Full text: Hessenland (14.1900)

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Gin zeitgenössisches Urtheil über den „ Koldatenhanöet" Landgraf 
Friedrichs II. und seine Würdigung. 
Von I. Für er. 
on der Ansicht ausgehend, daß bei historischen 
fyT Streitfragen von allgemeinerem Interesse, 
, zumal, wenn sich ihre Behandlung beider 
seits weniger durch strenge Sachlichkeit als durch 
eine gewisse Voreingenommenheit und Leiden 
schaftlichkeit, um nicht zu sagen, Erbitterung 
charakterisirt, eine endgültige Entscheidung ganz 
besonders wünschenswerth, aber auch nur herbei 
zuführen sei durch Heranziehung alles nur irgend 
erreichbaren Materials, habe ich nachstehende 
Kundgebung zweier Fähnriche des Regiments 
von Knyphausen als Beitrag zu der eben wieder 
brennend gewordenen Frage des „Soldatenhandels" 
weiland Friedrich's II., Landgrafen zu Hessen, 
ihren: verborgenen und darum nutzlosem Dasein 
in der: „Wilhelmshöher Kriegsakten", speziell den 
„Relationen vom nordamerikanischen Kriege", 
entreißen zu müssen geglaubt. 
Am 24. Dezember 1778 wurde die Aufmerk 
samkeit der Leser des »ksnrm^lvanm-l'aolrsi/ *) 
durch eine in englischer Sprache abgefaßte Publi 
kation in Anspruch genommen, die wir hier, wie 
folgt in wörtlicher Uebersetzung wiedergeben: 
„An das Publikum!" 
„Da es in diesem Lande keine Ehrengerichte 
giebt, vor welchen unser eigenthümlicher Fall an 
gemessen untersucht werden könnte, sind wir ge 
zwungen uns an das Publikum zu wenden und 
um die Geduld desselben für eine Darlegung 
unserer absonderlichen Lage zu bitten. 
Ungeachtet der Vorstellung, die man allgemein 
über Fahnenflucht hegt, sind wir der festen Ueber 
zeugung, daß sie bei den Hessen durch jeden Grund 
satz der Gerechtigkeit und Billigkeit zu rechtfertigen 
ist. Wenn ein Fürst es unternimmt, seine Unter 
thanen ohne ihr Wissen und ohne ihre Ein 
willigung zu schändlichen und gottlosen Zwecken 
an eine fremde Macht zu verkaufen, so haben 
solche Unterthanen nach unserer Meinung das 
Recht, den Vertrag zu lösen, sobald sich eine 
Gelegenheit dazu bietet. Diese Lehre wird unseres 
Erachtens bestätigt durch das Völkerrecht, die 
Vernunft und den gesunden Menschenverstand. 
Dies ist jedoch noch nicht ganz unsere Lage, 
und wir glauben, daß die Beweggründe für 
*) Zeitung, die damals in Philadelphia erschien. 
unser Verhalten wenn möglich noch einwands 
freier sind. 
Wir wurden im Dezember 1776 in Trenton 
von den Truppen unter Sr. Excellenz dem 
General Washington gefangen genommen; von 
da wurden wir als Kriegsgefangene in den Staat 
Virginia geschickt, wo uns jede Aufrnerksamkeit 
und Menschenfreundlichkeit erwiesen wurde, die 
unsere Lage gestattete; hier hatten wir Gelegenheit, 
die wahre Natur des Kampfes kennen zu lernen, 
und gerne würden wir damals schon einen so 
widerwärtigen Dienst verlassen haben, wenn es 
unsere Begriffe von Ehre erlaubt hätten. 
Einen solchen Schritt konnten wir damals nur 
mit unserem Gefühl in Einklang bringen, wem: 
wir zunächst unseren Abschied aus dem hessischen 
Dienst nahmen. Zu Anfang des Monats Mai 
wurden wir ausgewechselt, an: 5. Juni reichten 
wir Generalleutnant von Knyphausen unsern 
Abschied ein, und am 6. August verließen wir 
New-Pork. Wir können uns jetzt als Amerikaner 
betrachten; wir haben sehr viel aufgegeben, um 
dieses Vorrecht zu erhalten und hoffen zuversichtlich, 
daß wir in den Augen des Publikums so rein 
dastehen, wie irgend welche andere Unterthanen 
dieser vereinigten Staaten. Man fragt, warum 
wir nach Amerika gekommen sind. Darauf diene 
zur Antwort, daß wir in früher Jugend*) in 
den hessischen Dienst traten und daß uns das, 
was von uns verlangt wurde, gänzlich unbekannt 
war, wozu kommt, daß man in Hessen keine 
andere Wahl hat als den Gehorsam. 
Wenn uns aber auch die Wahl gelassen wäre, 
so Hütten wir nie vermuthen können, daß unser 
Herrscher, den zu verehren und hochzuachten man 
uns seit frühester Kindheit gelehrt hatte, so aller 
Gefühle der Menschlichkeit baar gewesen wäre, 
sein Heer in ein fremdes Land zu schicken, u:n 
in einem Kampfe abgeschlachtet zu werden, der 
sein eigenes Land durchaus nichts anging. 
(gez.) Charles F . . ., Kapitän. 
W. Kl . . ., Kapitän. 
Philadelphia, den 17. Dezember 1778." 
„Edler Seume," höre ich dei: geneigten Leser 
— den längst erleuchteten natürlich ausgenommen — 
im Stillen Abbitte thuend, ausrufen, „wie sehr 
*) F. war damals ausweislich des Kirchenbuchs höch- 
stens 17 Jahre alt.
	        

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