Full text: Hessenland (11.1897)

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liegt ausgebreitet in malerischer Schönheit vor uns. 
Trunken schweift der Blick über weite gesegnete 
Feldfluren, nuS denen die rothen Dächer von 
mehr als 25 mit Obstgärten umgebenen Dörfern 
hervorleuchten, in der Ferne zeigen sich ansehnliche 
Gebirgszüge uub prächtige Wälder, tief unter uns 
ist das romantische Thal der Werra, kurz, eine 
Fülle von Schönheiten, die sich besser empfinden 
als beschreiben läßt. 
Im Norden find die Thürme der Musenstadt 
Göttin gen zu erkennen, rechts zur Seite zeigen 
sich die Trümmer der Plesse, daneben die 
Gleichen, und zwei tafelförmige Berge, der 
Sonnenftein unbdas Ohmgebirge. Zwischen 
ihnen befindet sich eine tiefe Einsenknng, die 
Porta Eichsfeldiea, weiter im Vordergründe 
zieht die runde jetzt bewaldete Kuppe des R ust e- 
b erg es, auf dem einst die Ahnen der Herren 
von Honstein als mainzische Vicedomini iAmt 
männer) gewaltet, die Blicke an, an seinem 
Abhange liegt der freundliche Ort Marth. 
Zwischen dem Rusteberg und Hengsten borg 
erhebt, als gewaltiger Hintergrund, der Brocken 
sein ehrwürdiges Haupt, bei hellem Wetter spiegeln 
die Fenster des Brockenthnrmes herüber; die 
anderen Berge des Harzes bis zu dem Ravens- 
topf schließen sich ihm an. 
Gegen Osten öffnen sich zwei Thäler, das eine 
nördlichere mit dem Dorfe Born Hagen un 
mittelbar vor uns und den weiteren sieben Sitzen 
der Familie am Stein x. in der Richtung nach 
H e i l i g e n st a d t und den: D u e n g e b i r g e, das 
andere südlichere, in dessen Eingang sich das 
Dorf G e r b e r s h a u f e n befindet, fchnüegt sich 
zwischen Henneseste und Hö heb erg hindurch. 
Im Süden wird die Aussicht von dem nahen 
mit prächtigem Buchenhvchwald bestandenen Höhe 
berg begrenzt, zur Seite steigt der sagenberühmte 
Helsensberg mit seiner Wallfahrtskapelle 
empor, und der zackige Rücken mit der ehemaligen 
Reichsveste Bohnebnrg weckt die Erinnerung 
an das Geschlecht, dem der Landsknechtoberst 
Karl's V., Kurt von Bvhnebilrg sBemelbergl, 
„der kleine Heß"*), der 1527 die ewige Stadt R o m 
erstürmte, entsprossen ist. In blauer duftiger 
Ferne ist der Jnselsberg mit den anderen 
Höhen des Thüringer Waldes sichtbar. In der 
Tiefe blinkt der Werrastrom : über ihm lagert 
der stolzeste Berg im Hessenlande, der Meißner. 
Aber der alte Bekannte zeigt uns hier ein 
neues Gesicht, statt des einzigen Plateaus erheben 
sich zwei übereinander, das eine als Eckpfeiler 
vorspringend: die Kalbe, das andere uns nähere 
und höhere: die Kasseler Kuppe. 
Nach Westen schließt sich die Bergkette des 
Kanfung er Waldes in mannigfachen Er 
hebungen, wovon der Bilstein die höchste ist, 
an. Zwischen ihm und den Ausläufern des 
Eichsseldes, dem H v h e n H a g e n und der spitzen 
Pyramide der Brackenburg, glitzert die Werra 
gleich einem silbernen Bande, das gegenüber den 
Rivaleu, den Lndwigsstein, nmschlingt und weiter 
hinab das freundliche Städtchen Witzenhanfen 
umzieht. Sehr hübsch unten in der Schlucht 
eingebettet liegt das Torf Werleshausen. 
Wenden wir uns nun zurück zu unserem 
Standpunkte: welchen Gegensatz zu dein lebens 
vollen lachenden Bild, das wir eben beschrieben, 
bilden die um uns befindlichen grauen Trüminer 
der Vergangenheit; die dachlosen zerbröckelnden 
Mauern sprechen eine beredte Sprache voll der 
Vergänglichkeit aller Menschenwerke. Wo sind 
die eisenbekleideten Ritter, deren Auge vor Kampf 
lust blitzte, deren Mund mit Hellem Kriegsrns 
den Feind herausforderte? Starr und stumm 
sind sie, die im Leben keine Ruhe kannten, ans 
den Kirchhöfen hier unter uns zu ewigem Frieden 
gebettet. — Tiefe Stille, das Schweigen des 
Todes, umfängt uns, nur unterbrochen von dein 
Heulen des Sturmes, der an den Mauern rüttelt, 
sich in deii Eckeil und Winkeln säiigt, bis das 
Zerstöriliigswerk bollendek ist. Lichtscheue Böget, 
Eulen Mid Dohlen, erhebeil sich ausgescheilcht ans 
ihren Schlupfwinkeln unb umkreisen schreiend den 
einsamen Besucher. — (Hortseimiig folgt.» 
*) S. Aufsatz v. E. Strudel l, „Irssmlaud" 1 ss<), 3. ff- 
Die MüttLewkmui. 
Von ^sirnenglanz und Aetherwellen sanft nmblant, 
Träuint einsam in dem Eispalast die wintersbraut. 
Ein blitzend Diadem umstrahlt das schöne Weib, 
Und weißer Hermelin un:schn:iegt den zarten Leib. 
Doch fröstelnd zuckt zuin Herzen ihre kalte band, — 
Da flattern Stcmbiem rings von: stock'gen Helzgewand. 
Eie seufzt und schaut erwartungsvoll in's Thal, 
Ihr wird so bang! — wann holt er sie als traut Gemahl? 
Und spähend streift ein Mövenschwarm das schal entlang, 
Und ladend ruft zum Fest Lawinendonnerklang. — 
In Lichtesschimmer gleißt wie Gold der schmucke Saal, 
Es blinkt der Gletscherwein im grünen Eispokal. 
Am Thore lauscht die Braut von Hosfnungsdrang beseelt, 
Der Elsenreigen rvogt, doch einer, — einer fehlt! 
— Jur Eispalast von Aetherwellen sanft unrblaut 
wräuiut einsän: klagend die verlass'ne wintersbraut. 
Und wenn das erste Veilchen lugt aus blinken: Schnee, 
Ierfließt :n Hellen Thränen sie vor Leid und weh. 
Kranz M. Utlcrsctn'id.
	        

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