Full text: Hessenland (13.1899)

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Endlich hörte er ein leises Knirschen des Garten 
kieses, die Tannenzweige bogen sich auseinander, 
und im nächsten Augenblick lag Marie in seinen 
Armen. 
„O," rief sie nach der ersten Begrüßung auf 
geregt, „o Anton, welch ein Unglück! Denke Dir, 
der Moralis, der widerliche spanische Rottmeister 
mit dem alten, verlebten Gesicht und dem Pech 
schnurrbart, hat heute Abend bei meinem Oheim 
um mich angehalten, und der hat ihm zugesagt. 
Morgen schon soll das Verlöbniß in's Reine ge 
bracht werden. Ich habe die Werbung aus der 
Kammer belauscht. Es ahnte mir schon längst 
etwas dergleichen, wenn ich den alten Schleicher 
im Lehnstuhl hinter dem Weinkruge des Pathen 
sich einnisten und mich dabei mit seinen Luchs 
augen verfolgen sah. Nun ist das Unglück da, und 
das Schlimmste dabei ist, daß mein Oheim nicht 
nachlassen wird. Er hält den Moralis für reich 
und eine anständige Partie und wird glauben, 
nur für mein Bestes zu sorgeu, wenn er die väter 
liche Gewalt, die er über mich elternlose Waise 
besitzt, anwendet, um mich mit dem Spanier in 
das Ehejoch zu zwingen." 
Dem Pagen gab diese unerwartete Nachricht 
einen Stich in das Herz, zugleich aber brachte sie 
den Entschluß zur letzten Reife, mit dem er sich 
nun schon seit Wochen getragen hatte. 
„Wie kann davon die Rede sein, daß Du dem 
lüderlichen Burschen aufgeopfert werdest?" sagte 
er, indem er das Mädchen neben sich auf die 
Steinbauk zog; „nie, so lange Anton von Wersabe 
noch seinen Arm rühren kann! Doch ein Unglück 
kommt nie allein, sagt man bei uns zu Haus, und 
so ist es hier. Ich habe Dich heute ersucht, mir 
hier ein Stündchen zu gönnen, um Dir mitzutheilen, 
was ich bisher Dir zu sagen nicht den Muth hatte, 
weil es mir selbst fast vor Kummer das Herz 
abdrückt. Kurz und gut, Marie, ich muß morgen 
in der Frühe im Dienste meines Herrn von hier 
fort reiten, und niemand, ich am wenigsten, weiß 
zu sagen, ob und wann ich jemals wieder kehren 
werde. Bitte, laß mich ausreden", fuhr er zu 
sprechen fort, als sie ihn mit einem Laut des | 
tiefsten 'Seelenschmerzes und mit einer Menge 
hastiger Fragen über Zweck und Ziel seiner Reise 
unterbrochen hatte. „Es giebt ein Mittel, diese 
Trennung 31t vermeiden, die jetzt infolge der 
Werbung des Spaniers noch gefährlicher geworden 
ist. Ich habe es genau bedacht und schlage Dir 
in Ehren und Tugenden vor: komm mit mir und 
folge mir aus dem Hause Deines Oheims; ich 
werde Dich auf die Meydenburg bei Bremen in 
das Haus meines Vaters und in die Arme meiner 
guten Mutter geleiten, und, da Du mir oft gesagt 
hast, daß Du unserer Religion im Grunde Deines 
Herzens hold seist, so zweifle ich nicht, daß meine 
greisen Eltern dem Glücke ihres einzigen Kindes 
nichts in den Weg legen werden." 
Marie hatte still diesen Worten gelauscht. Der 
Page fühlte aber an dem Erkalten ihrer Hand und 
an dem fröstelnden Zusammenschauern ihres Körpers, 
trotz der Dunkelheit, daß sie todtenbleich geworden 
war. Sie lehnte das blonde Köpfchen an feine 
Schulter und sagte dann mit einer Stimme, der 
man das verhaltene Schluchzen anhörte: „Anton, 
was würde man von mir denken, wenn ich aus 
solche Weise das Haus des Oheims verlassen würde? 
Meine Ehre wäre dahin, und was habe ich armes 
Kind Dir und Deinen vornehmen Eltern anderes 
zu bieten, als meinen unbefleckten Ruf! Sorge 
nicht, ich bleibe Dir unter allen Umständen getreu, 
und tritt dermaleinst durch die Gnade des Kaisers 
eine Aenderung in der Lage Deines Herrn ein, 
dann komme zu dem Oheim, begehre meine Hand, 
er wird sie Dir um so weniger verweigern, als 
auch er im Herzen der neuen Lehre zugethan ist, 
und dann folge ich Dir, und ginge es bis an das 
Ende der Welt." 
Dem Edelknaben gingen diese Worte des Mäd 
chens wie scharfe Messer durch die Seele. Er fühlte 
ihre Wahrheit, aber er begriff auch, daß sie ihn 
ewig von der Geliebten schieden. Denn mochte 
— so sagte er sich — die Flucht des Landgrafen 
gelingen oder nicht, nie würde der alte Bruck in 
die Verbindung Mariens mit einem Manne willigen, 
der diese betrügen und ihn selbst dadurch in das 
Unglück hatte stürzen wollen. Was Marie selbst 
anging, so hoffte er, sie werde ihm seinen Ver 
trauensbruch nachträglich verzeihen, wenn sie ihm 
nur erst gefolgt und das Abenteuer glücklich be 
standen sei. Er entschloß sich daher noch zu einem 
letzten Versuch. 
„Versprich mir wenigstens," sagte er, „daß Du 
meinen Vorschlag diese Nacht hindurch noch einmal 
sorgsam erwägen willst. Jetzt ist meine Zeit um, 
Seine Fürstlichen Gnaden erwarten mich. Morgen 
gegen sieben Uhr reite ich mit den hente verab 
schiedeten Dienern heimwärts. Erwarte mich um 
sechs Uhr in der Frühe, und wenn Du Dich, wie 
ich hoffe, bis dahin besonnen hast, so sei znr Flucht 
gerüstet." 
Weiter wagte er nicht zu sprechen, denn es dünkte 
ihn, er habe den Kies des Gartenweges unter einem 
Fußtritt knirschen hören. Auch, Marie lauschte in 
die rabenschwarze Nacht hinein. Noch verharrten 
beide eine Weile in lautlosem, ängstlichem Horchen, 
doch war nichts zu hören als das Heulen des 
Windes, dem in der Ferne das dumpfe Rauschen 
der Tyle antwortete.
	        

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