Volltext: Hessenland (11.1897)

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Zu spät. 
Aus dem l'dx'u erzählt von I e a it V o i g t. 
wunderschönen Mount Mai, wenn ! 
die Maiglöckchen läuten, die Knospen 
[P r i n O eu "nd die Vögel singen, dann 
/EHDEZ suhlt das empfängliche Menschenherz 
sich so glücklich, und es ist ihm dann gewöhnlich 
eine Freude, zu beglücken. 
Ilnd einst ine Mai kaue der Herr Prvtnratvr 
Kvnrad Römer, der einzige Rechtsanwalt im 
Städtchen, vom Gericht und ging seiner vor'm 
Thor in voller Maien- und Blüthenpracht gelegenen 
Wohnung zu. Aber es mußte heute wohl nicht 
nach seinein Wunsche gegangen fein im Gerichts 
zimmer, bettn er sah so stolz und verdrießlich ans, 
der Herr Prokttratvr, und der Mai mit all' 
seiner Pracht schien ihn kalt zu lassen. Er be 
achtete kaum die ehrfurchtsvollen Grüße, welche 
die begegnenden Ackerbürger an ihn richteten, und 
kopfschüttelnd sah ihm ein altes verschrumpeltes 
Männchen nach, das sonst einen Gegengrnß ge 
wöhnt sein mochte und deshalb jetzt vor sich 
hinknurrte, als ob es fragen wollte: „Was denn 
wohl dem in die Krone gefahren sein mag, daß 
er so ganz der schönen Maiensonne zuwider 
unfreundlich ist." 
Zn Hause, — und der Prokurator besaß ein 
sehr freundliches Zuhause, ein Haus ganz für 
sich allein, — hellte sich sein „verdrießliches Amts 
gesicht", wie es sein 18jahriges Töchterchen, seine,, 
stattliche Erstgeborene, sonst sein goldblondes 
Sonnenfcheinchen, schmollend nannte, noch lange 
nicht auf; der Herr Prokurator zog sich alsbald 
in feine Amtsstube zurück und grübelte. — Aber 
weder fein altes Faktotum in der Schreibstube 
nebenan, noch seine Gattin, noch seine Tochter 
lvagten zu fragen, — wenn man indeß warten 
wollte, bis er ihnen von selbst mittheilen würde, 
worüber er grübelte nnb was ihn verdroß, dann 
kannte man den stolzen Herrn schlecht. Ja, er 
war stolz, der Rechtsbeistand der Bürger und 
Bauern im Amtsbezirke Trübenau, und eigentlich 
hätte für ihn ein Mensch ohne akademische Bildung 
gar keine Existenzberechtigung gehabt, wenn nicht 
gerade die ans Universitätsbildung verzichtenden 
teilte vorzugsweise seine Klienten ausgemacht 
Hütten. Stammte er doch ans einer alten Pfarrers- 
samilie, in der seit unvordenklichen Zeiten alle 
Jungen, ob sie begabt waren oder nicht, ganz 
selbstverständlich, ausgerüstet mit Stipendien, 
auf die Hochschule geschickt wurden. Sv begegnete 
man in den Annalen der Familie Römer mir 
studierten Leuten, würdigen Psarrherren, Kon- 
sistorial-, Gerichts- und anderen Räthen, denn 
wenn es auch bei einzelnen langsaut und schwer 
fällig von Statte» gegangen war, „durch" tvareu 
sie schließlich alle gekommen; der eine hakte dem 
andereit fortgeholfen. — 
Augenblicklich war der Herr Prokurator tinnahbar, 
und offenbar wollte er einett schwerett Berdrttß 
mit sich allein verwinden, da er sich jede Störung 
verbeten nnb auch Luise, seinen sonst alles ver 
mögenden Liebling, wiederholt abgewicfeit hatte. 
Vorsichtig ging Luise dann ans Entdeeknngs- 
reiseti, denn der Vater in seiner unnahbaren Ver 
schlossenheit machte sie ängstlich nnb besorgt. Sie 
schob sich leise in die Schreibstube hinein, in 
welcher Herr Plettenberg, Papa's Buchhalter, 
Bureatlchef und Faktottim, mit seinen Schreiber 
jünglingen oder, wie sie gewöhnlich meinte, „Papa's 
Federvolk" hauste. Mit Herrn Plettenberg, der 
schon zwei Jahre vor ihrer Geburt in diese Stttbe 
als OOjühriger, gut empsohlettcr Mann ans der 
nahen Hauptstadt eingerückt war, sich nun 20 Jahre 
lang dort behauptet, ans dem Städtchen eilt Weib 
genomnten und auch längst Sitz und Stimme im 
Bürgerausschuß erworben hatte, stand sie „reizend". 
Wie konnte das auch anders fein, bentt er war 
ihr Vertrauter gewesen in allen ihren kleinen und 
großen Kindergeheimnissen, und jetzt sah der 
einfache trene Mann mit der großen Hornbrille 
oft viel schärfer, las viel sicherer im Herzen der 
erblühten Jungfrau und hatte viel mehr Ver- 
stüitdttiß für ihre Leideit nnb Freuden, als ihr 
stolzer guter Vater und ihr liebes, argloses 
Mütterchett. So wttßte er auch schon lange, daß 
Fräulein Lnischen trotz Vaters strengem Verbot 
und ungeachtet der dringenden Bitten ihrer Mutter 
nicht von „ihrem Theo" lassen konnte, daß sie 
immer noch mit dem Forstkandidnten Theodor 
Ritter Briefe wechselte, nnb wenn er in bett 
Ferien hier zu Hanse bei seinen Eltern verweilte, 
auch Znsantmeitkünste mit ihm zu Stande zu 
bringen keilten Anstand nahm. Aber er wußte 
auch, daß der Herr Prokurator niemals seinen 
Widerstand gegelt dieses Liebesverhältniß feiner 
Tochter aufgeben würde. Er hatte zwar all 
deni jungen Ritter ltichts weiter auszusetzen, als 
daß er im Dlwrförster-Eramen durchgefallen war, 
aber das hätte er ihm schließlich verziehen; nur 
daß er der Sohn seines Vaters war, würde er 
ihm niemals vergeben. Denn Ritter, der Vater, 
welcher Jahre lang ans dem Gerichte geschriebetl 
hakte, besaß nebelt einer tüchtigen Portion Dreißig-
	        

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