Full text: Hessenland (11.1897)

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Um I Uhr sol der Sontag mit 3 Klocken in 
der großen Kirche, und in der resormirten Kirchen 
mit einer Klocke angezeigt werden deß Sonnabends. 
Um II Uhr schlügt der Torinmann die große 
Uhr. 
Um III Uhr sol mit zweyen Klocken eine vor 
die andere nach gelendet werden. 
Um IIII Uhr wirdt die grose Klocke geschlagen. 
Um V Uhr sol mit 3 Klocken zum Gebed ge- 
lentet werden. 
Um VI Uhr sol mit der grosen Klocke 3 mahl 
zum Türkengebed geleutet werden. 
Um VII Uhr sol der Tormman mit Zinke und 
Posaune musiciren. 
Um VIII Uhr sol den Solthaten der Zapfe zu 
geschlagen werden des Winters. 
Um IX Uhr sol die Haubtwacht auf dem Torrn 
antreten, mit dem grosen messingen Horn, die Uhr 
abblasen, und alle mahl um den Torrn gehn, und 
sehen, daß kein Feier in Stadt und Umgegend 
ausgeht. Wann aber, da Gott vor sey, ein Feier 
in der Stadt sollte ausgehn, so sol er sobald die 
grose Klocke gantz geschwindt schlagen und Alarm 
machen. Wofern aber im Ambt sollte Feier end 
stehen, sol er daß Horn gantz geschwind blasen, 
hiernach sich die Bürgerschaft thut richten. 
Es sollen auch die zwey Stadtwechter diese Stunde 
leuten, damit den Bürgern auch der Zapf zugeschlagen 
wirdt, und hernach durch die gantze Stadt gehn 
und die Uhr anzeigen, und singen: Hört ihr Herrn 
nun laßt euch sagen: Die Klocke hatt 9 geschlagen. 
Verwahrt daß Feier und das Licht, daß meinen 
Herrn kein Schaden geschiht und lobet Gott den Herrn. 
Es sollen auch diese beide Nachtwechter gut Acht 
haben, wofern ein Feier in der Stadt entstinde, 
daß einer sobald nach der Stnrmklock, der andere 
in der Stadt Alarma in allen Gassen mache, da- 
mit die Bürger dem Unglück desto eher wehren 
und steuern können. 
Um X Uhr deß Nachts sol die Wacht uffen 
Torrn, wie auch in der Stadt sleisig versehen 
werden. 
Um XI Uhr deßgleichen an beiden Orden. 
Um XII Uhr sol dergleichen geschehen, und 
dann nach Hauß gehn. 
Um I Uhr sol der Tormman antreten nach 
Mitternachts und mit der Trompete die Uhr ab 
blasen und auf's Feier in Stadt und Ambt Acht 
haben, die Stadtwechter sollen deßgleichen thun, 
so die Vorigen abgelöst haben. 
Um II Uhr sollen beide Wachten auf dem Torrn 
und Straffen wohl Umsehen halten. 
Um III Uhr dergleichen, und sollen die Stadt 
wechter, wan sie die 3 Uhr in allen Strassen an 
gezeigt., rufen und singen: Hört ihr Herrn und 
laßt euch sagen: die Klocke hat 3 geschlagen, der 
Tag vertreibt die finster Nacht, ihr lieben Christen, 
seid munter und wacht, und lobet Gott den Herrn. 
Und geht hierauff nach Hauß. 
Diese Ordnung muß durchs gantze Jahr, wie 
vorgeschrieben täglich sleisig erereiret und gehalten 
werden. Anno 1687. 
(Einer handschriftlichen, alten Urkunde entnommen.) 
Gleiche Einrichtungen bestanden in vielen Städten 
Deutschlands, speziell aber in Hessen ; es haben sich 
dieselben aber wohl in keinem Ort so lange er 
halten, als gerade hier in Frankenberg. Ein von 
der Stadt bestellter Stadtmusikns sungirte gleich 
zeitig als Thurmwächter, derselbe hatte als solcher 
die Ausführung obiger Ordnung ausschließlich zur 
Aufgabe. Selbstverständlich wurden die einzelnen 
Bestimmungen irn Laufe der Zeit etwas verändert 
und in einer mehr zeitgemäßen Weise ausgeführt. Sv 
darf es nicht Wunder nehmen, wenn es in der ersten 
Hülste dieses Jahrhunderts eine Zeit gab, in welcher 
sich der Unfug eingeschlichen hatte, daß am Mittag 
statt eines Chorals eine lustige Tanzweise '-vom 
Thurm zu hören war, bei welcher Gelegenheit die 
um die Kirche versammelten Konfirmanden es sich 
nicht versagen konnten, ein kleines Tänzchen zu 
machen. Erst um die Mitte dieses Jahrhunderts 
wurde diese Prosanation durch einen hiesigen 
Geistlichen beseitigt, und statt eines Galopps wurde 
wieder ein Kirchenlied geblasen. Seitdem wurden 
die alten Bestimmungen folgendermaßen gewahrt: 
Um 8 Uhr Morgens, 11 Uhr Mittags und 7 Uhr 
Abends wurde vom Thurmwächter und einem 
seiner Angehörigen zweistimmig vorn Thurm der 
großen Kirche ein Choral geblasen. Dies geschah 
an allen Werktagen, an Sonn- und Festtagen 
jedoch nur einmal, und zwar mit Schluß des 
Morgengottesdienstes. — Ferner wird an Werk 
tagen um 9 Uhr Morgens, 1 Uhr Mittags und 
4 Uhr Nachmittags vom Thnrmwächter die große 
Glocke angeschlagen. Um 10 Uhr Morgens und 
um 9 Uhr Abends wird geläutet. Außerdem ver 
richtet der Thnrmwächter einen Nachtdienst, nnd 
zwar von 10 Uhr Abends bis znm Morgen, in 
der Weise, daß er jede Viertelstunde anmeldet 
und bei einem eintretenden Brand die Feuerglocke 
läutet. Tiefe ganze Einrichtung habe ich in un 
veränderter Form fast 30 Jahre lang hier beobachtet; 
Erst seit dem Tode des im Jahre 1894 verstorbenen 
alten Thnrmwächters Theiß, welcher in der treuesten 
Pslichtersülluug und in der gewissenhaftesten Weise 
eine lange Reihe von Jahren feines Dienstes 
waltete, ist der musikalische Theil unserer Stadt 
ordnung in Wegfall gekommen. 
Trankmberg. Sanitätsrath I>r. Lifsard.
	        

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