Full text: Hessenland (11.1897)

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peinigte mich um so mehr, als ich mir sagen 
mußte, daß ich kein Recht hatte, ails dieseur 
Gesühl ein Urtheil über das Wohl oder Wehe 
eines anderen Menschen herauszugrübeln. 
Endlich änderten sich die Verhältnisse. Der 
Tag der Hochzeit rückte heran, und mit der Ein 
segnung des jungen Paares verschwand auch 
plötzlich mein peinigendes Gesühl. 
Die neu Vermählten machten ihre Hochzeits 
reise nach Italien. Ich empfahl dem guten 
Harrivt noch in fröhlicher Laune sehr eindringlich, 
in Florenz auch meinem Tischchen in Mellini's 
Weinzimmer einen Besuch zu machen, und mit 
glückstrahlender Miene sah ich ihn und seine 
junge Frau die Heimath verlassen, um den schönen 
Herbst in dem reizenden Südlande, in dem Lande 
der Sehnsucht aller Nordländer, in der stolzen 
Heimstätte aller Künste zu verleben. 
Daß sie bei ihrer Rückkehr nach etwa fünf 
Wochen noch glückstrahlender waren, fand ich 
natürlich. Mit der ganzen Poesie der Flitter 
wochen in Kunst und Natur schwelgen und 
Chianti dazu trinken, — wie wenig Sterblichen 
ist das beschieden! Ebenso natürlich schien es 
mir auch, daß ine folgenden Winter Harriot's 
Haus der Mittelpunkt angenehmster Geselligkeit 
für den Kreis seiner Freunde und Bekannten 
wurde. Waren das reizende Abende! Frau Airua 
war die liebenswürdigste Hausfrau, sie entzückte 
durch ihr seeleuvolleö Spiel, und manche Münner- 
hand wagte kaun:, während ihres Vortrags das 
Weinglas zu berühren, um nicht das Gesühl zu 
prvfanireu, das Anna von Harriot willenlos 
mit ihrem Spiel in Fesseln schlug. Was Wunder, 
daß in dem befreundeten Kreise sich allgemeines 
Bedauern aussprach, als der Frühling die Fenster 
öffnete mld der schönen Geselligkeit Feierstunde 
gebot. Doch nur nicht undankbar! Wenn der 
Lenz seine von Rvsenduft gefüllten, prachtvoll 
geschmückten Salons öffnet, in denen er Lerche, 
Drossel und Nachtigall und Gott weiß wen sonst 
noch kouzertireu läßt, daun halten uns unsere 
gaserleuchteten oder elektrisch durchsvnnten schwülen 
Salons doch nicht mehr. Hinaus also, bis die 
kühlen, feuchten Spätherbsttage in unseren An 
schauungeil uud Empfindungen es wieder ver- 
nlitteln, daß wir au den geheizten Salons von 
Neuem eine Annehmlichkeit entdecken. 
Der dazwischen liegende Sommer brachte 
übrigens in Harriot's Haus eine Einquartierung, 
die, bei allein Mangel an musikalischer Be 
fähigung, doch im Konzertireu Großartiges 
leistete. Ein kleiner Weltbürger ließ eine wahre 
Löwenstimme ertönen, und Harriot der Vater 
war außer sich vor Frellde. Wie sonnte ich nur 
dereinst so dumm sein, nicht an das Glück meines 
Freundes zu glauben? Und ist es nicht ein 
geradezu wvlllliges Glück, als junger Ehemann 
ein Söhnchen aus dem Arm zu wiegen, das die 
junge Mutter, verklärt wie das Antlitz einer 
Madonna, entgegen reicht? Dies Hochgefühl 
hatte ich übersehen und das war — dumm von mir. 
Sv kam der nächste Winter und mit ihm 
Freund Harriot wieder eben so oft in mein Haus, 
als vor seiner Verheirathung. Warum? Ich 
hatte keine Erklärung dafür. Eines Tages jedoch 
erzählte er nur kleinlaut, daß er seine Geschüsts- 
kanzlei von der Wohnung trennen und in ein 
anderes Haus verlegen müsse, denn das Neben 
seiner Frau während des ganzen Tages aus dem 
Flügel sei doch auf die Dauer zu störeild, und 
zwar nicht nur für ihn selbst, sondern namentlich 
für seine Leute. Das fand ich erklärlich, denn 
mit Prozeßparteien verhandeln oder Prozesse in- 
struiren, während zu gleicher Zeit Beethoven'S 
oder Schubert's, Chopiu's oder Wagner's Geist 
Einlaß begehrte, das mochte wohl keine An 
nehmlichkeit sein für die Kauzlei eines viel 
beschäftigten Juristen. Welliger erklärlich aber 
war es mir, daß Harriot's kleinlautes Wesen 
bald in stilles Hinbrüten ausartete, daß er in 
der Unterhaltung oft starr vor sich hin sah und 
dadurch nur zu deutlich zeigte, wie wenig seine 
Gedanken bei der Sache waren. Dennoch wagte 
ich nicht, daran zu rühren. Seine Verschlossen 
heit hatte eine, wie soll ich sagen, so vornehme 
Form angellommen, daß sie unwiderstehlich jede 
Frage nach dem Grunde seiner Verstimnlnng auf 
den Lippen erstickte. 
Der erste gesellige Winterabend war diesmal 
in meinem Hause. Auch Dr. Glattau nahm 
daran Theil. In der heitersten Stinlmung 
wechselten, nach dem Abendessen, musikalische wie 
poetische Vorträge, und Glattau war bezaubert 
von Frau von Harriot, deren Persönliche Be 
kanntschaft er diesen Abend machte und deren 
Liebenswürdigkeit er, neben ihren herrlichen 
künstlerischen Leistungen, heute genügeild Gelegen 
heit hatte zu bewunderll. Es war schon spät 
geworden, als Glattau an mich herantrat, über 
diese Bekanntschaft seine hohe Befriedigung aus 
sprach uud dann leise hinzufügte: „Wäre ich 
vom Neide besessen, wahrhaftig, ich könnte 
Dr. von Harriot um sein Glück beneiden." 
„Wissen Sie, mein lieber Doktor, daß mir 
diese Worte ein Stich in's Herz sind?" erwiderte 
ich eben so leise. „Sehen Sie doch da drüben 
Harriot an. Steht er nicht da, als ginge ihr: 
die ganze Welt nichts an? Sieht so ein Glück 
licher ans im Kreise fröhlicher Bekannten?"
	        

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