Full text: Hessenland (13.1899)

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Und nun soweit, nach Vorausschicknng einiger 
allgemeinen Bestimmungen über die Gemeinde- 
Borstände, in nicht weniger als fünfzig Artikeln 
(mit der Sabbathsordnnng beginnend) alle zur 
Regelung des häuslichen und wirtschaftlichen 
Lebens des Einzelnen und der Familien, wie für 
die Erfüllung der Unterthaneupflichten und für 
die Uebung der bürgerlichen imd Genossenschasts- 
Nechtc in einer Dorfgemeinde dienlichen Vorschriften. 
Wir wollen versuchen, das Bild eines hessischen 
Bauerndorfs zu zeichnen, wie wir uns dasselbe 
als Schauplatz eines auf solche Art geregelten 
Lebens vorzustellen haben, und gedenken an 
einzelnen Beispielen zu zeigen, welche Zustände 
der Gesetzgeber durch seine Fürsorge befestigen 
oder begründen wollte. 
Auf einer mäßigen Anhöhe erhebt sich eine in 
einfachem gothischen Stil erbaute Kirche, deren 
Mauern mit ihrem quadratisch aufsteigenden, mit 
beschiefertem Helm und vier Eckthürmchen ab 
schließenden Glockenthurm die Stürme des dreißig 
jährigen Kriegs überdauert haben. Der ringsum 
mit niedriger Mauer eingefriedigte Kirchhof dient, 
wie zahlreiche alte Holzkreuze bekunden, als 
Begräbuißplatz. An die Kirchhosmauer angelehnt 
steht nach Osten das Pfarrhaus, nach Süden 
das Küster- und Schulhaus. In müßiger Ent 
fernung vom Kirchhof zieht die Landstraße vorüber, 
au welche durch die alte Dorflinde gekennzeichnet 
ein mit rohen Steinen eingefaßter runder Platz 
sich anlegt, der als Berfammlungsplatz der Ge 
meinde zu Berathungen und zur Anhörung von 
Bekanntmachungen sowie als Tanzplatz bei den 
herkömmlichen Kirmeßtäuzen dient. 
Zu beiden Seiten der Landstraße und der zur 
Kirche führenden Dorfwege liegen die Bauernhöfe. 
Die Mehrzahl derselben ist von gleicher Größe 
und Bauart, an zwei Seiten bebaute offene Vier 
ecke bildend; der Straße gegenüber Wohnhaus 
mit angebauter Scheune, rechtwinklig dazu ein 
Stallgebüude mit davor liegender Miststätte. Die 
Gleichartigkeit der Gebäude entspricht der Gleich 
mäßigkeit des Besitzes, dessen Einheit die untheil- 
bare Hufe in der Größe von 30 Kasseler Acker 
bildet. Ein jedes Gebäude soll nach der Vorschrift 
der Grebenordnung „nach des Bauenden Haus 
halt, größer aber nicht verfertiget" werden. Um 
Barlholz zu sparen, soll so viel nur thunlich und 
zwar vornehmlich das unterste Stockwerk von 
Steinen geballt werden. Jedenfalls müssen die 
Grundschwellen am niedrigsten Ort 2 — 3 Schuh 
hoch von der Erde gelegt und untermauert werden. 
Ohne ausdrückliche Erlaubniß sind ans neue Ge 
bäude keine Stroh-, sondern Ziegeldächer zu machen. 
Nur einzelne Hofraitheu zeichnen sich durch 
größere Zahl und Stattlichkeit der Gebäude aus, 
der oben angeführten Vorschrift gemäß dem 
Bedürfniß der Haushalte und Wirthschaften ihrer 
Besitzer entsprechend, welche zwei oder drei Husen, 
also 00 oder 90 Kasseler Acker bewirthschaften. 
Hinter jedem Wohnhaus liegt ein Hausgarten, 
dessen Obstbaumbestand durch die Bestimmung 
gesichert erscheint, daß jeder neue Einzüger fünf 
und jedes sich verheirathende junge Ehepaar vier 
Obstbüume auf seinem eigenen Grund und Boden 
anpflanzen nnb pflegen soll. In jedem einiger 
maßen genügend Fläche haltenden Garten ist ein 
Stück mit Klee oder anderem „Futterwerk" bestellt, 
was zur Begünstigung der Stallfntterung und 
um dem „so vielfältig geklagt werdenden Mangel 
an der Hute" zu begegnen, mit besonderem Nach 
druck vorgeschrieben wird. 
Einer der Bauern führt eine Gast- und Schenk- 
wirthschast, an der die dilrchfahrenden Fuhrleute 
anhalten und wo die Bauern an Sonn- und 
Festtagnachmittagen ihr Glas Bier trinken. 
Niemals sollen eigentliche Trinkgelage geduldet 
werden, der Wirth darf Abends nach 10 Uhr 
keine Gäste mehr sitzen haben, „Söffer" sollen 
den Beamten angezeigt werden und zur Verhütung 
von Trinkfchulden wird bestimmt, daß kein Wirth 
einem Bauern mehr als 16 Albus (ungefähr 
— 1 Mk. 50 Pfg.) borgen darf, „oder er ver 
liert die Schuld und wird noch dazu gestraft". 
Da wo am Ende der einen Dorsstraße der 
Gemeindeanger beginnt, steht auf diesem zunächst 
Spritzenhaus, Hirtenhaus und Gemeindebackosen, 
dann aber haben sich hier die wenigen Ködder oder 
Beiwohner angesiedelt — namentlich ein Schmied 
und ein Zimmermann — denen Theile des 
Gemeindeangers als Bauplätze für ihre einfachen 
Häuser überlassen worden sind. Am Gemeinde 
anger entspringt eine Quelle, die zunächst in den 
Feuerteich zu dessen ständiger Speisung geleitet 
ist, dann aber nach Aufnahme mehrerer in dem 
nahen Gemeindewald entsprungener Zuflüsse sich 
als Bach durch den am Wald hinziehenden 
Wiesengrund schlängelt, bald wasserreich genug, 
um der am Ende des Wiesengrunds gelegenen 
Mühle die nöthige Wasserkraft abzugeben. In 
diese Mühle sind die Bewohner sämmtlicher im 
Umkreis einer Meile gelegenen Wohnstätten als 
Mahlgäste gebannt, dürfen also ihre Früchte 
nirgends anders mahlen lassen. Dagegen ist der 
Müller verpflichtet, die Früchte zu rechter Zeit 
bei seinen Gästen abzulängen und ihnen das Mehl 
und Geschrot wiederzubringen, dafür aber mehr 
nicht als die hergebrachte Möller zu nehmen. 
; folgt.)
	        

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