Full text: Hessenland (12.1898)

tDo ist das Glück? 
ist das Glück, das schon seit ew'gen Zeiten 
Der Mensch an seine Fersen möchte binden?! 
wo ist das Glück, das wahre Glück zu finden, 
Um das die Götter Sterbliche beneiden?! 
Ist's in Palästen, wo sie Kronen tragen? 
wo Sammt und Seide, Gold und echte Spitzen, 
wo Schleppen rauschen, Diamanten blitzen 
Und hoch die Kerzen voller Ehrgeiz schlagen? 
Ist's, wo die Kunst, die göttliche hienieden 
So herrliches in Wort und Bild gestaltet? 
Der holde Geist des Schönen herrscht und waltet 
Und Lorbeer reich dem Künstler wird beschieden? 
wo ist das Glück?! In klösterlicher Stille, 
wo längst erlöscht des Herzens heiße Flamme? 
Wo eit'le weltlust brach in sich zusammen 
Und im Gehorsam starb der eig'ne Wille. 
Ich weiß es nicht! wohin die Blicke richten? 
wer wird des Räthsels Lösung mir verkünden? 
Der Wahrheit Fackel leuchtend mir entzünden 
Und so die Zweifel meiner Seele richten? 
Ich rief es laut, und Anwort ward gegeben, 
Das Schicksal hatte meinen Ruf vernommen; 
Aus dunkeln Wolken war's zu mir gekommen, 
Um Licht zu bringen endlich in mein Leben. 
Es sprach: Das Glück ist frei wie die Gedanken, 
Und allerorten findest Du's zur Stelle; 
Sei's im Palast, in Hütte oder Zelle, 
Das wahre Glück kennt keine äußern Schranken, 
Du mußt es selbst im Busen hegen, tragen, 
Dann wird es nimmer fiüchtig Dir entschwinden; 
Denn wahres Glück ist nur allein zu finden 
Im Glauben, Lieben, hoffen und — Entsagen. 
A««a Slirn-Mviere. 
(Aus „Helldunkel". Kassel (897.)
	        

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