Full text: Hessenland (14.1900)

dazu beredet werden mußte, und daß niemand 
anders als dieser bedeutende Mann der eigent 
liche Urheber des Anschlusses des Landgrafen an 
England war. Jedenfalls hat Schliessen seine 
300 Pfund Sterling lebenslängliche Pension von 
England (Kapp, S. 236) nicht ohne besondere 
Veranlassung erhalten. 
Persönliche Briefe des Landgrafen an König 
Georg III. von England scheinen noch nicht be 
kannt geworden zu sein, wohingegen ein ziemlich 
lebhafter Briefwechsel zwischen dem König und 
Friedrich's Sohn, dem Erbprinzen Wilhelm, Re 
genten der Grafschaft Hanau, der ein leiblicher 
Vetter des Königs war, aufgefunden worden ist. 
Die bei Kapp in seinen Beilagen (S. 243 ff.) 
aus diesem Briefwechsel gegebenen Stücke sind noch 
erheblich zu vermehren. Vergessen dürfen wir nicht, 
daß Landgraf Friedrich's Heirath mit König 
Georg's II. Tochter Maria, der Tante 
Georg's III., nicht seiner Schwester, wie selbst 
I. N. (a. a. O. S. 346) annimmt, für ihn 
manche bittere Stunde im Gefolge gehabt hatte, 
freilich nicht ohne eigne Schuld. Persönliche Vor 
liebe für England kann er unmöglich gehabt habe». 
Dementsprechend wird ein etwaiger Briefwechsel 
mit denl König sich aus das Nothwendigste be 
schränkt haben. Seine bekannten französischen 
Sympathien zu bemeistern hat Friedrich verstanden, 
er fügte sich Schliefsen's vermuthlich recht ein 
dringlich gehaltenen Rathschlägen. 
Ein anderer Punkt, den Preser mit Recht in 
den Vordergrund schiebt, ist die finanzielle Seite 
der Angelegenheit; es ist um so dankenswerther, 
daß er sich dazu entschlossen hat, als noch int vorigen 
Jahre Professor Gotthvld Marseille in 
Pyritz in der Beilage zum Programm des dorti 
gen Gymnasiums, die den Titel führt: „Tage 
buchblätter eines hessischen Offiziers ans der Zeit 
des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges" 
(S. 5) — der 1. und 2. Theil der Arbeit sind soeben 
bei der Redaktion eingegangen — vermuthlich unter 
Bezugnahme auf Kapp (S. 51) erklärt, Landgraf 
Friedrich habe nach seinem Tode nahe an 60 
Millionen Thaler baares Vermögen hinterlassen, 
und noch dazu bei seinen Bauten und großen 
sonstigen Aufwendungen für das Land (Preser, 
S. VI, 5 f., 24, 85 — 88), von seinen persönlichen 
Ausgaben völlig abgesehen. Nach den von Preser 
mitgetheilten genauen Zahlen, die den im Staats 
archiv zu Marburg aufbewahrten Aufzeichnungen 
der Kommission entnommen sind, welche ans der 
Grenze der Jahre 1830' und 1831 die Fest 
stellung des landesherrlichen Vermögens sowie 
dessen Theilung zwischen dem regierenden Hanse 
und dem Lande zu besorgen hatte, wurde das 
reine Vermögen nach Abzug der aus 8 229 986 fl. 
15 Kr. berechneten Schulden des Landesherrn 
und des Landes insgesammt mit 28 507 434 fl. 
33^2 Kr. eingeschätzt. Damit ist allem Gerede 
von der obigen kolossalen Summe ein für alle 
Mal ein Ende gemacht. 
Nicht überflüssig ist, daß Preser (S. 75—79) 
nachdrücklich die weitverbreitete Meinung bekämpft, 
der Landgraf habe auf Kosten seiner Soldaten 
sich am Rekrnten-(Werbe-)geld wie an der Löhnung 
seiner Truppen bereichert, die von Kapp in seiner 
Kritik über die anonym erschienene Schrift 
„Friedrich II. und die neuere Geschichtsschreibung" 
im 42. Bande der historischen Zeitschrift vom 
Jahre 1879 schon wesentlich eingeschränkt ist. 
Dieser Punkt verdient indeß noch nähere Beleuch 
tung und Aufklärung. Die hier angezogene 
Kritik Kapp's ist in größeren Kreisen weniger 
bekannt, wie überhaupt der Durchschnitt der 
literarischen Vertreter der Schmähungen aus Land 
graf Friedrich und seine Hessen sich so wenig 
über die Angelegenheit, über welche sie in maß 
gebender Weise mitreden wollen, unterrichtet hat, 
daß es ihnen durchaus entgangen ist, wie die 
alten Ladenhüter, die immer wieder vorgebracht 
werden, bei Kapp zum Theil längst schon wider 
legt sind. 
Dahin gehört neben der oben bereits erwähnten 
Fruktifizirnng der Aeußerungen bezw. angeblichen 
Aeußerungen Friedrich's des Großen auch der 
famose Brief des Landgrafen an seinen Oberst- 
kommandirenden in Amerika „Baron Hohendorfs" 
ls. neben Preser, S. 89 f., auch „Hessenland" 1895, 
Nr. 6), von dem Bibliothekar der Landesbibli- 
vthek Dr. H ng 0 Brunne r im vorigen Jahre 
in einem Unterhaltungsabende des Geschichts 
vereins zu Kassel an der Hand des Buches 
„ L’Espion devalise par Baudouin de Guema- 
deuc“. Londres 1782 — 1783 (S. 205—209), 
klarlegte, wie er nichts als eine fast gleichzeitig 
entstandene „plaisanterie“ sei. Ans diesen Brief 
ist noch vor einigen Tagen eine sonst gut 
geleitete Zeitung, die in Berlin herausgegebene 
„Deutsche Zeitung" (Briefkasten der Nr. 75 
vom 30. März) hineingefallen, die außerdem 
nicht einmal zu wissen scheint, daß in England 
zur Zeit der Empörung der Nordamerikaner 
König Georg III. regierte, und nicht mehr Land 
graf Friedrich's II. Schwiegervater Georg II. 
So schlecht ist cs noch mit den studirten deutschen 
Literaten der Gegenwart bestellt, wo bleiben da 
aber erst die weniger Gebildeten. Dem Dichter 
Seume, dem wir hauptsächlich die gehässigen 
Urtheile zuzuschreiben haben, denen Landgraf 
Friedrich und seine Hessen in der Literatur be-
	        

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