Full text: Hessenland (13.1899)

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Und doch war es 1717 keineswegs zum ersten 
Mal, daß Hessen-kasselische Truppen gegen den 
alten Erbfeind der Christenheit im Felde lagen. 
Schon 1685 und 1686 hatten sie sich in Ungarn, 
1687 ans Morea mit ihm gemessen und der 
althessische Schlachtruf „Schurri, Schurri druff!" 
gehörte seitdem gerade nicht zu den angenehmsten 
Erinnerungen der Türken. Als nun der Sultan 
1717 auf's Neue mit furchtbarer Heeresmacht 
gegen die kaiserlichen Erbländer heranrückte, 
säumte unser damaliger Landgraf Karl keinen 
Augenblick, dem Kaiser ein stattliches Regiment 
Fußtruppen zur Verfügung zu stellen. Er 
wühlte hierzu ein schon vielfach bewährtes Re 
giment, von dem einzelne Theile bereits die 
oben erwähnten Feldziige in Ungarn und aus 
Morea mitgemacht hatten, das Regiment „Prinz 
Maximilian".*) Dasselbe zahlte im Frieden 
15 Kompagnien zu 50 Mann, war also nur 
750 Mann stark. Um es auf Kriegsfuß zu 
bringen, wurde zunächst ein anderes Regiment, 
das des Obristen von Baumbach, mit ihm 
vereinigt, außerdem gaben die übrigen zehn 
hessischen Regimenter je 100 Mann an es ab„ 
Das Regiment zählte nun 2500 Mann, die in 
zwei Grenadier- und fiinfzehn Füsilierkompagnien 
eingetheilt waren. Von letzteren bildeten je fünf 
ein Bataillon. Die Grenadierkompagnien blieben 
selbstständig. Bewaffnet war die Mannschaft 
mit Steinschloßflinten nebst Bajonett. Als 
Seitengewehr diente ein langer, schwerer Pallasch. 
Zur Kleidung gehörten ein bequemer, bis zu 
den Knieen reichender Rock aus dunkelblauem 
Tuch, mit Futter aus rothem Boy und eben 
solchen Ausschlägen, vorn doppelt übereinander 
zu knöpfen; ferner ein Kamisol aus dem Stoffe 
des Rockes; lederne Hosen, die unter dem Knie 
über die Strümpfe geschnallt wurden, lange 
wollene Strümpfe, Juchtenschuhe mit Schnallen 
und Doppelsohlen und endlich ein schwarzer 
Filzhut mit leicht aufgeschlagener Krempe, weißer 
Schnur und der hessischen Kokarde. An Leib 
wäsche führte jeder Mann zwei Hemden aus 
guter Leinwand und zwei weiße Halstücher bei 
sich. Zur Ausrüstung gehörte ein Ranzen oder 
Schnappsack zur Aufnahme der Wüsche und son 
stiger Vorräthe und eine Pulvertasche. Jener 
wurde über die rechte, diese über die linke Patron 
tasche getragen. Außerdem führte jeder Füsilier 
an Schanzzeug eine Hacke mit Stiel bei sich. 
Die Grenadiere machten insofern eine Ausnahme, 
als sie statt der Filzhüte spitze Blechmützen und 
*) Heute H. Bataillon des Infanterie - Regiments 
Nr. 82. 
statt der Patrontaschen größere Taschen zur Auf 
bewahrung ihrer Handgranaten trugen. 
Chef des Regiments war der 1689 als Sohn 
des Landgrafen Karl geborene Prinz Maximilian. 
Er hatte sich schon im spanischen Erbfolgekriege 
am Rhein und in den Niederlanden gegen die 
Franzosen rühmlichst ausgezeichnet. 1712 war er 
zum General ernannt worden. Er begleitete das 
Regiment in den Feldzug, behielt auch beit 
Befehl über dasselbe bei, während die eigentliche 
Führung dem Obristen Gottfried Ernst von 
Wutgin au als sog. „Zweitem Obrist" über 
tragen ward. v. Wutginau, ein geborener Schle 
sier, war gleichfalls ein bewährter Offizier. Früh 
zeitig in hessische Kriegsdienste getreten, hatte er 
unter dem Erbprinzen Friedrich bereits die 
Feldzüge der Hessen in Niederland, Italien und 
in Deutschland mitgemacht. Seit 1715 war er 
Oberst. Die Bataillone wurden von den Oberst 
wachtmeistern von Schenk, Prinz Christian 
zu Anhalt-Bernburg und von Kietzell geführt. 
Oberstlieutenant des Regiments war Georg 
Rudolf von Seyfertitz, ein früherer kur- 
sächsischer Offizier. 
Obwohl Ausrüstullg, Bewaffnung und Be 
kleidung des Regiments allen Anforderungen 
entsprachen, wurde letztere doch der Gleichmäßigkeit 
wegen vollständig erneuert. Vor dem Ausmarsche 
ließ Landgraf Karl die Truppe überdies sehr 
genau mustern. Die damit beauftragten Kom 
missare wies er durch ein eigenhändiges Schreibell 
an, neben anderem auch Mann für Mann zu 
befragen, ob niemand mit Gewalt und Unlust 
zum Dienste gezwungen sei. Schließlich unter 
zog der Landgraf das Regiment noch persönlich 
einer eingehenden Besichtigung. 
Am 24. Mai erfolgte dann der Abmarsch 
aus Hessen, wahrscheinlich vom südlichsten Theile 
des Landes, von Schwarzenfels, aus. Am 25. 
überschritt das Regiment bei Schweinfurt den 
Main, am 7. Juni erreichte es Donauwörth. 
Hier empfing es der kaiserliche Oberkriegskommissar, 
der es abermals zwei Tage lang scharf musterte 
und für den Kaiser in Eid und Pflicht nahm. 
Am nächsten Tage erfolgte die Einschiffung auf 
der Donau; am 16. Juni landete man in 
Wien. Prinz Maximilian war bereits hierhin 
vorausgeeilt, um sich dem Kaiser vorzustellen. 
Am 18. führte er ihm im Beisein des ganzen 
Hofes auch das Regiment vor. Durch das 
schöne kriegerische Aeußere, die straffe Manns 
zucht und die vorzügliche Waffenfertigkeit erwarb 
sich dieses die allgemeine Bewunderung. Be 
sonderes Aussehen erregten namentlich bei der 
Wiener Bevölkerung die Tambours und Pfeifer
	        

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