Full text: Hessenland (11.1897)

75 
Unsere weitere Unterhaltung wurde unter 
brochen. Unter der sicheren Begleitung von 
Frau von Harriot sang man eben das reizende 
Rnbinstein'sche Lied „Es blinkt der Thau in den 
Gräsern der Nacht"; und die Töne der Schlußworte: 
Und fest zu glauben im thörichten Traum, 
Daß es ewig, ewig so bliebe — 
waren kaum in dem Zimmer verhallt, so trat 
Harriot aus uns zu und reichte mir mit den 
Worten die Hand: „Genug für heute, habe 
herzlichen Dank für den schönen Abend; der 
nächste also ist bei uns." Dabei nahm sein 
Gesicht einen fast wehmüthigen Zug an; wie ein 
Gespenst traten die alten Zweifel vor meine 
Seele; mit schmerzlicher Theilnahme wurde mir 
klar: die Sonlie seines Glückes verhüllten trübe, 
schwere Wolken; mir war's, als müßte ich ihm 
helfen; aber — wie und wo sollte ich einsetzend 
Gewiß war mir nur das Eine: ihm entging es 
nicht, in welcher Stimmung ich ihm gute Nacht 
sagte, ich fühlte das an dem Drucke seiner Hand. 
Der Aufbruch der Gesellschaft verhinderte es, 
mit Glattau noch einige Worte zu wechseln, 
und es war für mich ein arger Mißton, als man 
sich tu der fröhlichsten Weise gegenseitig ver 
abschiedete, in der ausgesprochenen Hoffnung aus 
ein baldiges Wiedersehn bei Harriots. 
Auf ein baldiges Wiedersehn bei Harriots! 
— In den Sternen stand es anders geschrieben. 
Die Einladung blieb aus. Phili, der kleine 
Harriot, war erkrankt. Mama Anna saß zwar 
den ganzen Tag am Flügel, aber das entzückende 
Spiel wollte den kleinen Phili nicht fieberfrei 
machen. Erst als wir ihn eines Tages draußen 
unter die weiße Decke des Friedhofs einbetteten, 
war er frei von seinem Fieber, mein armer 
Freund aber wie tiefsinnig. Wenn er zu mir 
kam, drehten sich die wenigen Worte, die er 
sprach, um die Nichtigkeit des Lebens. Er ließ 
mich dabei endlich doch in die Tiefe seines ge 
quälten Herzens sehen, und als einer dieser 
Besuche mich selbst förmlich aufregte, da faßte 
ich rasch den Entschluß, Frau von Harriot einen 
Besuch zu machen und ihr meine Besorgnisse um 
ihren Mann klar vorzutragen. Harriot hatte 
mich eben verlassen, um, wie er sagte, sich nach 
seiner Kanzlei zu begeben, so war ich auch schon 
ans dem Wege nach seiner Wohnung. Wirr 
durcheinander kreuzten die Gedanken in meinem 
Hirn, als ich mir zurecht legen wollte, was ich 
zu sagen hatte. Ganz klar wurde ich mir schon 
vor lauter Aufregung nicht, doch ich rechnete 
daraus, daß im rechten Augenblicke sich schon das 
rechte Wort finden werde, und — ich zog die 
Schelle. 
„Die gnädige Frau zu Hause?" — Die 
Frage wurde vom Hausmädchen bejaht, und als 
ich angemeldet worden war, trat mir Frau 
von Harriot schon in der Thür ihres Zimmers 
entgegen, um den Freund des Hauses in der ge 
wohnten Weife zu begrüßen. War es mm der 
Eindruck, den ihr ungewohnter schwarzer Anzug 
machte, oder war es eine mir zu anderen Zeiten 
nicht ausgefallene kühle Gemessenheit, oder war 
es gar eine gewisse Voreingenommenheit, mit der 
ich der jungen Frau heute entgegentrat, kurz: 
ihre Freundlichkeit kam mir so kalt, so gemacht, 
so eckig vor, daß mir der Weg für mein 
heikles Thema bald geebnet war. Ich kam 
Schritt für Schritt weiter, und je kühler mir 
Frau Harriot erschien, desto wärmer wurde ich 
und hatte endlich die Empfindung, als ginge in 
ihr eine mächtige Veränderung vor, so daß ich 
schon den stillen Wunsch hegte: wenn doch nur 
jetzt dein armer Freund plötzlich hier eintreten 
könnte. Die junge Frau schien jedes meiner 
Worte eifrig zu erhaschen, und als ich es wagte, 
das veränderte Wesen ihres Mannes mit dem 
richtigen Namen zu belegen, da brach sie in lautes 
Schluchzen aus und konnte vor Weinen und 
Zittern kein Wort erwidern. In höchster Auf 
regung ergriff sie jetzt krampfhaft meine beiden 
Hände, mit schmerzverzogenen Lippen stammelte 
sie noch das Wort „Tiessinn" hervor, da plötzlich 
fiel sie mit einem lauten Schrei ohnmächtig 
in das Sopha zurück, denn in diesem Augen 
blicke dröhnte es wie ein Donnerschlag durch die 
mit Portieren verhängten Zimmer, und offenbar 
hatte sie dieselbe böse Ahnung von der Bedeutung 
dieses Schlages befallen, wie mich selbst. Ich 
stürzte durch die Stubenreihe nach dem Arbeits 
zimmer Harriot's, öffnete die geschlossene Thür, 
— der, den ich auf seiner Kauzlei wähnte, lag 
hier am Boden, blutend aus einer klaffenden 
Stirnwunde und die Schußwaffe noch fest in 
seiner Rechten haltend. Sein Auge war noch 
nicht gebrochen, doch ob er mich erkannte? Ich 
weiß es nicht; ich strich ihm nur noch das schwarze 
Haar aus der Stirn und wußte nichts urehr zu 
sagen, als: Du armer, armer Freund! 
Der unglücklichen jungen Frau konnte ich jetzt 
nichts nützen; ich überließ sie den Frauen, die 
aus dem Hause herbeieilten und schied, tief er 
schüttert, von einer Stätte, wo das Glück die 
Myrthenblüthen des Brautkranzes nur so kurz 
überdauert hatte. 
Als ich aus die Straße hinaustrat, begegnete 
mir Dr. Glattau. Mir mußte das Draum im 
Gesicht zu lesen sein, denn seine ersten Worte
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.