Full text: Hessenland (13.1899)

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Aus der Selbstbiographie von Johann Heinrich Mol ff, 
Architekt und Profestor in Kastei (1792—isg9). 
(Fortsetzung.) 
^tjjl^etne Reise ging über Frankfurt, Darmstadt, 
Jfjpf das schöne Heidelberg und Straßburg, wo ich 
^ ; mich einige Tage aufhielt, um das Münster, 
das mich eben so sehr durch seine kolossale Groß 
artigkeit, als durch seine schönen Details, nament 
lich in den zwei unteren Stockwerken der Fa^ade 
überraschte und entzückte, anzustaunen und zu 
stndiren: ich zeichnete Einiges von dem Rippen- 
und Rahmenwerk des Aeußeren und Inneren. — 
Von da ging es ohne Rast über Metz, Chalons 
und durch die Champagne dem Orte meiner Be 
stimmung zu. Es läßt sich denken, mit welcher 
Spannung und mit welchen hochgehenden Er 
wartungen ich in Paris einfuhr. Spät am 
Nachmittage erreichten wir die Thore der Stadt 
und rasselten wohl Stunden lang auf dem 
schlechten Pflaster der unendlich vielen, sehr be 
lebten Straßen bis zum Posthause, wo ich als 
bald erneu Fiacre bestieg, um das Hotel de Lyon, 
Rue St. Jacques (Nr. 40) aufzusuchen. Der 
Zufall wollte, daß unser Weg nur durch die 
uubedeutendern und durch das plötzlich eingetretene 
Regeuwetter sehr schmutzigen Onartiere der Stadt 
führte (wo die Gossen noch in der Mitte der 
Straßen lagen und die durchfahrenden Wagen 
die Vorübergehenden aus jämmerliche Weise mit 
Koth besprühten), daß nirgends ein großes oder 
interessantes Gebäude sichtbar wurde, und so sehr 
auch das Gewühl der Menschen und die endlose 
Reihe von Häusern und Straßen, durch die ich 
fuhr, die große, volkreiche Hauptstadt ankündigten, 
so sah ich doch nichts von der Pracht und der 
durchgängigen Großartigkeit, die ich mir vor 
gestellt hatte. Fühlte ich mich nun durch diese 
Enttäuschung schon einigermaßen herabgedrückt, 
so sollte der Empfang und der Eindruck, der mir 
beim ersten Eintritt in meine künftige Wohnung 
zu Theil wurde, diese Stimmung noch in hohem 
Grad vermehren. Durch lauge, dunkele Gänge 
— ein bescheidenes Hotel garni der damaligen 
Zeit bot noch nicht den von Lichterglanz über 
strahlenden Luxus unserer heutigen Wirthshäuser 
dar -- gelaugte ich endlich in das unansehnliche 
niedrige Gastzimmer, wo ich mich nach meinen 
schon seit einem halben Jahre hier wohnenden 
Landsleuten, den Malern Arnold und Krauskopf, 
erkundigte, welche im Voraus Wohnung für mich 
bestellt hatten. Trotz dem, daß ich hiernach doch 
schon ein erwarteter Gast sein musste und einen 
freundlichen Empfang erwarten konnte, schien 
meine Erscheinung nur Befremden, Bestürzung 
und Verwirrung zu veranlassen; man wußte 
nicht, ob und was man mir auf meine wieder 
holten Fragen antworten sollte, und erst nach 
langem Zögern und geflüsterten Verhandlungen 
wurde ich durch eineu Savoyarden, der das 
Factvtum des Hotels zu fein schien, in die 
höchsten Regionen des Hanfes, in das vierte 
Stockwerk geleitet. Hier in einem unscheinbaren 
und noch dazu kalten Mansardeustübchen, spärlich 
erhellt durch ein einziges Talglicht, war meine 
Lage in der ersten halben Stunde eine höchst 
unbehagliche, indem ich nur vergeblich den Kops 
darüber zerbrach, was das Staunen und die 
heimlichen Berathungen der Wirthsleute bei 
meinem Eintritt wohl zu bedeuten haben möchten. 
Die Sache kam mir ganz unheimlich vor; un 
willkürlich wurde ich an den Roman „Der große 
Abällino" erinnert, den ich als Knabe gelesen. 
Das plötzliche Eintreten dieses berüchtigten Ban 
diten in den Kreis einer stillen Familie hätte 
keinen größeren Schrecken verursachen können, als 
ich offenbar mit meiner Erscheinung unten im 
Hanse hervorgebracht hatte. Diese unangenehmen 
Betrachtungen unterbrach die Ankunft meiner 
lieben Jugendfreunde, die mich voller Jubel und 
mit alter Herzlichkeit in die Arme schlossen und 
tausenderlei aus der Heimath berichtet haben 
wollten. Nur mit Mühe konnte ich in der Un 
ruhe, in der ich mich befand, ihre Freundlichkeit 
erwidern und ihrer Wißbegierde genügen; als sie 
mich aber aufforderten, mit ihnen noch einen 
Ausflug in die Stadt zu machen, um mir diese 
von einer interessanteren Seite, als ich sie bisher 
gesehen hatte, zu zeigen, da erklärte ich ihnen 
kurz und rund, ich würde die verhängnißvollen, 
unteren Räume dieses Hauses nicht eher wieder 
betreten, bis ich Aufklärung über die Ursache 
meines wunderbaren Empfanges in demselben er 
halten hätte, denn ich fürchtete nichts Geringeres, 
als daß man mich etwa um der Aehnlichkeit 
willen mit irgend einem durchgegangenen Tauge 
nichts festnehmen wolle. Selbst neugierig gemacht 
durch meine Schilderung, eilten meine Freunde 
zu den Wirthslcnten, die sie ihrerseits in der 
größten Aufregung, Freude und Rührung fanden, 
lind erfuhren nun zu ihrem Erstaunen, wie man 
nicht anders glaube, als daß ich der Sohn des 
Hauses fei, der im Frühjahr den Fahnen des 
Kaisers nach Rußland gefolgt sei und seit bem
	        

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