Full text: Hessenland (11.1897)

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Erinnerungen aus den letzten Tagen eines deutschen 
Fürstenthums. 
Von einem ehemaligen 
f 
^Aie vorliegenden Blätter sind schon vor vielen 
M Jahren geschrieben worden. Sie waren an- 
Cj sanglich dazu bestimmt, am zehnten Jahres 
tage der darin geschilderten Ereignisse veröffentlicht 
zu werden. Mancherlei Rücksichten bestimmten 
mich, die Herausgabe noch hinauszuschieben. 
Jetzt, wo ein Menschenalter seit dem Jahre 1866 
vergangen ist, bestehen diese Rücksichten nicht 
mehr, irnb ich brauche meine Auszeichnungen 
nicht länger zurückzuhalten. 
Inzwischen ist die treffliche Arbeit Sr. Ereellenz 
des Herrn Generals z. D. v o n S ch m i d t er- 
schienen. Diese giebt eine genaue aktenmäffige Dar 
stellung dieser Ereignisse unter kritischer Beleuchtung 
von militärisch-politischem Standpunkte ans. 
Der Zweck meiner Arbeit ist ein ganz andrer. 
Ich will nur im Plandertone von jener be 
deutungsvollen Zeit erzählen und meine per 
sönlichen Erlebnisse schildern, die, wenn sie auch 
nichts weiter sind, als ein winziger Brnchtheil 
des Ganzen, doch manche Erinnerung an Ge 
schehnisse wecken, die jetzt fast vergessen sind, da 
mals aber nicht nur für die zunächst Betheiligten 
von Interesse waren. 
Daneben will ich über die Eindrücke berichten, 
die diese Geschehnisse ans diejenigen Kreise des 
kurhessischen Ofsizierseorps machten, denen ich 
damals angehörte, die Kreise der jungen Offiziere, 
denen die Vorgänge, die sich beim Kommando 
abspielten, zum größten Theile unbekannt blieben, 
irnd die diese Ereignisse demzufolge auch manch 
mal in einem andern Lichte, als die höhern 
Offiziere, einem nicht immer richtigen Lichte, 
sahen, während die dadurch hervorgerufenen Ein 
drücke sehr wirklich waren. 
Meine Darstellung, die auf in jener Zeit ge 
machten, allerdings sehr knappen Aufzeichnungen 
beruht, stimmt auch in einigen thatsächlichen, 
aber doch unwesentlichen Punkten nicht ganz 
mit der Sr. Ereellenz überein, allein ich habe 
mich trotzdem nicht veranlaßt gesehen, Aenderungen 
vorzunehmen; nicht etwa, weil ich meine Dar 
stellung für richtiger hielte, sondern nur weil ich 
kn rhessi sehen Offizier. 
lediglich Eignes und nichts Fremdes geben wollte. 
Wenn meine Blätter in denen, die jene trübe, 
aber jetzt glücklich überwundene Zeit miterlebt 
haben, deren Reihen jetzt freilich schon sehr ge 
lichtet sind, die Erinnerung an ihre Dienstzeit 
unter den altehrwürdigen, glorreichen knrhessischen 
Feldzeichen wachruft, dann haben sie ihren Zweck 
erfüllt. 
I. Der Ausmarsch. 
Einem warmen, aber regnerischen Tage war 
ein schöner Abend gefolgt, und die Lindenalleen, 
die den herrlichen Friedrichsplatz in Kassel um 
geben, waren am Freitag, dem 15. Juni 1866, 
wie gewöhnlich von zahlreichen Spaziergängern 
belebt. Einem ansmerksamen Beobachter aber 
konnte es nicht entgehn, daß das äußere Bild, 
das die Menge bot, anders war, als sonst. In 
ruhigen Zeiten suchten an schönen Sommerabcnden 
die guten Kasseler hier Erholung von des Tages 
Last und Hitze und schlenderten mit Weib und 
Kind unter den schattenspendenden Bäumen ans 
und ab, hier Bekannte begrüßend, dort bei 
andern stehen bleibend, um sich mit ihnen über 
die letzte Theatervorstellung oder die neuste Ver 
lobung zu unterhalten. Heute war das anders. 
Das schölle Geschlecht war nur in geringer Zahl 
unter den Spaziergängern vertreten, und den 
Mäilnern sah man an, daß sie unter der 
Wirkung tief erregender Rachrichten standen. 
Jnriner neue Gruppen bildeten sich und sprachen 
mit lebhaftem Geberdenspiel über das, was so 
augenscheinlich alle bewegte. 
Und in der That, es war eine Zeit, wo jeder 
denkende unb sein Vaterland liebende Mann von 
ernster Sorge erfüllt sein mußte, besonders in 
Kurhessen. 
Die Spannulig zwischen Oesterreich und 
Preußen war aus bem Punkte angelangt, wo nur 
noch die Berufung ail's Schwert übrig zu bleiben 
schien. Was würde die Rolle Kurhessens in dem 
hevorstehendeil Kampfe fein ? Alls welcher Seite 
würde es stehen? Das waren die Fragen, die
	        

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