Full text: Hessenland (11.1897)

59 
von Goethe seien, obgleich die weitere Forschung 
es noch klar stellen wird, daß gerade diese Verse 
die einzigen in dem genannten Vorspiel sind, 
welche von Schiller herrühren, da sie einestheils 
mit seiner amtlichen Beschäftigung als Feldscheer 
(der erstochene Hauptmann), andererseits aber mit 
seiner Neigung zum Glücksspiel harmoniren, 
während Herr von Goethe selbst in seiner Lebens 
geschichte gesteht, daß er im Spiel ein Stümper 
geblieben sei, trotz der Mühe, welche die srenndlich 
gesinnte Frau Professor Böhmer in Leipzig sich 
mit ihm gegeben habe. Die Knittelverse in 
„Wallenstein's Lager" sind so prächtiger Natur, 
daß sie sich denen des unvergleichlichen Dichters 
des „Faust", der Tragödie erster Theil, getrost 
an die Seite stellen können. Die Ähnlichkeit in 
dieser Knittelsprache ist so groß, daß auch von 
den Uneingeweihten der angebliche Schiller häufig 
mit dem thatsächlichen Goethe verwechselt wird. 
Sv hat z. B. erst kürzlich ein großes politisches 
Berliner Blatt die Verse 
„Tie Üirche hat einen großen Magen u. s. w." 
Schiller zugeschrieben, weil sie, selbst fortschrittlich 
gesonnen, wahrscheinlich unter den klassischen 
Autoren: den als Fortschrittsmann bekannten 
„Schiller" als passenden Urheber annahm, während 
die Verse doch gerade von dem konservativen 
Geheimrath von Goethe herrühren, denn zwei 
Seelen wohnten auch in seiner Brust und für die 
eine derselben hatte er sich, wo sie in größerem 
Maßstab literarisch zum Durchbruch gelangte, den 
Professor Schiller als Deckung ausgewählt. Sv 
hatte dieser auch seinen Namen zu dem Angriff 
gegen den Amtmann und Dichter Bürger leihen 
müssen, welcher hauptsächlich darin seine:: Grund 
haben dürste, daß von Goethe den: Verfasser der 
„ L e n v r e" 65 Louisdor übersandt worden waren, 
nin seine Uebersetzung des Homer mit der 
nöthigen Muße betreiben zu können, der leichtlebige 
Bürger aber nahn: das Geld, ohne sich daraufhin 
weiter noch mit dem Vater Homer zu beschäftigen, 
was den Herrn Geheiinrath natürlich sehr ver 
droß. Dazu kau: noch, daß Bürger sich sehr 
tadelnd über das „Adeln der Gelehrten" ausge 
sprochen hatte, wodurch der ;im:o 1782 geadelte 
Goethe, nicht aber der erst nach Bürger's Tod in 
den Adelstand erhobene Schiller sich gekränkt 
fühle,: konnte. Zwar ist bekannt, daß die Rezension 
über Bürger zuerst anonym erschien, unb daß 
Goethe gesagt hat, „er wünschte, daß er sie ge 
schrieben Hütte," - derartige Aeußerungen aber 
werden von verkappten Autoren häufig gemacht, 
um den Verdacht von sich abzulenken. Unter den 
wilden „Genien" befindet sich auch eine an 
Bürger gerichtete, welche „Schiller" nicht zugetheilt 
wird, demnach also von Goethe herrühren muß 
und ihn deutlich genug als Verfasser der Rezension 
kennzeichnet, denn sie lautet: 
„Ajax, Telamon's Svhn! So mußtest Du selbst 
nach dem Tode 
Noch forttragen deu Groll wegen der Rezension?" 
Um noch weitere Gründe für die Annahme, daß 
nicht Schiller, sondern Goethe die dem ersteren 
angedichteten unsterblichen Dramen geschrieben hat, 
vorzubringen, verweise ich einfach aus die in 
„Don Carlos, Jnsant von Spanien" 
und in „Maria Stuart" so detaillirt ge 
schilderten Hofverhaltnisse, besonders weil diese 
Höfe — der spanische und der englische — doch 
bekanntlich ein sehr umfassendes Zeremoniell be 
sitze::. Wo hatte Schiller, der Regimentsfeldscheer, 
die Kenntniß des Hoftons her? Der richtige 
Einblick in die Art und Weise, wie man sich am 
Hose benimmt, konnte dagegen Herrn von Goethe 
nicht abgehen, der bei Seiner Hoheit dem Herzog 
von Sachsen-Weimar-Eisenach in hoher Gunst 
stand und sogar nicht verfehlte, sich mit Höchst- 
demselben stundenlang aus offenem Marktplatz in 
der Residenzstadt Weimar im Peitschenknallen 
zu üben. Als herzoglicher Staatsminister lag es 
Goethe nahe, die Figur des Marquis P os a zu 
schassen, welcher ja auch bei König Philipp 
von Spanien eine wichtige ministerielle Stellung 
bekleidete. Da der große Dichter indessen mit 
Recht befürchtete, in Mißkredit bei Hose zu ge 
rathen, wenn er die Worte: „Ich kann nicht 
Fürstendiener sein!" von einen: ihm im Range 
gleichstehenden spanischen Granden aussprechen 
lasse, so gab er das Stück unter Schiller's Namen 
heraus. Ebenwohl :nochte ihn auch die heikle 
Affaire mit der Prinzessin Eboli Durchlaucht 
dazu bestiminen, denn die Weimarer Hofdamen 
würden es Seiner Excellenz niemals vergeben 
haben, wenn er eine ihre Kolleginnen in dieser Weise 
kompromittirt hätte. 
Nun zun: Schluß! Daß Schiller schon bei 
seinen Zeitgenossen, von welchen der wahre Sach 
verhalt wohl schon geahnt werden mochte, nicht 
für ein bedeutendes Licht, vielweniger für den 
Dichter des „Wallenstein" und des „Wilhelm 
Dell" gehalten wurde, geht klar und deutlich aus 
der Art und Weise hervor, wie er begraben 
wurde. Es ist erwiesen, daß ihn bei Nacht und 
Nebel eine Anzahl Schneidergesellen zur letzten 
Ruhe tragen sollte und nur durch einen Zufall 
Solches von einigen seiner Freunde abgewendet 
wurde. Nur eine einzige, in einen Mantel tief 
verhüllte Person folgte in gemessener Entfernung 
dem Sarge, und es wird vermuthet, daß dies
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.