Full text: Hessenland (14.1900)

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Durch die Aufnahme eines Theiles der von dem 
allerchristlichsten König aus ihrer Heimath ver 
triebenen Hugenotten in Hessen waren dem 
Landesherrn neue Aufgaben erwachsen; sowohl 
in seiner Hauptstadt gründete er einen neuen 
Stadttheil für jene in sein Land geflüchteten 
Franzosen, wie eine Anzahl kleinerer Kolonien 
derselben an verschiedenen Orten Hessens ange 
siedelt wurden. Die Thätigkeit des Landgrafen 
wurde daher in den nächsten Monaten stark in 
Anspruch genommen. Der Fürst entfaltete, außer 
den bezeichneten Werkeii des Friedens, kräftige 
Sorge für seine Heeresmacht, die in dem Feld 
zug Don 1692 wiederum bedeutende Verluste er 
litten hatte. Als Kreisobrist des oberrheinischen 
Kreises fühlte Laiidgraf Karl dem Reiche gegen- 
über eine besonders hohe Verantwortung, und ei- 
bemühte sich, seine in dem Wirrwarr der Reichs 
verfassung höchst schwierige. Stellung gewissenhaft 
und kräftig auszufüllen. 
Wir werden noch in diesem Jahre 1692 ein 
herrliches Beispiel kennen lernen, wie dieser Fürst 
und sein hessisches Kriegsvolk eine Probe von 
Heldenmuth gaben. — 
(Fortsetzung folgt.) 
Revanche für Speierbach. 
eine Soldaten=6eid)icbte von Ludwig lHobr. 
(Fortsetzung.) 
2. 
Wochen waren bereits hingegangen, ohne daß 
Fritz von dem Werktisch vor dem kleinen Fenster 
der Urbanstchen Werkstatt sortgekommen wäre, als 
der Meister ihn eines Morgens zum Schmieren 
der Uhren mit ans den Thurm nahm. 
Wäre der Uhrmacher etwas weniger in seine 
handwerksmäßige Beschäftigung vertieft gewesen, so 
hätte ihm die Freude der beiden jungen Menschen 
bei dem unverhofften Wiedersehen auffallen müssen. 
Aber der Meister hatte zu viel das Räderwerk 
seiner Uhr im Auge, als daß er die glück 
strahlenden Augen und die gerötheten Wangen der 
Kinder hätte bemerken sollen, und nun gar, als er 
die Beiden mit der Fritz ertheilten Weisung allein 
ließ: „Packe das Geschirr zusammen und warte 
meiner, indessen ich dem alten Merkel die Tages 
zeit zuspreche." 
Das war der Augenblick, wo sich die Beiden 
ungestört unterhalten und mittheilend ihr Herz 
erleichtern konnten. Agathe erzählte, wie es ihr 
jetzt so einsam hier oben sei, und wie sie sich tag 
täglich gewünscht habe, ihn einmal wiederzusehen. 
Der Knabe führte sie dagegen an die Brüstung 
der Altane, deutete hinüber aus die altersgrauen 
Dächer, zeigte ihr aus dem gerade gegenüber 
liegenden das kleine Dachsensterchen und erzählte 
ihr dabei, wie er säst jeden Tag in den Mittags 
stunden von dort herausgeschaut, und wie er sich 
jedes Mal gefreut habe, wenn durch die Zwischen 
räume der Geländerpfosten etwas Helles, das er 
für ihr Kattunkleid gehalten habe, geschimmert 
hätte. Wie er das gethan, wenn Abends der 
Mond wie ein großer Silberknops über der Thurm 
spitze gestanden und die Sternlein freundlich darüber 
geblinkt Hütten. Und er bat sie, und sie versprach 
ihm, zur Mittagsstunde von diesem Platze aus 
öfters herunterzuschauen, und er gelobte, treue 
Wacht zu halten aus seinem Posten und, sobald es 
gehen werde, wieder ans dem Thurm zu sein. 
So verplauderten die Kinder die paar Minuten 
ihres Alleinseins, bis Meister Urban's polternder 
Schritt erdröhnte, und seine rauhe Stimme zum 
Aufbruch mahnte. 
Bon dieser Stunde an mußte der Lehrbube 
seinen Meister stets aus dessen Gängen zur Thurm 
uhr begleiten; denn es galt dem Alten, seinen 
lernbegierigen Schüler auch in diesen Theil seines 
Gewerbes einzuführen. Und lernbegierig war Fritz ; 
nie hat wohl ein Meister einen eifrigeren Lehrling 
unterwiesen, als den Meister Urban's, den so 
verschrieenen Allerweltswildfang, Kantors Fritz. 
Auch sonst schien der Knabe wie umgewandelt. 
Nie sah man ihn Abends mit seinesgleichen die 
Gassen des Städtchens durchstreifen, wie diese es 
zum Leidwesen von Eltern und Lehrherrn thaten. 
Er hielt sich still daheim und machte zusehends 
Fortschritte in seinem Handwerke. 
Mittlerweile kehrte der Winter in das Land und 
mit ihm das Zipperlein bei Meister Urban ein. 
Da war es bei dem Alten mit dem Thurmgehen 
aus, er war genöthigt, das Ausziehen, Reguliren 
und Schmieren der Thurmuhr seinem Lehrling 
allein zu überlassen. Auch hatte er das nie zu 
bereuen, denn keine Klage über die Uhr ward 
während seiner Krankheit im Städtchen laut. Da 
durch stieg Fritz so in seiner Gunst, daß er ihm 
diesen Geschäftszweig auch nach seiner Genesung
	        

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