Full text: Hessenland (11.1897)

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S. 242 s.) zur Kenntniß unserer Leser bringen, 
so geschieht es in der Absicht, denselben Ge 
legenheit zu bieten, die Verordnungen der Ge 
genwart mit denen der Vergangenheit zu ver 
gleichen. 
In der Verordnung Landgraf Knrl's heißt es: 
„Von Gottes Gnaden Wir Carl w. Obwohl 
wegen Begeh- und Heiligung der zu Gottes 
Ehren geordneten Bet-, Fest- und Feiertage, son 
derlich aber der Sonntage in Vorjahren nach und 
nach allerhand heilsamer und guter Verordnungen 
ergangen und pnblicirt, darinnen das unziem 
liche Fressen und Sausen, Spielen, Kaufen und 
Verknusen, Aus- und Einfuhren oder Tragen und 
sonsten eine und andere Handthiernngen, wie auch 
Anstellung der Jahrmärkte, Kirmessen und Tänze, 
zumal aus obberührten Tagen zum höchsten und 
bei namhafter Strafe verboten: So müssen wir 
doch zu unserem nicht geringem Mißfallen ver 
nehmen, daß denselben dergestalt, wie es wohl 
billig sein sollte, nicht nachgelebt noch darüber 
gehalten sein solle. Wann aber dadurch Gott im 
Himmel höchlich erzürnt, der Nächste geärgert und 
das obrigkeitliche Amt nicht wenig vernichtet wird, 
als haben wir Nothdurst befunden, oberwähnte 
Ordnungen hiermit nochmalen zu erneuern und 
daraus ein ernstes Einsehen zu thun. Allermaßen 
wir demnächst hiermit besohlen und von Neuem 
konstituirt und verordnet haben wollen, daß jeder 
mann aus die Sonn- und Festtage, es sei Vor 
oder Nachmittag, wie auch auf die ordentlichen 
Bettage Vormittag, aller Gerichtshändel, Hand- 
thierung, Haus- oder Feldarbeit und Geschäfte, 
item des Aus- und Eingehens, Tragens, Fahrens 
oder Reitens, öffentlichen Kausens und Verlaufens, 
Scheibenschießens, Kegeln und dergleichen, wie 
auch Gäste setzen in Bier-, Brannt- und Wein 
häusern, Sausens, Fressens und Spielens, des 
gleichen des Wasserholens, Hin- und Herlausens 
oder Sitzens vor den Thüren, auch Stehens auf 
dem Kirchhofe und in den Gassen nnter währenden 
Predigten, über Feldlausens und Schuldeinmahnens. 
Viehkaufens und Treibens, Schasezählens, Dienst- 
heißens, Gehens oder Fahrens, zumal auch der 
Jahrmärkte und Kirmeßhaltung und was dergleichen 
unziemliche Dinge sein, dadurch der Sabbath ent 
heiligt wird, wie auch aller Ueppigkeit und Sausens, 
so auf den Samstag und andern vor den Feier 
tagen hergehende Tage gegen den Abend vor 
zugehen pflegen, sich enthalten, sondern den Pre 
digten des göttlichen Wortes, Catechismo und dem 
Gottesdienst mit seinen Hausgenossen, soviel deren 
gesund und durch andere nothwendige christliche 
Verhinderung nicht abgehalten werden, mit Fleiß 
abwarten soll. 
Tenn welcher die zu Gottes Ehre angeordnete 
Sonn-, Fest-, Feier- und Bettage vbbeschriebener- 
maßen entheiligen wird, der soll entweder mit 
Geld oder Gefängniß nnnachlässig gestraft und 
die Strafe zu zweien Theilen dem Gottes- und 
Armenkasten jedes Orts, der dritte Theil aber 
denen, welche die Verbrecher anzeigen werden, 
sammt den Beamten und Obrigkeiten, wie auch 
Bürgermeistern und Rath ans dem Land und in 
den Städten, welche solche Strafe einbringen, ge 
lassen werden. 
Was aber ans- und eingetragen oder geführt, 
desgleichen wider dies Verbot verkauft wird, das 
selbe soll verfallen sein unb davon zwei Theile 
den Armen gereicht, der dritte Theit aber denen, 
die solches wie gedacht anzeigen und eregniren, 
zukommen. 
Doch werden hierdurch keineswegs verboten die 
Noth- und Werke der Liebe (so nicht Verzug 
leiden) auch vor und nach den Predigten und 
geendigtem Gottesdienst (unter welcher Verrichtung 
alles still sein lind außer der Noth nichts vor 
genommen werden soll) allerhand Essensspeiß und 
Getränk in den Häusern zu verkaufen und zu 
kaufen, wie auch Wasser zur Tränkung des Viehes 
und nothwendigem Kochen zu holen, desgleichen 
gegen Abend nach gehaltener Vesperpredigt Essens 
speiß zur Nothdnrft abzulaugen und hinaus- 
znbringen. 
Und damit diese unsere Verordnung um soviel 
steifer gehalten werden möge, so ist unser ernster 
Befehl hiermit, daß in allen Städten unseres 
Fürstenthnms und Lande die Thore an solchen 
(Gott zu Ehren) angeordneten Tagen von früh 
Morgens bis um 10 Uhr zugehalten, alsdann, um 
das Vieh an die Weide zu lassen, geöffnet, wann 
das Vieh alle hinaus ist, wieder zugemacht und 
sonst niemand, sonderlich die nmb Handthiernng 
oder Sausens willen hinaus in die Gärten und 
Dörfer laufen wollen, herausgelassen, nach völlig 
geendetem Gottesdienst und Vesper sollen die Thore 
wieder geöffnet werden. Da aber einige Städte 
wären, dahin die nächstgelegenen Ortschaften in 
die Kirchen zum Gottesdienst zu gehen hätten und 
darin mehr denn eine Predigt gehalten würden, 
so mögen zwar die Thore denselben zum Besten 
vor und nach der Predigt geöffnet bleiben, unter 
der Predigt aber sollen sie jeder Zeit verschlossen 
und niemand unterdessen ein- und auszugehen 
verstattet werden. 
Sonsten sollen auch an jedem Ort von der 
Obrigkeit daselbst gewisse wohlberüchtigte 
Personen verordnet werden, welche an solchen 
Tagen vor, nnter und nach der Predigt die Plätze, 
Gassen und Häuser unvermuthet visitiren und wen
	        

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