Full text: Hessenland (14.1900)

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zur alleinigen Besorgung überließ, zudem das 
Ersteigen des Thurmes doch jedes Mal eine 
Strapaze für ihn war. Gegen den Kantor war 
Meister Urban über seinen Zögling' stets des Lobes 
voll, was diesen sichtlich erfreute. Dieser Umschlag 
in Fritzens Wesen that dem alten Soldaten wohl, 
aber er hätte sich noch mehr gefreut, wenn sein 
Sohn mehr, als es geschah, das elterliche Hans 
ausgesucht hätte; so kam er jedoch nur dann, 
wenn er reine Leibwäsche für die Woche bedurfte. 
Aus diese Weise verstrichen zwei Jahre von der 
Lehrzeit des Knaben in tiefstem Frieden. Da 
sollte dieses Stillleben mit einem Male in der 
gewaltsamsten Weise unterbrochen werden. 
Meister Urban's Küche besorgte seit Jahren eine 
alte Jungfer, Namens Susanne, die neugierig wie 
keine zweite im Städtchen war. Ihren Späher 
blicken und ihrem Scharfsinn war es endlich ge 
lungen, den Grund von dem zurückgezogenen Leben 
des jungen Burschen in den traulichen Beziehungen 
zwischen Fritz und Agathe zu entdecken. Einmal 
aber dahinter gekommen, hatte sie auch nichts 
Eiligeres zu thun, als die Neuigkeit ihrem Brot 
herrn mitzutheilen. 
Ter alte Hagestolz und Weiberfeind war davon 
in der unangenehmsten Weise überrascht. Er eilte 
sofort zu dem Thürmer, ihn beschwörend, seinem 
Kinde allen Umgang mit seinem Lehrburschen zu 
untersagen. Merkel hatte bisher gegen die An 
näherung der Kinder nichts einzuwenden gehabt, 
doch fürchtete auch er jetzt das Entstehen einer 
ernsten Leidenschaft wegen der Feindschaft des alten 
Hellwig gegen ihn und seine Familie. Er ent 
schloß sich daher, einen Plan, dessen Verwirklichung 
erst später von ihm in Aussicht genommen war, 
schon jetzt auszuführen und seine Agathe nach 
Kassel zu bringen, wo sie in dem „Wilden Mann", 
dem damals bevorzugtesten Gasthos der Residenz, 
die Feinheiten der Kochkunst erlernen sollte. 
Dieser rasch zur Ausführung gebrachte Entschluß 
aber war das Signal zu einer durchgreifenden 
Veränderung des gesammten Theaters, auf dem 
sich unsere bisher so ruhig verlaufene Erzählung 
abspielt. 
Am Morgen nach Agathens Abreise war auch 
Fritz Hellwig verschwunden — zum grenzenlosen 
Erstaunen Meister UrbcnOs und zur womöglich 
noch größeren Wuth des alten Kantors. Der 
Letztere empfing noch an demselben Tage nach 
stehenden Brief: 
„Lieber Vater! 
„Bei Meister Urban ferner auszuhalten habe 
ich keine Lust; es ist mir auch nicht möglich. 
Das Warum ist meine Sache; doch wird darüber 
auch Meister Urban, der es so gut versteht, 
Geheimnisse zu verrathen, Auskunft geben können. 
Ta Tu mir aber bei der Wahl meines Berufes 
und Lehrherrn vordem gesagt hast, wenn ich aus 
der Lehre liefe, so brauchte ich Dir nicht wieder 
zu kommen, ich solle vielmehr nur zum Kalbfell 
schwören, so habe ich von Deiner Erlaubniß Ge 
brauch gemacht und bin unter die Grenadiere 
gegangen. 
Indem ich Dir verspreche. Deinem ehemaligen 
Stande Ehre zu machen, verbleibe ich Dein ge 
horsamster Fritz." 
Hellwig war von diesem Briefe mehr als über 
rascht. Er eilte augenblicklich zum alten Urban, 
dessen Zorn gleichfalls unbeschreiblich war. 
„Bei mir nicht aushalten können?" schrie er, 
„bei Meister Urban nicht, der den Burschen gehalten 
hat wie seinen Augapfel? Den Vorwurf habe ich 
nicht zu lesen erwartet! Pfui der Lüge! Tie alte 
Susanne hat nur zu sehr Recht! Hinter der Agathe 
ist der Schlingel her! Jetzt liegt alles klar!" 
„Sollte mir kommen mit dem bleichsüchtigen 
Thürmersding; ich wollte ihn, daß er den Himmel 
für eine Baßgeige ansehen sollte —" fiel ihm der 
Kantor hitzig in die Rede und ließ seinen Arm die 
Bewegungen eines Büttels bei Ausführung seiner 
Amtshandlungen beschreiben. 
Lassen wir die beiden Alten über ihren zornigen 
Berathschlagungen und sehen uns nach dem Flücht 
ling selbst um. Um seiner Jugendgespielin nahe 
zu bleiben, die ihn von ihrer bevorstehenden Ueber- 
siedelung nach der Residenz in Kenntniß gesetzt 
hatte, war er wirklich in Kassel Soldat geworden; 
Agathe hatte er von diesem Plane vorher nicht in 
Kenntniß gesetzt, in der Hoffnung, sie durch fein 
plötzliches Erscheinen in Kassel um so mehr zu er 
freuen. Er hatte sich in den letzten Jahren zu 
einem schönen, kräftigen Burschen entwickelt, und 
so war er von einem der bewährten hessischen 
Grenadierbataillone, von denen jedes Regiment eins 
hatte, mit offenen Armen aufgenommen worden. 
„Wie wird Agathe überrascht fein, wenn sie Dich 
erblickt!" sagte er selbstgefällig zu sich, als er nach 
feiner Einkleidung vor das kleine Wandspiegelchen 
der Kasernenstube getreten war und sein Blick feine 
Figur musternd überflogen hatte. Doch war von 
freudiger Ueberraschung, wie er sie sich ausgemalt, 
bei dem Mädchen wenig die Rede. Wohl war es 
erstaunt, aber was Fritz zu hören bekam, das war 
ein ernster Tadel über seinen unbesonnenen Streich, 
ein Tadel, den er am allerwenigsten von ihrem Munde 
zu vernehmen erwartet hatte, weil seine Handlung 
ja aus reiner Zuneigung zu ihr entsprungen war. 
An diese Enttäuschung reihte sich zugleich die andere.
	        

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