Full text: Hessenland (11.1897)

sich jeder unwillkürlich vorlegte und die auch an 
jenem Freitag Abend am Friedrichsplatze zu 
älassel so lebhaft erörtert worden. Eingeteilt 
zwischen den beiden Hänpttheilen der preußischen 
Monarchie, schienen Natur und Interesse nur 
einen Weg für den kleinen Knrstaat offen ge 
lassen zn haben: den des engsten Anschlusses an 
seinen mächtigen Nachbarn. Denselben Weg 
wiesen auch die geschichtlichen Ueberlieferungen, 
denn Hessen hatte in bcn Kriegen der vergangenen 
Jahrhunderte fast stets an der Seite, niemals 
aber unter den Gegnern Preußens gestanden. 
Das taue auch in mancherlei den entsprechenden 
preußischen nachgebildeten Einrichtungen, nament 
lich im Heerwesen zum Ausdruck, zum Theil freilich 
nur, in Aeußerlichkeiten, wie z. B. der mit 
der preußischen ganz übereinstimmenden Uni- 
sormirung — eine Aeußerlichkeit, deren Be 
deutung indessen nicht unterschätzt werden darf —, 
theils aber betrafen sie auch organisatorische und 
das Wesen der Sache berührende Einrichtungen. 
Auch die Sympathien des überwiegend größten 
Theils der intelligenten Bevölkerung, namentlich 
nicht zum wenigsten die des Ossizierseorps, waren 
aus Preußens Seite. 
Und doch schien die Politik des kurhessischen 
Ministeriums andre Wege wandeln 511 wollen, 
als den von der Natur vorgezeichneten. Die Hin 
neigung des Kurfürsten und seiner Regierung zu 
Oesterreich war während der letzten Monate in 
mancherlei Anzeichen zu Tage getreten. Ich 
selbst sollte einen kleinen Beweis dafür erhalten. 
Alljährlich wurden dem Kurfürsten Probe 
uniformen vorgestellt. Die Kleiderkasse des Re 
giments hielt im Frühjahr bei den Offizieren 
Umfrage, was für Unisormstücke sie sich neu zu 
beschaffen gedächten. Sodann wurden so viele 
ausgewählt, daß deren Neuanschaffungen eine 
vollständige Uniformirung bildeten. Die Stücke 
wurden durch die Kleiderkasse des Regiments be 
schafft und sodann die Besteller, mit den neuen 
Sachen bekleidet, dem Kurfürsten vorgestellt. 
Erst wenn dieser die Proben genehmigt hatte — 
was übrigens stets geschah — dursten weitere 
Beschaffungen vorgenominen werden. 
Im Jahre 1866 traf mich das Loos, wie schon 
öfter, als „Kleiderstock" vorgestellt zu werden. 
„Wir werden die Uniform wohl ändern müssen", 
sprach der hohe Herr, nachdem er uns eingehend 
genlustert hatte. 
„Aendern, Königliche Hoheit?" fragte der 
Regimentskommandeur, der uns vorstellte. 
„Nun, daß wir den Preußen nicht so ähnlich 
sind. Das könnte im Kriege zu unangenehmen 
Berwechslungen führen", antwortete der Kurfürst. 
Wir hielten das damals für einen allerhöchsten 
und allergnädigsten Scherz und gestatteten uns 
ein allerunterthänigstes Lächeln. Später aber ist 
mir der Vorfall wieder in's Gedächtniß gekommen, 
lind ich habe ihn in einem andern Lichte be 
trachtet. 
A» ernsteren Anzeichen sollte es bald auch 
nicht fehlen. 
In der Zeit vom 27. Mai bis 4. Juni fuhr 
eine Division des preußischen VII. Armeeeorps, die 
später einen Theil der Elbarmee bildete, auf der 
Eisenbahn von Warbnrg durch Kassel. Die 
Transporte bnuevtcu mehrere Tage, oder besser 
Nächte lang, denn es war, jedenfalls absichtlich, 
so eingerichtet worden, daß der erste Zug jeden 
Abend um Va 7 Uhr in Kassel eintraf, und ob 
gleich ein offizieller Empfang nicht besohlen worden 
war, so fanden sich, wenigstens zu diesem ersten 
Zuge, doch iinmer zahlreiche Offiziere der Kasseler 
Garnison am Bahnhöfe ein, um die Preußischen 
Kameraden, unter denen viele von uns Freunde 
und Bekannte hatten, zu begrüßen. 
All einem dieser Abende hatte ich bei Gelegen 
heit meiner Anwesenheit am Bahnhöfe eine nicht 
uninteressante Begegnung. 
Aus welche Weise ist mir jetzt nicht mehr er 
innerlich, genug, ich war mit dem preußischen 
Gesandtell, General von Roeder, näher bekannt 
geworden^ svdaß er mich bei Begegnungen aus 
der Straße oder in der Gesellschaft oft anredete 
und längere Zeit mit mir sprach. Natürlich war 
auch er bei der Durchfahrt der preußischen 
Trllppen durch Kassel stets auf dein Bahnhöfe 
anwesend, und sv geschah es Zeines Abends, daß 
ich mit ihm in ein Gespräch über die Zeitverhält- 
llisse kam. Gegen Ende Mai und Ansang Juni 
hielt mall den Krieg zwischen Oesterreich und 
Preußen im großen Publikum noch nicht für 
unbedingt unvermeidlich, und auch in Betreff der 
Hinneigung der kurhessischen Regierung zu Oester 
reich waren noch keine so deutlichen Merkmale 
zil Tage getreten, daß mail sich ernstliche Ge 
danken darüber gemacht hätte. 
Unter andernl kamen wir auch aus die vor 
einigen Monaten von Preußen erhaltenen ge 
zogeneil Vierpfünder zil sprechen, und ich lieh 
meiner Verwunderung Allsdruck, daß uns das 
preußische Kriegsministerium die schon lange ver 
sprochene Munition für diese Geschütze nicht liefere, 
da wir natürlich ohne Munition keine Schieß- 
übllngen halten könnten. 
„Nuii," erwiderte der General, „Sie erwarten 
doch nicht, daß wir Ihnen die Granaten liefern 
sollen, woiilit Sie llils in ein paar Wochen be 
schießen werden?"
	        

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