Full text: Hessenland (14.1900)

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daß Agathe mit Geringschätzung seine Uniform 
musterte und meinte, in Kassel müsse sich ein 
Mädchen, das aus seinen guten Ruf halte, hüten, 
mit zweierlei Tuch in Berührung zu kommen; 
wenn er sie daher fernerhin besuchen wolle, so möge 
er dies ja nur in seiner bürgerlichen Kleidung thun. 
Fritz hatte die seine noch in Kassel; er setzte sich 
also über die Enttäuschung hinweg, indem er ver 
sprach, wenn er wiederkomme, wie gewünscht, in 
bürgerlichem Anzug erscheinen zu wollen. Dieser 
reglementswidrige Vorsatz sollte jedoch nie zur Aus 
führung kommen; denn seine Rekrutenzeit war noch 
nicht um, da hieß es bei dem Regiment: „Vorwärts! 
Marsch an den Rhein und gegen den Franzos!" 
Der spanische Erbsolgekrieg war ausgebrochen, und 
Hessen stand aus Oesterreichs Seite gegen Frankreich. 
Daß Fritz so bald Kassel verlassen mußte, war 
die bitterste Enttäuschung und die erste empfindliche 
Strafe für seine jugendliche Unbesonnenheit. Noch 
einmal suchte er Agathe aus. Er war ernst, miß- 
muthig, niedergeschlagen. Als Agathe ihren Gespielen 
so wiedersah, da reute es sie, daß sie bei seinem 
ersten Besuch so kurz angebunden gewesen war. Sie 
tröstete ihn deshalb und suchte ihn mit den Worten 
aufzumuntern: „Du hast A gesagt, sage nun auch 
B und verliere den Muth und die Hoffnung nicht, 
wenn sich Dein Himmel ein wenig trübt. Bleibe 
mir gut, wie ich Dir gut bleibe." 
„Du wolltest, Agathe? Du wolltest wirklich?" 
ries Fritz entzückt. 
„Ich will, Fritz; doch Eins mußt du mir ver 
sprechen : söhne Dich mit Deinem Vater aus! ,Wer 
Vater und Mutter nicht gehorcht, der muß dem 
Kalbfell gehorchen!' sagt mein Vater, und daß er 
Recht hat, siehst Du an Dir selber. Darum mache 
Deine Schuld geringer, gieb nach und versöhne Deinen 
Vater! Willst Du mir das versprechen?" 
„Ich will, Agathe; doch bleibe mir gut!" ver 
sprach und bat Fritz mit festem und doch zugleich 
flehendem Tone. 
„Ich habe Dir schon einmal gesagt, daß ich will, 
und daß ich halte, was ich verspreche, das weißt Du. 
Doch nun lebe wohl; mir wird es schwer urüs Herz 
und — wir werden beobachtet! Lebe wohl!!" 
„Lebe wohl, Agathe!" 
Der Kantor Hcllwig war vollständig mit seinem 
Sohne ausgesöhnt. Letzterer hatte ihm von Rhein- 
fels aus geschrieben und sich an sein väterliches Herz 
gewandt, indem er ihn um Verzeihung für sein 
früheres Benehmen, in Sonderheit aber für den letzten 
unbesonnenen Streich anflehte. Dabei hatte er be 
tont, daß er hoffe, in dem Stande, in dem sein Vater- 
sein Glück gemacht, auch das seine zu finden, und 
daß er Soldat sein werde mit Leib und Seele- 
Damit hatte er die rechte Saite in dem väterlichen 
Herzen angeschlagen. Lust und Liebe zum Soldaten 
stande, althessische Treue gegen die Fahne des an 
gestammten Kriegsherrn und Gehorsam gegen die 
Offiziere, das waren bei diesem ehemaligen Soldaten 
die Haupttugenden eines Menschen. Es währte zwar 
eine geraume Zeit, bis er sich anschickte, den Brief 
zu beantworten; aber schließlich that er es doch, 
und niemand war glücklicher auf Erden, als Fritz, 
da er die verzeihende Antwort empfing. 
Rasch ging ein Jahr des Feldlebens hin, ohne 
daß Fritz die Gelegenheit gehabt hätte, die Heimath 
wieder zu sehen. Was er an Neuigkeiten aus ihr 
erfuhr, brachten die Briese seines Vaters, mit dem 
er fortan in schriftlichem Verkehr blieb. Zumeist 
aber hatte diese Art von Neuigkeiten wenig Werth 
für ihn; über das, was ihn erfreut haben würde, 
schwiegen sie. So konnte es geschehen, daß in dem 
bunten, aufregenden Zelt- und Lagerleben dem jungen 
Grenadier die Bilder der Heimath mehr und mehr 
' in den Hintergrund traten, und auch die Erinnerung 
! an Agathe allmählich verblaßte. 
Da traf ihn plötzlich ganz unerwartet die Nach 
richt von der tödtlichen Erkrankung seiner Mutter 
und erwirkte ihm einen vierzehntügigen Urlaub. 
: So sehr er aber auch eilte, so fand er seine Mutter 
doch nicht mehr unter den Lebenden und konnte nur 
! ihren srischbraunen Grabhügel mit seinen heißen 
j Thränen benetzen. Ter Empfang von Seiten seines 
Vaters war rückhaltslos liebevoll, wie überhaupt sein 
! Benehmen gegen früher in das Gegentheil umge 
schlagen zu sein schien, so daß es den Anschein 
gewann, als sei ein vollständiger Einklang zwischen 
Vater und Sohn für alle Zeiten gesichert. Dazu 
j trug nicht wenig bei, daß das Auge des alten 
Soldaten den schmucken und tadellosen Grenadier 
j in dem Sohne erkannt hatte. Bald jedoch sollte ein 
kleiner Mißton dazwischen kommen. 
Fritz war bereits seit zwei Tagen in seiner 
j Vaterstadt und noch wenig vor die Thür gekommen, 
als er am Morgen des dritten Tages seine Uniform 
j gehörig unter die Bürste nahm, das kleine Bärtchen 
' auf der Oberlippe in kunstgerechten Spitzen auf- 
j wärts drehte, kurz, sich zu einem Ausgange rüstete. 
„Wohin, Fritz?" fragte sein Vater. 
„Eine alte Schuld abtragen. Vater. Merkel's 
j Agathe will ich danken, daß sie mir den Vater 
j wiedergegeben hat!" antwortete Fritz. 
„Ter Thurmgesellschast willst Du einen Besuch 
machen, den Todfeinden Deines Vaters?" fragte der 
Kantor, und der Ton seiner Stimme klang rauh 
und herb, während sich eine tiefe Quersalte über 
die Nasenwurzel aus seine Stirne lagerte; dann 
setzte er hinzu: „Und das hochnäsige Ding Dir den
	        

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