Full text: Hessenland (11.1897)

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Pas Schilter-Keöeimnißw 
Bon Wilhelm Ben necke. 
einigen Tagen saß ich in der „Kntscher- 
^ ft übe zu Kassel, einem der originellsten 
Clubs der hessischen Residenzstadt, und betheiligte 
mich an einem Gespräch, welches sich über die 
Existenz Shakespeare's entsponnen hatte. 
Einige der anwesenden „Kutscher" waren für die 
völlige Unantastbarkeit des göttlichen William, 
wie er uns seither biird) die Literaturgeschichte 
überliefert worden ist, anderere dagegen schlossen 
sich der Meinung Edwin Bvrmann's an. daß 
nicht der armselige Londoner Komödiant des 
Globetheaters, sondern der hochstehende, gelehrte 
Bacon von Bern l am der alleinige Verfasser 
der unsterblichen Tramen gewesen sei. Wie bei 
allen derartigen Kontroversen wurde etwas laut 
gesprochen, und so mußte es gekommen fein, daß 
von diesem Meinungsaustausch auch im Neben- 
zinimer — die „Kntscherstnbe" befindet sich in 
einem Restaurant an dein berühmten Friedrichs- 
platz — Notiz genommen wurde, denn am andern 
Morgen erhielt ich das nachfolgende Schreiben, 
welches ein ganz neues Licht ans die Werke 
unserer großen deutschen Dichter-Dioskuren, 
Schiller und Goethe, wirft, und welches aus 
diesem Grunde dem sich mit literarischen Tragen 
beschäftigenden Publikum nicht vorenthalten bleiben 
darf. Das Schriftstück lautet wörtlich: 
„Mein Herr! Durch einen günstigen Zufall 
bin ich gestern unabsichtlicher Zuhörer einer Unter 
haltung geworden, in welcher Sie sich entschieden 
dafür anssprachen, daß Shakespeare als Person 
an und für sich nicht eristirt habe, sondern mit 
Baron Bernlam identisch sei. Ties hat mich 
sehr erfreut, da auch ich mich dieser Anschauung 
ganz und gar anschließe. Als Gesinnungsgenossen 
in dieser so überaus wichtigen Angelegenheit will 
ich Thuen nun das Ergebniß einer anderen 
Forschung mittheilen, die ich in der deutschen : 
Literatur gemacht habe und welche Friedrich 1 
Schiller betrifft. Aach meiner Ueberzeugung ist i 
derselbe eben so wenig der berühmte Dichter ge- 
wiesen, als welcher er gefeiert wird. wie der io- \ 
genannte William Shakespeare der Verfasser der ! 
ihm untergeschobenen herrlichen Tramen. Wie ! 
*1 Wie Uno unser geschützter Mitarbeiter mittheilt, ist ! 
ein Zinssatz im „Berliner Bürsen-ckonrier", der dieselbe ! 
gdee behandelt, seiner obigen, schon vorher selbständig i 
unternoinmenen und vollendeten Arbeit in Bezug auf den ! 
Ueitpnnkt der Pcrvsfentlichung zuvorgekommen. Wir ! 
glauben trotzdem unsern Lesern gerade augenblicklich die j 
humorvollen Ausführungen nicht vorenthalten >,u sollen. | 
T. Red. i 
I Baron von Vernlam die Shakespeare'schen Trauer- 
! spiele gedichtet hat, rühren auch Schiller's 
! sämmtliche Werke von niemand Allderem her, als 
von Herrn Geheimrath Johann Wolf gang 
von Goethe. — — Sie erstaunen, aber hären 
Sie mich an. 
Bekanntlich feint der Herzog Karl August 
von Weimar init Geheimrath von Goethe anno 
1779 ans der Rückreise von der Schweiz nach 
Stuttgart, wo Seine hochsürstliche Durchlaucht 
der Herzog Karl Eilgen die hohen Reisenden zu 
der Jahresprüsung der Karlsakademie einlud. 
Bei dieser feierlichen Gelegenheit wlirden einenl 
der Eleven vier Preise zuerkannt, wodurch die 
Aufmerksamkeit Goethe's auf denselben gelenkt 
ivnrde. Dieser Eleve hieß Friedrich Schiller. 
Goethe erkundigte sich über ihn und erfuhr, daß 
er himmelstürmende Gedichte mache. Daraufhin 
trat der Herr Geheimrath mit deut jugendlichen 
Akademieschüler in Verbindung und übermittelte 
ihm das Manuskript der wahrscheinlich mit dem 
„Gütz von Berlichingen" zugleich entstandenen 
„ Räuber". Goethe hatte dieses Werk ans 
Verehrllng Shakespeare's englisch geschrieben und 
ihm den Titel Miso of Moor 1 gegeben, als 
Autor aber einen Reister Krake vortänfig dafür 
verailtwvrtlich gemacht. Auf diese Weise wird es 
auch einzig und allein erklärlich, daß der Eleve 
Schiller in seiner dem Herzog von Württemberg 
eingereichten Abhandlung „Versueh über deu 
Zusammenhang der thierischen Natur 
des Rlenscheu mit seit!er geistigen" die 
erste Szene des Aktes der „Räuber" als dein 
.bild of Moor. h'ar*v<)y lyv Kroko" entnommen, 
anführen konnte. Es ist gar nicht denkbar, daß 
der Eleve Schiller die Kühnheit gehabt haben soll, 
sich ans ein Werk zu beziehen, das er dem ge 
strengen Herzog bei etwaiger Nachfrage nicht hätte 
vorlegen könne». Geht man nun näher auf die 
„Räuber" ein, so findet man sofort, daß der 
genannte Schiller unmöglich der Verfasser fein 
kann, wie ans Nachfolgendem zur Evidenz her 
vorgeht. 
Schiller ist, wie bereits erwähnt, in der Karls- 
fchnle zu Stuttgart erzogeit worden, einem Institut, 
welches durch die in ihm herrschende Strenge 
hauptsächlich bekannt war. Schiller konnte also 
keine Idee von dein lockeren Leben haben, wie es 
aus wirklichen deutschen Universitäten geführt 
wurde. Wie sollte er also dazu kommen, das 
Lotterleben, welches der fränkische Freiherr Karl
	        

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