Full text: Hessenland (11.1897)

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Natürlich war ich sehr betrossen und sprach 
meine Ueberzeugung dahin aus, ich hielte es für 
unmöglich, daß Kurheffen jemals Preußen feiniN 
lich gegeuüberstehell könne. 
^Qui 1 ' vivra, Term*, entgegnete der General 
sehr ernst. 
Das war der erste, bedenkliche Hinweis ans 
die Möglichkeit einer Theilnahme Kurhessens an 
einem Kriege gegen Preußen. Sehr bald da 
rauf erhielten wir eine weitere Andeutung, aus 
welcher Ecke der Wind in den Hähern Regionen 
wehte. 
Als am 14. Juni die österreichische Brigade 
Kalick aus Holstein zurückkehrte, die, um preußisches 
Gebiet zu vermeiden, über Hannover, Kassel und 
Frankfurt a. M. nach Baiern geschafft wurde, 
war großer Empfang besohlen worden, und wir 
mußten uns alle im Paradeanznge auf dem Bahn 
höfe einfinden. 
Irgend eine amtliche Kundgebung, woraus inan 
hätte schließen können, wie sich das Züngelein der 
Waage neigen werde, wenn die Stunde der Ent 
scheidung schlüge, war jedoch noch nicht erschienen. 
Am 2. 'Juni waren die Landstände aus den 11. 
einberufen worden, aber nicht etwa deshalb, weil 
die Negierung das Bedürfniß gefühlt hätte, bei 
der gesummten politischen Lage die Vertreter des 
Volkes um sich zu versammeln, sondern weil die 
Ständekammer am 14. März vertagt worden 
war und die Verfassung deren Wiederzusammen 
tritt binnen drei Monaten, also spätestens am 
14. Juni, forderte. Den österreichischen Gesandten 
am kurhessischen Hose, Grasen Paar, sah man 
während dieser verhängnisvollen Wochen vielfach 
geschäftig hin und her eilen und eifrig mit allen 
Persönlichkeiten verkehren, die ans ben Kurfürst 
Einfluß hatten, und viele wollten aus seinen 
zufriedenen Mienen schließen, daß seine An 
gelegenheiten nicht schlecht stünden. Aber nichts 
geschah, das der herrschenden Ungewißheit ein 
Ende hätte machen können. Namentlich in 
militärischer Hinsicht wurde nicht die geringste 
Maßregel getroffen, die als Vorbereitung auf 
eine demnüchstige Mobilmachung hätte. gedeutet 
werden können. Durch nichts wurden die in der 
Jahreszeit nach alter Gewohnheit vorgenommenen 
Uebungen unterbrochen. „Des Dienstes immer 
gleichgestellte Uhr" ging ihren ruhigen Gang, wie 
im tiefsten Frieden, mit einem Worte, es war, 
als ob Kurhessen von einem Kriege zwischen 
Preußen unb Oesterreich ebenso wenig betroffen 
würde, als etwa die Sandwich-Inseln. Gerade 
dieses Unterlassen jeder militärischen Vorbereitung 
hatte in weiteren Kreisen die Ueberzeugung wach 
gerufen, daß Kurhessen in dem bevorstehenden 
Kampfe, wenn es überhaupt dazu käme, völlige 
Neutralität beobachten- werde. 
So traf die'Entscheidung Bürger und Mili 
tär — außer die wenigen Eingeweihten, zu idmeit 
übrigens die Offiziere" dös Kriegsmimsteriumch 
deren Aufgabt' in -erster Linie-'die' Vorbereitung 
der Mobilmachung gewesen wäre,- nicht gehörten 
völlig unvorbereitet und wirkte' fast verblüffend. 
Am Donnerstag, den 14. Juni, Abends war die 
Nachricht über die verhüngnißvolle Sitzung des 
Bundestages eingetroffen, die an demselben Morgen 
stattgefunden hatte, und man wußte auch, daß 
der knrhesfische Bundestagsgesandte mit der Mehr 
heit für den österreichischen Antrag auf Mobilifirung 
des Bundesheeres gegen Preußen gestimmt hatte. 
Am folgenden Tage, Freitag den 15. Juni, fand 
eine Sitzung der am I I. zusammengetretenen 
Ständekannner statt. Die von der Regierung 
eingebrachten Vorlagen betrafen ausschließlich 
innere Verwaltungsangelegenheiten und wurden 
den betreffenden Ausschüssen überwiesen. Sodann 
stellte der Vizepräsident von BischoffsHaufen 
den Antrag: „Die Staatsregierung aufzufordern, 
den Bundesbeschluß, dem sie gestern zugestimmt habe, 
nicht zur Ausführung zu bringen und den Boden 
der unbedingten Neutralität nicht zu verlassen."' 
Auch solle der Landtag im voraus erklären, daß 
ständischerseits kein Geld zu einer Mobilmachung, 
die dem Interesse des Landes so schnurstracks 
zuwiderlaufe, aus Staatsmitteln gegeben und die 
Minister für alle möglichen Folgen der gestrigen 
Abstimmung verantwortlich gemacht werden würden. 
Nach sehr erregtem Redekampfe wurde der Antrag 
Bischoffshausen mit großer Mehrheit angenommen, 
d. h. also: jede Geldbewilligung zu einem Kriege 
gegen Preußen verweigert, und hierauf die letzte 
Sitzung, die die kurhessifchen Stände halten sollten, 
geschlossen. 
Das war die Sachlage am Abend des 15. Juni, 
und ich nehme nunmehr den Faden der Erzählung 
wieder auf. 
Die Menge auf dem Friedrichsplatze war 
immer größer geworden, aber die auf- und ab 
wogende Bewegung hatte mehr und mehr ab 
genommen, und die Zahl der stehen bleibenden 
unb sich erregt unterhaltenden Gruppen vermehrte 
sich von Minute zu Minute. Es hatte sich das 
Gerücht verbreitet, der preußische Gesandte, General 
von Roeder, habe der Regierung ein Ultimatum 
überreicht, wodurch ein Bündniß mit Preußen, 
oder wenigstens unbedingte Neutralität gegen 
Gewährleistung des Besitzstandes gefordert und 
im Falle der Ablehnung dieser Forderungen mit 
sofortiger Kriegserklärung gedroht werde. Zur 
Beantwortung dieses Ultimatums sei bis Mitter-
	        

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