welchem Jahre er in das Lyceum in Kassel über- 
sührt wurde. Viele heitere Tage verlebte der 
Heranwachsende Jüngling in der gräflich Wal- 
deck'schen Familie in Bergheim; mit dem 
später leider erblindeten Grafen Karl verband 
ihn eine treue Freundschaft. 
Die Schulzeugnisse sprechen alle von dem Fleiße 
und der Führung des Knaben gleich lobend; in 
seinem Abgangszeugnisse heißt es: 
„Er konnte allen Schülern wegen seiner Auf 
merksamkeit. und seines Fleißes, sowie seiner 
rühmlichen Aufführung zun: Muster dienen." 
Mit 17 Jahren bezog er die Universität 
Göttin gen, wo er die ersten juristischen Vor 
lesungen bei dem damals einen großen Ruf als 
Universitätslehrer genießenden Professor Hugo 
hörte. Doch sagte ihm das juristische Studium 
nicht zu, und da er bei reiflicher Prüfung von 
sich selbst annehmen zu müssen glaubte, daß er 
für das öffentliche Leben eines Beamten weniger 
geschaffen sei, als für das stille, unabhängigere 
eines Landwirthes, so entschloß er sich, den Berns 
eines solchen zu ergreifen und den Rechtswissen 
schaften Valet zu sagen. Er hörte deshalb bei 
dem Professor der Landwirthschaft Beckmann in 
Göttingen Landwirthschast, Polizei- und Kameral- 
Wissenschaft sowie Technologie und besuchte zu 
seiner Belehrung die Fabriken in Einbeck und 
Münden. Außerdem hörte er Botanik bei dem 
später nach Rußland berufenen Professor Hosf- 
mann, Naturgeschichte bei Blumenbach und 
geschichtliche Vorlesungen bei Heeren. Unter 
den vielen Freunden, die er sich während dieser 
Göttinger Zeit erwarb, trat er besonders einem 
Herrn von Lepel sehr nahe. Dem Einflüsse 
dieses Freundes war es zuzuschreiben, daß er am 
Schluffe der Göttinger Zeit sich wieder der Göttin 
Themis zuwandte. Er hörte deshalb auch noch 
in Göttingen juristische Encyclopädie bei Pro 
fessor Hoppenstedt und Institutionen bei Pro 
fessor Waldeck. Nach einem Aufenthalt von 
drei Semestern verließ er Göttingen, um die 
vaterländische Universität Marburg zu beziehen. 
Dort war nun wieder die Rechtswissenschaft sein 
Hauptstudium. Er hörte dort die Professoren 
Erxleben, Weis, Robert und Bauer und 
verehrte besonders die letzteren beiden, mit welchen 
ihn bis in's spätere Leben dauernde Freundschaft 
verband. 
Von den vielen Freunden, die er sich in 
Göttingen und Marburg erwarb und von denen 
seine Aufzeichnungen reden, will ich hier die 
Namen v. Haustein, Murhard, v. Eschwege, 
Voelkel, Rademacher, v. Lepel, v. d. Malsburg, 
v. Bülow, v. Maltzahn, Neufville, Dietz, Schlett 
wein, Rommel, Rieß, v. Schmerseld, Appelius, 
Graf Wittgenstein, Grandidier, Graf v. Luxburg, 
Gundlach, Braun, Nettelbladt, Heinecke, Römhild, 
Steinfeld, Meier, Grübe, Gras Georg v. Waldeck 
nennen. Daß er kein sogenannter „Musterknabe" 
war, sondern die Freuden der Jugend mit seinen 
Freunden frisch genoß, geht daraus hervor, daß 
er in seinen im Alter gemachten Aufzeichnungen 
aus der Studentenzeit mit Vergnügen von den 
vieler: tollen gemeinsam mit den Kommilitonen 
ausgeführten Streichen spricht. Er fügt aller 
dings an, daß er sich derselben in der Erinne 
rung nicht zu schämen brauche. Ein Zeugniß für 
die Beliebtheit, deren er sich bei seinen Freunden 
erfreute, legt der von ihm mit dankbarer Er 
innerung in seinen Aufzeichnungen erwähnte 
Vorgang ab, daß am Vorabende seines Scheidens 
aus Marburg die Studiengenossen einen Fackel- 
zug und eine musikalische Serenade ihm zu 
Ehren veranstaltet hätten. Die lobendsten Zeug 
nisse seiner Universitätslehrer begleiteten ihn in's 
Leben. Alle Professoren anerkennen mit „dem 
größten Vergnügen durch ihre ebenso rühmlichen, 
wie pflichtmäßigen Zeugnisse die auszeichnende 
Aufmerksamkeit und den rühmenswerthen Fleiß, 
mit welchen ihre Vorlesungen besucht worden 
seien". Ein Professor führt aus, „der Studiosus 
habe solche glückliche Fortschritte in den Wissen 
schaften, in Sonderheit in der Theorie und Praxi 
der Rechte, bewiesen, daß sich das Vaterland von 
dem hoffnungsvollen Jünglinge demnächst die 
nützlichsten Dienste versprechen könne". Nach der 
nun folgenden Staatsprüfung schreibt einer der 
Examinatoren, der den jungen Mann von Jugend 
auf gekannt hatte: „Daß derselbe, von dessen 
Fleiß und Fähigkeiten die beigefügten Zeugnisse 
reden, von einer untadelhasten Aufführung 
ist, so daß ihm die wichtigsten Geschäfte anver 
traut werden können, kann ich um so eher be 
zeugen, als ich bereit bin, für seine Treue und 
Verschwiegenheit mit meiner eigenen Reputation 
Bürgschaft zu leisten, und nur innigst bedaure, 
daß sein Vaterland diesen jungen Mann zu ver 
lieren scheint." 
Der Schlußsatz wurde durch die Thatsache 
diktirt, daß infolge der aus der Universität 
Göttingen angeknüpften Bekanntschaft mit einer 
in höherer preußischer Staatsstellung befindlichen 
Persönlichkeit dem jungen Juristen der Eintritt 
in die preußische diplomatische Carriere angeboten 
und ihm eine sofortige Anstellung als Legations- 
sekretür in Aussicht gestellt worden war. Hätte 
er dies Anerbieten nur angenommen! Wie viel 
angenehmer und dornenloser würde sich aller
	        

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