Full text: Hessenland (13.1899)

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Wie sie jedem das Beste wünschte und gönnte, 
so glaubte sie von jedem auch das Beste. Sie 
sah die Welt und die Menschen in einem ganz 
besonderen Licht; wo andere nur Schattenseiten 
sahen, da fand „Tante Sabina" gewiß noch Licht 
seiten aus, und so ungesucht und natürlich war 
dies an ihr, daß man in ihrer Gegenwart über 
zeugt war, es sei auch wirklich so. Dieser ideale 
Zug ihres Wesens, verbunden mit großer körper 
licher Rüstigkeit, hatte sie bis in ihr sehr vor 
gerücktes Alter (Fräulein von Mannskopf stand 
zwischen 70 und 80 Jahren) frisch und, mau 
könnte sagen, jung erhalten. Wenn sie sich für 
einen Gegenstand erwärmte und in ihrer lebhaften 
Weise darüber sprach, dann erglänzte ihr Auge 
in wahrhaft jugendlichem Feuer, und auch die 
markige, kräftige Stimme schien keiner Greisin 
anzugehören. Dabei sprach sie stets mit erhobener 
Stimme, wie dies ihrer stets gehobenen Stimmung 
entsprach; „wenn sie einmal nicht mehr enthu- 
siasmirt wäre, dann lebte sie nicht mehr", pflegte 
sie zu sagen. 
Bon ihren beträchtlichen Einkünften machte 
Fräulein Sabina ben schönsten Gebrauch; nicht 
nur, daß sie im Stillen viel Gutes that, nein, sie 
verstand es auch, überall, so weit ihr Auge und 
ihre Hand reichte, Freude zu machen, und dabei 
selbst das Leben zu genießen. Geistreiche Leute 
bei sich zu sehen, junge Talente zu unterstützen, 
jemanden, der so recht den geheimen Wunsch 
darnach trug, mit sich ans Reisen 31t nehmen, das 
waren die Freuden, die sie sich und anderen bereitete. 
Bis in ihr hohes Alter hinein konnte sie noch 
schwärmen, und gerade dieser Zug hatte ihr die 
Herzen aller jungen Mädchen im Familien- und 
Freundeskreis gewonnen, und was sie kaum der 
Mutter anvertraut hätten, das durste und mußte 
„Tante Sabina" erfahren. Denn sie, die Alte, 
ewig Junge, konnte ja alles mit verstehen und 
mit fühlen, und wenn irgendwo ein glücklicher 
Herzensbund zu Stand kam,'um den sie gewußt 
oder zu dem sie mit verholfen hatte, dann war's 
ihr, als ob sie selbst Verlobung feiere. 
Besonders tief hatte sie den jungen Pfarrer 
Ullrich, den Sohn einer, allerdings viel jüngeren, 
Freundin in ihr Herz geschlossen; während all' 
seiner Studienjahre hatte sie ihn mit ihrem 
Interesse begleitet und seine ersten Erfolge beob 
achtet, und als er jetzt, vor Kurzem, in das alte 
Pfarrhaus der St. Michaelskirche seinen Einzug 
hielt, da schien sich die alte Dame um Jahre zu 
verjüngen. Hatte schon immer ihr bekanntes 
Gespann, die Falben vor der schweren Kutsche, 
Sonntags an der Kirchenpsorte gehalten (Fräulein 
Sabina war wirklich fromm und hatte kirchlichen ! 
Sinn), so sollte es jetzt gewiß nicht fehlen. Denn: 
„Gerhard zu hören mit seinem Feuer und seiner 
Beredsamkeit, seinem Geist und seiner Innigkeit", 
das war ein Hochgenuß, den man nicht versäumen 
durste. — 
Heute saß Fräulein von Mannskops mit allen 
Zeichen der Aufregung in ihrem Lehnsessel. Die 
welken Wangen waren geröthet, die mächtige Haube 
hatte sich auf dem weißen Scheitel verschoben, und 
in lebhafter Bewegung gestikulirte sie mit den 
Händen. Vor ihr kniete ein liebreizendes, blondes 
junges Mädchen, das die großen, blauen Augen 
mit reuigem Ausdruck zu ihr aufgeschlagen hatte. 
„Nein, Lilli, wie konntest Du nur, — wie 
war's nur möglich — ? Ich verstehe Dich gar 
nicht." 
Fräulein Sabina sprach mit sehr starker Stimme 
und zog bald rechts, bald links an ihren Hauben 
bändern. 
Das junge Mädchen suchte die Hände der 
Greisin zu erfassen, streichelte iutb küßte sie. 
„Es war unverzeihlich, gewiß, ich weiß es, 
liebstes Tantchen; aber rege Dich nur nicht mehr 
auf und sei wieder gut. Sieh, Du haltest doch 
selbst an jenem Sonntag gesagt: ,Nein, so schön, 
so ergreifend war Gerhardts Predigt, gleich direkt 
möchte man sie sich abschreiben?" 
Lilli sah der alten Großtante treuherzig in die 
Augen und streichelte und schmeichelte dabei fort 
während an den welken Händen und Wangen 
herum. „Nun paßte das an deni Tage gerade 
so schön. Frau Professor hatte nöthig zu thun, 
Mademoiselle Turin war eingeladen, und ich hatte 
den ganzen Sonntag Abend zum Abschreiben. 
Siehst Du, Tantchen, nun wollt' ich Dich über 
raschen. Als Du Nachmittags ausgegangen warst, 
gab ich Deiner Sophie die besten Worte, sie solle 
in's Pfarrhaus gehen und sich in Deinem Namen, 
nur für den einen Abend die Predigt ausbitten. 
Sophie aber, die viel tugendhafter ist wie ich, 
weigerte sich standhaft ohne Dein Geheiß hinzugehen. 
Ich wurde schon ganz traurig und wollte die Idee 
aufgeben, da kam mir plötzlich. der Einsall: 
wenn ich nun selbst die Predigt holte? Ja, 
Tantchen, daß ich's nur gestehe, gerade das Aben 
teuerliche des Einfalls reizte mich. Nach vielem 
Zureden brachte ich die Barbe, Deine Köchin, herum, 
daß sie mir den schmucken Sonntagsanzug lieh, 
den sie von Hause her noch in ihrer Kiste hat. 
Und als ich erst in den Kleidern steckte, ich weiß 
nicht, da kam der Geist meiner Rolle über mich. 
Es wurde mir gar nicht schwer Dienstmädel zu 
spielen; sogar in Bärbe's Dialekt siel ich von selbst." 
Fräulein von Mannskops sah noch immer sehr 
ernst aus. „Wie alt bist Du eigentlich, Lilli?"
	        

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