Full text: Hessenland (13.1899)

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dem wir berichten — „von solchem an das 
Collegium Carolinum gehen, so finden sie hier 
eine an's Ltzcenm schließende zweckmäßige Fort 
setzung ihrer Studien, welche für die Universität 
und zu Geschäften den Jüngling hinreichend ge- 
s chickt und tüchtig machen." 
Dies Collegium Carolinum war im Jahre 1709 
von Landgraf Karl errichtet worden, um die von 
den unteren lateinischen Schulen kommenden jungen 
Leute, welche sich einem Faknltütsstndium auf der 
Universität widmen wollten, für ein solches vor 
zubereiten. Zu dem Zwecke sollten diese dem- 
nächstigen Studirenden in den philosophischen, 
physikalischen, mathematischen, philologischen, histo 
rischen unb schönen Wissenschaften unterrichtet 
werden. Die Aufgabe des Kollegiums wurde von 
Friedrich II. schon im Jahre 1766, noch bestimmter 
aber durch die erneuerten und verbesserten Gesetze 
desselben vom 17. September 1773 dahin erweitert, 
daß auch junge Leute, die sich dem Svldaten- 
stande, dem Hof oder solchen Bahnen bestimmten, 
welche mehr Lebensart, Leibcsgeschicklichkeit, Kennt 
niß der lebenden Sprachen und „enrrente Wissen 
schaften der heutigen Welt", wie es wörtlich in 
dem Erlaß von 1773 heißt, „als tiefe Gelehrsam 
keit erfordern" die nöthige Vorbereitung finden 
möchten, nicht weniger auch diejenigen, welche die 
schönen Künste, insonderheit Malerei, Bau- und 
Bildhauerkunst, zu erlernen gewillt seien. 
Für Kavaliere und junge Leute vom Stande, 
ihre künftige Bestimmung mochte sein, welche sie 
wollte, wurde in der Voraussetzung, daß sie sich 
zwei Jahre am Kollegium aufhalten würden, 
folgender Normal-Studienplan aufgestellt: 
Im ersten Semester: Tanzen und Musik, 
ranzösische Sprache und Literatur, nebst Uebungen 
derselben im Schreiben; deutsche Sprache auf 
gleiche Weise; allgemeine Encyklopädie und 
Geographie. 
Im zweiten Semester: Zeichnen nach Nissen 
und Figuren; Tanzen; französische Sprache, 
Uebungen im Sprechen und Schreiben; Italienisch; 
Mathematik; Universalgeschichte und historische 
Hülfswissenschaften, wie Heraldik und Numismatik. 
Im dritten Semester: Reiten und Fechten, 
Französisch und Englisch; Anleitungen zu den 
schönen Künsten und Wissenschaften nebst dazu 
gehörenden Uebungen in schriftlichen Aufsätzen; 
deutsche Geschichte; Physik und Naturgeschichte. 
Im vierten Semester: Reiten, Fechten, Englisch, 
deutsches Staatsrecht und Statistik, praktische 
Philosophie, Uebungen in schriftlichen Aufsätzen 
deutsch und französisch. 
Für diejenigen, welche pcy oem Mllitär widmen 
wollten, wurde empfohlen: im ersten Semester 
statt des Tanzens und der Musik „Mathesis pura“ 
nebst Arithmetik. Im zweiten Semester statt des 
Italienischen und der Mathematik „Natli68i8 
adplicata“ und Zeichnen. Im dritten Semester 
statt der schönen Wissenschaften Fortifikation und 
Artillerie und statt der Physik eine „histoire 
militaire“. Im vierten Semester statt des deutschen 
Staatsrcchts die Taktik im ganzen Umfang nebst 
Zeichnen und praktischen Uebungen. 
Was wir bis jetzt aus der Verordnung Fried- 
rich's von 1773 referirten, beweist, mit welch 
hohem Maßstab der Landgraf die Ausbildung 
der Söhne der höheren Stände, insbesondere 
künftiger Beamten und Offiziere, gemessen sehen 
wollte; mit besonderem Nachdruck aber fordert er 
eine sorgfältige und gründliche Vorbereitung der 
Studirenden der Rechtswissenschaften mit folgender 
Ausführung: 
„Alles, was ein künftiger brauchbarer Nechts- 
gelehrter zu erlernen hat, besteht theils in Vor- 
bereitungs- und Hülfswissenschaften, theils in den 
eigentlichen Wissenschaften der Rechte. Sie hängen 
alle auf das unzertrennlichste zusammen, und man 
erreicht in keiner einen Grad von Vollkommen 
heit, wenn man nicht in allen sich umgesehen 
hat. Ebensowenig wird, ohne eine der Sache an 
gemessene Ordnung der Erlernung der Wissen 
schaften zu beobachten, jemand ein gründlicher 
Rechtsgelehrter jemals werden, und unordentliche 
und unverdaute Kenntnisse sind am Ende in 
Betreibung der Geschäfte oft von größerem Nach 
theil als der gänzliche Mangel derselben. 
Es werden daher am hiesigen eollegio ency- 
elopädische und methodologische Vorlesungen gehal 
ten, um jeden angehenden Studirenden bei Zeiten 
zu unterrichten, was? und wie? er zweckmäßig 
studiren solle. Da die Absicht des ganzen collegii 
hauptsächlich auf Vorbereitungs-Wissenschaften ge 
richtet ist, so trifft ein angehender 8tudio8U8 juris 
auch hierin den vorzüglichsten Unterricht an. Sie 
lassen sich folglich unter folgende 4 Klassen 
bringen: 1) Sprachen; 2) Historische Kenntnisse; 
3) Wissenschaften im eigentlichen Verstände; 
4) Schöne Künste und Leibesübungen." 
Schon die Stipendiatenordnung vom 20. August 
1765 hatte für die Universitätsstudien, für welche 
der zweijährige Besuch des Earolinums die letzte 
Vorbereitung sein sollte, in allen Fakultäten ein 
gningnenninrn vorgeschrieben; noch bestimmter 
brachte die Verordnung vom 17. Januar 1766, 
„die Haltung der eollegiorum auf den Uni 
versitäten zu Marburg und Rinteln betreffend", 
die Vorschrift eines fünfjährigen Curriculums für 
die Stipendiaten, und zwar sowohl für die Theo 
logen wie für die Juristen und für die Mediziner,
	        

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