Full text: Hessenland (11.1897)

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Wagen gesetzt; man brachte ihn nach Kassel, wo 
er bis zum 16. Februar im Kastell saß. An 
diesem Tage sprach das Kriegsgericht über ihn, 
„als einen der ersten Anstifter der Revolte zu 
Eschwege und in der Umgegend," das Todesurtheil 
ans. Von dem Urtheil wurden 600 Excemplare 
gedruckt und eins zu Eschwege angeschlagen. Am 
folgenden Tage, in der Frühe des 17. Februar 
1807 — es werden heute also 90 Jahre, wurde 
er hier im Irrgarten erschossen. Ein Augenzeuge 
der Exekution hat über das traurige Ereigniß 
mehreren noch lebenden Kasseler Herren, darunter 
Herr Anegärtner Vogt, das Folgende erzählt. 
Bon genanntem Herrn, sowie von Herrn 
Dr. med. $iiictuit wurde mir das nachstehend 
benutzte Material gütigst zur Verfügung gestellt. 
Der damalige sogenannte Berggarten, also 
die Flüche rechts der Affen all ee nach der 
Bellevue, war 31t jener Zeit längs der Allee 
durch einen Lattenzaun begrenzt, der an dieser 
Seite vier bis fünf Eingänge hatte. Die mittlere 
Brücke über die kleine Fulda, welche direkt zum 
Haupteingang der Aue, zum Bowlingreen 
führt, ist erst später, um den Zugang zur Aue 
vom Berggarten aus zu erleichtern, angelegt worden 
unb zwar von König Jerome. Im Berggarten 
direkt an der Affenallee und zwar, wenn man von 
der Ane über diese Jervmebrücke kommt, standen 
zwei kleine Phantasiehäuschen und zwischen beiden 
ein Brunnen. Hier befand sich am frühen Morgen 
des 17. Februar der Gärtnerlehrling Müller aus 
Harleshausen, der ältere Bruder des alten Kasselanern 
noch bekannten Gärtners Amschel-Müller, 
dessen Wittwe später in der Mittelgasse nahe am 
Pferdemarkte einen Obst- und Gemüsekram „die 
Apotheke" betrieben hat. Der junge Mann war 
gerade mit seiner primitiven Morgentoilette be 
schäftigt, als er militärischen Taktschritt vernimmt: 
er sieht wie em Kommando Soldaten, Italiener, 
(nicht GenSdarmen, wie Professor Müller berichtet,) 
Heranmarschiren, in ihrer Mitte einen Delinquenten, 
Schumann. Durch die nächste Thür zieht der 
Trupp in den Berggarten und begiebt sich zu jener 
Stelle, welche links von dem graden Wege — von 
der Jeromebrücke direkt ans den Bergabhang — 
und rechts von dem Lindenrondel, dem jetzigen 
Kinderspielplatz, gelegen ist. Das Peloton nirnmt 
dem Hessen gegenüber Aufstellung, der kommandirende 
durch den Wintermorgen krachen die Schüsse, 
Schumann bricht zusammen, richtet sich jedoch 
gleich wieder ans und greift in den Rasen, da 
springt ein Unteroffizier herzu, hält das Gewehr 
direkt gegen die Schläfe des Verwundeten, ein 
Schuß und ein braver Hesse hatte geendet. Während 
bis zu diesem Augenblick kein Mensch außer den 
betheiligten Soldaten sich in der Nähe zu zeigen 
gewagt, überkletterten jetzt, sobald das Kommando 
den Rücken gewandt, hunderte das Gitter oben in 
der Bellevue und an der Affenallee und stürzten 
nach dem Platze, wo die Exekution stattgefunden. 
Auch der damalige Garteninspektor iui Bellevne- 
und Orangerie-Garten W i l h e l m Al 0 h r, dem 
der blutige Vorgang von seinen Leuten gemeldet 
war, erschien und schlug an dein Kopf und den Füßen 
des Todten einen Pflock in die Erde, um aus diese 
Weise den Platz kenntlich zu machen, wo Schumann 
geendet. Natürlich konnte dies Vorgehen Mvhr's 
bei der Menge Menschen, welche zugegen waren, 
nicht unbeachtet bleiben, gewisse Schurken, an denen 
es hier in Kassel nie gefehlt hat, verriethen ihn 
und ain andern Tage saß der wackere Hofgärtner 
im Kastell, um erst nach Monaten seine Freiheit 
wieder zu erlangen, da man weiter keine Schuld ihm 
nachweisen konnte. Wie die Tradition weiß, war die 
Gattin Mohr's inzwischen in Folge ihres Weinens um 
den Gefangenen erblindet. Die Leiche Schumann's 
blieb bis zum Abend an Ort und Stelle liegen, — 
die Militärbehörde kümmerte sich nicht um die 
Beerdigung, bis ein braver Bürger, der Großvater 
des Herrn Holzhändlers P r o v « t, einen Sarg 
herbeischaffte und Schumann auf der Stätte seines 
Todeskampfs begrub. Doch sollte der Arme auch 
hier noch keine Ruhe finden. Einige Jahre nachher, 
bei Herrichtung von gärtnerischen Anlagen, wenn 
ich nicht irre, wurde ein jetzt wieder verschwundener 
kleiner Teich dort gegraben, — kamen die Reste 
des Gemordeten wieder an's Tageslicht unb man 
begrub ihn endgültig dort, wo die Affenallee ans 
die Hofbleiche stößt. Rechts von der Allee, dicht 
unter dem Felsen bezeichnet ein Kranz von Trauer- 
pappeln den Platz, kein Grabhügel aber erhebt sich 
dort über den Gebeinen des Hessen Schumann, um 
dessen Namen wir nur im Geiste den Cypressen- 
kranz winden, ans dessen Grab wir nur im Geiste 
den Lorbeer legen können, der dem gebührt, der 
treu seinem Fürsten, treu seinem Hessenlande 
gestorben ist. 
Offizier hebt ein weißes Tuch m dre Höhe und 
—■• 
Airs KermcriH unö Iwenröe. 
Verein für h e s s ische Geschichte und 
Landeskunde zu Kassel. Die diesmonatliche 
Versammlung des G e schi chtsv cr e i n s zu K a s s el 
fand am Abend des 22. Februar statt. Nach dem 
Referat des Vorsitzenden Bibliothekars an der 
Landesbibliothek Dr. Brunner hat der Verein
	        

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