Full text: Hessenland (11.1897)

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Bereits drei Wochen später, am 9. Juli, erneuerte 
er mit Hermann die Erbverbrüdernng von 1373. 
Zugleich verhieß er die Rückgabe von Esch Wege 
und Sontra, die er seit 1385 im Besitze hatte, 
und auch von Melsungen, Rotenburg und Nieden 
stein, sobald der Erzbischof und Herzog Otto 
ihre Zustimmung gäbem Da Otto ja aber zu 
allererst seinen guten Willen zur Herausgabe der 
Eroberungen bekannt hatte, waren die haupt 
sächlichsten Schwierigkeiten beseitigt. Hermann 
stand mit den drei Fürsten jetzt in so guten 
Beziehungen, daß er im Februar 1393 mit ihnen 
einen Landfriedensbund schloß. 1394 gelangte 
er endlich wieder in den Besitz von Melsungen, 
Rotenburg und Niedenstein. Eckehard von Röhren 
furth, Melsunger Burgmann und nachmals 
hessischer Marschall, war gewissermaßen die erste 
Schwalbe, die den Melsungern den neuen hessischen 
Lenz verkündete. Sicherlich nur kurze Zeit nach 
seiner Rückkehr, am 1. April 1394, bestätigte er 
dein Georgshospitale eine Schenkung seines Vaters. 
Am 14. Juli desselben Jahres schloß der Land 
graf mit dem Erzbischöfe Konrad in Frank 
furt eine Reihe oou Verträgen, die ihm die 
'Rückgabe voll Melsungen, Rotenburg und Nieden- 
stein endgültig sicherten. Der Erzbischof trat die 
drei Städte an Burkhard von Schonen 
berg und Kunzmalln von Falkenberg ab 
mit dem Aufträge, diese Plätze an Hermann zu 
übergebeil, sobald er die mainzischeil Lehen in 
Empfang genonlmell hätte. Durch besondere 
Briese befreite Konrad ben Herzog Otto und ben 
Markgrafen Balthasar von den Verpflichtungen, 
die sie der drei Orte wegen überilommeil hätten, 
besonders auch von den Bestimmungen des Burg 
friedens von 1388. Der Landgraf wurde noch 
einmal zu dem Versprechen genöthigt, daß er die 
Unterthanen weder richten noch beargwöhnen, 
sondern getreulich beschirmen und vertheidigen 
wolle. So wurdeil denn Burgmannen und 
Bürger Melsungens und der anderen beiden 
Städte von ihrem Huldigungseide, den sie den 
drei verbündeten Fürsten hatten leisten müssen, 
von Thüringell am 12. und von Mainz am 
23. September 1394 befreit und als hessische 
Unterthanen wieder aufgenommen. Kurze Zeit 
daraus, am 6. Dezember, endete Otto der Ouade 
sein bewegtes Leben. Hessens Beziehungen zu 
Braunschweig blieben in der nächsten Zeit freundlich. 
Eille Heirath zwischeil einer Tochter Hermann's 
und dem jungen Herzoge Otto wurde sogar ver 
abredet. Als Pfand für die Mitgift stand es 
deul Laildgrafeil frei unter Anderm auch Stadt 
und Schloß Melsungen dem Herzoge zu übergeben. 
Allein dazu kam es nicht. 
Die ersten Jahrzehnte der neuen hessischen 
Herrschaft wurden für Melsungen bedeutungsvoll. 
Eine steinerne Brücke erleichterte den Verkehr llach 
uild von dem rechten Fuldaufer, ans der alten 
Bralldstätte erhob sich ein neues und würdiges 
Gotteshaus, und die grundbesitzlosen Einwohner 
erhielten ill dem Gemeindevormunde (Gemeinde- 
bürgermeister) ilicht nur eill Oberhaupt, sondern 
auch Antheil an der städtischen Verwaltung. 
Ireund Karriot. 
Eine Episode von Carl Prefer. 
^^^Iind zwei Menschen in der Heimath 
auch noch so oberflächlich bekannt, so- 
figCTfr bald sie sich, fern der heimathlichen 
Kirchthürme, in weiteil fernen Landen 
begegnen, so überkommt sie ein Gefühl der Zu 
sammengehörigkeit und sie grüßen sich, wie es 
ilur alte Freunde zu thun pflegen. So erging 
cs einst auch mir auf einer italienischen Reise, 
als ich in Florenz, beim Besuche des Palazzo 
Pitti, im Saale des Saturll mit einem Bekann 
ten, Dr. Glattau, zusammentraf, der daheim bei 
einer Justizbehörde seine staatsdienstliche Lauf 
bahn begonnen hatte. Wir begrüßten uns, als 
wären wir, wer weiß wie lange, die besten 
Freunde, und freuten uns dieser Begegnling. Da 
ich jedoch schon an die Weiterreise dachte, während 
Glattau erst eben angekommen war, so ließeil 
sich unsere Interessen nicht vereinigen, unb ich 
schlug deshalb vor, ulls in Mellilli's berühmter 
Weinstube in der Via Calzajuoli wieder zu 
treffen, wo sich Abends, wenn die Tagesgluth 
einer angenehmen Kühle gewichen war, eine 
interessante Gesellschaft zusammenfand. 
In dieser Weinstube war ich von den italienischen 
Gästen vom ersten Abend an als ein deutscher 
Trinker angesehen wordeil. Hier wurde nämlich, 
was mir ungemein komisch vorkam, der herrliche 
Chianti dem Gaste in der Flasche auf einer 
kleinen, eleganten Dezimalwaage zugewogen; die 
Italiener tranken danll diesen Himmelstrank mit
	        

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