Full text: Hessenland (11.1897)

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schlechtem Erdenwasser vermischt und gaben den 
Rest des Weines in der Flasche zurück, worauf 
der Kellner diese wieder abwog und die Differenz 
zwischen Soll und Haben einkassirte. Mir kam 
es wahrhaft sündhaft vor, solch' köstliches Getränk 
zu verwässern; ich labte mich vielmehr am un 
getansten Weine und ging „nicht erst vom Platze 
heim", bis meine Flasche leer war, denn das 
Zurückwiegen eines noch so großen oder kleinen 
Restes wollte mir nicht behagen. Als Abends 
mein neuer Freund mit mir bei Mellini zu 
sammentraf, dessen Haus überdies die für uns 
ominöse Paragraphennummer 11 trug, fand er 
ebenfalls mein Verhalten, fchon vom nationalen 
Standpunkte aus, ganz in der Ordnung, ja — 
er ging sogar so weit, nach bewältigter Flasche, 
die anheimelnde Frage an mich zu richten: „Wie 
wär's, noch eine zusammen?" Und da es an 
Unterhaltung nicht fehlte, ich auch kein Spiel 
verderber war, so gab ich alsbald dein Kellner 
den Auftrag, uns noch einen Trunk zu ver 
abreichen. Natürlich allgemeines Erstaunen über 
diese Nationaltugend; indessen — so war es 
jeden Abend, so lange wir uns hier trafen, und 
das wird auch keinem Deutschen auffällig fein, 
der mit dem köstlichen toskanischen Chianti nähere 
Bekanntschaft gemacht hat. 
Am letzten Abend meines Aufenthaltes in 
Florenz brachte Glattau eine Neuigkeit aus der 
Heimath mit. „Sie sind ja befreundet mit 
Dr. von Harriot," begann er, „wissen Sie fchon, 
daß er sich verlobt hat? Man theilte mir die 
Nachricht heute als Neuestes von zu Hanfe mit." 
„Ich weiß noch nichts davon," erwiderte ich, 
„werde auch Briefe erst in Livorno finden, wo 
hin ich eigentlich fchon gestern abreisen wollte, 
um mich von da nach Genua einzuschiffen. Und 
mit wem hat sich Harriot verlobt? Etwa mit 
Anna Wallot?" 
„Ganz recht, mit Fräulein Wallot. Ich kenne 
das Fräulein nur aus der musikalischen Welt, 
ich hörte sie mehrmals in Konzerten." 
„Nun denn," fiel ich ein, „so lassen Sie uns 
ein Glas auf das Glück und das Wohl meines 
Freundes Harriot und feiner Braut trinken." 
Die Gläser gaben hellen Klang und wurden bis 
auf die Neige geleert. Doch ob damit nun auch 
das Glück der Brautleute besiegelt war? Ich 
konnte nicht umhin, meine Bemerkungen darüber 
zu machen, sodaß Glattau fragte: „Was läßt 
Sie zweifeln? Obgleich ich noch keine Gelegen 
heit hatte, an mir selbst eine Probe zu machen, 
so meine ich doch, Brautleute müßten immer 
glücklich fein?" 
„Brautleute gewiß," gab ich ihm zur Antwort, 
„aber das Glück junger Ehegatten hat zuweilen 
keine längere Dauer, als die frischen Myrthen- 
blüthen des Brautkranzes, und es giebt Menschen, 
die davon eine Vorahnung haben. Doch fort 
mit den Grillen, und nochmals: auf ein un 
getrübtes Glück der Verlobten!" 
Dr. Glattau sah mich mit einem fragenden 
Blicke an, indessen suchte ich der Unterhaltung 
rasch eine andere Wendung zu geben, und erst 
spät in der Nacht — denn die Nacht ist ja hier 
in den Frühlings- uub Sommermonaten die Zeit 
der Erholung — trennten wir uns mit einem 
„auf Wiedersehen tu der Heimath!" 
Anderen Tages reiste ich nach Livorno ab, wo 
ich richtig die Verlobungsanzeige meines Freundes 
fand und sofort telegraphisch die üblichen Glück 
wünsche abgehen ließ. Die üblichen! Was man 
doch im Leben alles thut, ohne daß die Seele 
dabei ist! Was man doch für Wünsche ans- 
spricht, ohne daß sie mit den Gefühlen harmv- 
niren wollen! Herr Gott, ist es denn so schwer, 
sich klar zu werden, warum man selbst nicht 
glaubt an das, was man thut? Mein Freund 
von Harriot war in seinem pechschwarzen Voll 
bart ein bildschöner Mann, er war ein ebenso 
gutmüthiger als geistreicher Mensch, eine vor 
nehme Erscheinung, ein munterer Gesellschafter, 
er stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie 
und war endlich ein sehr gesuchter Advokat. 
Seine Braut, die ich bereits persönlich kennen ge 
lernt hatte, konnte sich gleichfalls über Mangel all 
Schönheit gerade nicht beklagen, sie war sogar 
interessant durch ihre hohe Gestalt, und mall 
liebte sie wegen ihres meisterhaften Pianospiels. 
Sie war nicht ilur Virtuosiil auf ihren: Jn- 
strumente, sondern ihr Spiel war durchdacht und 
zeigte so viel Verständniß unb Gesühlstiefe, daß 
es alle Hörer wahrhaft entzückte. Das war 
alles ganz gut, aber — — ich suchte mehr unb 
konnte dies Mehr nicht entdecken. Und da lag 
der Mangel an Harmonie zwischen Wünscheil 
unb Empfinden. 
Harriot mußte allerdings gefunden haben, 
was ich vermißte, denn als ich von meiner Reise 
nach Hause zurückkehrte, traf ich ihn überglücklich, 
sodaß er kaum die Zeit erwarteil konnte, bis er 
sein Heim eingerichtet hatte, in dem er sich das 
Leben schon in beu rosigsten Farben ausmalte. 
Und doch, trotz alledem, tauchte immer wieder 
die Frage in mir aus, ob Harriot's Glück von 
langer Dauer sein werde? Ich konnte diese 
Frage durch nichts betäuben; sie wurde zur Ur 
sache, daß ich dem Freunde eigentlich mit dem 
Gefühle des Mitleids gegenüberstand, und das
	        

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