Full text: Hessenland (11.1897)

Aber als der Nordwind und der Ostwind 
schneidend über das Hügelland fuhren, froren sein 
Greifenblut und feine schlecht verpackten Knochen, 
und er kroch hinter den alten Homberger Eisen- 
ofen in das sonst so behagliche Grostvatereckchen. 
Aber auch dort störte ihn der Gedanke ans, daß 
wall mit dem kommenden Frühjahr das Hänschen 
niederreißen würde, und er schlich rastlos von 
Zimmer zu Zimmer, vom Boden in den Keller, 
vom Stall in die Werkstatt. 
Er magerte immer mehr ab, und seine Angen 
leuchteten wie Kohlen ans dem fahlen Gesicht. 
Was hals es, daß über dem Ehebette von Jost 
und Mariechen ein alter Haussegen hing: 
„Tenn, wer dem Herrn befiehlt seine Lach', 
Schweigt, leidet, wartet. 
Braucht Glimpf, mit Gemach, 
Bewahrt Glaub' und gut Gewissen rein, 
Tem will Gatt Schuh und Helfer sein." 
Ter gute Spruch, den Mariechen einst mit 
Goldperlen ans Papierstramin gestickt, hatte seine 
Wirkung verloren, der Frieden und der Schlaf 
waren ans der armen Kammer gewichen. 
Jost verbrachte die Nächte damit, geistliche 
Lieder zu singen; seine hohle Stimme klang nn- 
heimlich zu dem zitternden alten Frauchen hinüber. 
Ter jnbelvolle Inhalt paßte so schlecht zu ihrer 
Angst: 
„Bon zwölf Perlen sind die Thore 
An Seiner Stadt. Wir stehn im (5höre 
Ter Engel hoch auf Zivn's Höh'n. 
Kein Aug' hat je gesehen 
Kein Lhr hat je gehört — 
Solche Freude! 
Drum jauchzen wir und singen Dir 
Das Hallelujah für und für." 
Tann pflegte Mariechen aufzustehen und den 
grauen Kopf an ihre Brust zu ziehen — das 
alte, gestörte, trotzige Kind zu beruhigen mit ihrer 
guten, tröstenden, mütterlichen Stimme: 
„Sei gut, Jost, — der alte Herrgott lebt noch. 
Er sitzt im Regi mente und leitet alles wohl." 
Er ließ sich wohl beschwichtigen und schlief 
für ein paar Stunden, aber mit Tagesgranen 
uild Hahnenschrei kam die geistige Unrast und 
trieb ihn empor. 
„Sie haben unserem Herrgott das Heft aus 
der Hand gerissen, sie haben Necht verkehrt in 
Unrecht. Mein Hans ist mein Haus! davon 
beißt keine Maus 'nen Faden ab, und ich werd' 
ihnen zeigen, wem's gehört. Da soll doch gleich 
ein Hagelwetter drein schlagen!" 
* * 
Und er zeigte ihnen, daß es sein Haus war. 
Die Märzstürme fegten durch das Thal, und das 
Städtlein war voller Nebel, Dunkelheit und Kälte, 
das lose Holzwerk an' dem alten Hünsergehock 
schlug krachend und knatternd aneinander, und die 
Ziegeln fuhren an den Dächern nieder und zer 
schlugen rasselnd ans dem Basalt des Pflasters. 
Betend und weinend war das Mariechen ein 
geschlafen, denn Jost saß starr und unbeweglich 
bruiiten in der Werkstütte; den ganzen Tag über 
hatte er Speise und Trank verweigert und beu 
Nachbarn ihre Sünden vorgehalten, — morgen 
wollte der junge Jost mit seinen Gesellen und 
dem „Handwägelchen" kommen, die Sachen der 
Alten in die neue Wohnung zu schassen, denn ans 
die nächste Woche war der Abbruch des Hauses 
anberaumt. 
Mariechen war schon seit Tagen ihrem Mann 
ans Schritt und Tritt gefolgt, denn er hatte 
drohend geäußert: „Es giebt noch ein Unglück, 
gebt Acht — es giebt ein Unglück!" 
Heute Abend aber hatten die Aufregung und 
Erschöpfung sie überwältigt, sie war in ihr Bett 
gokrochen, um in einem tiefen Schlaf ihr Elend 
und Kreuz ans eine Weile zu vergessen. Plötz 
lich um Mitternacht fühlte sie sich von starken 
Armen emporgehoben. Ihr Mann hatte sie auf 
gerüttelt : „Steh ans, Mutter, es brennt. — Ich 
habe unser Hans angezündet, damit es nicht fällt 
in die Hände der Gottlosen und ungerechten 
Richter!" Ta knisterte und knackte es auch schon 
in den alten Lehmwänden, da glühten die Balken 
in der geborstenen Decke, nnb ein Fnnkenregen 
sprühte in die Kammer nieder. 
Schreiend und in ihrer Schlaftrunkenheit 
taumelnd lies die Alte hinaus, sich die nackten 
Sohlen aus den glühenden Dielen versengend. 
Als sie aus der Hausthür trat, fuhr ihr der 
Sturm mit dem schrillen Anschlagen der Feuer 
glocke entgegen, und hoch ans dem Giebel ihrer 
geliebten Heimstätte schlug eine gewaltige Flamme 
znm Himmel empor. 
In ihrem Hemde stand das zitternde alte 
Weibchen zähneklappernd und die grauen Haare 
raufend ans der Straße in Sturm und Regen 
zwischen den schimpfenden, fluchenden Nachbarn, 
deren Eigenthum die fliegenden Funken bedrohten. 
Die Spritze kam unter Halloh und Gerassel —, 
da stürzte auch schon das alte Gebälk krachend zu 
sammen, der Alten ganze Habe mit sich begrabend. 
Jost aber stand lachend da: „I e tz t h a b' i ch' s 
bewiesen, daß es in ein Hans war. 
Noch in derselben Nacht wurde er in's Gefängniß 
transportirt und dann nach einigen Tagen weiter 
nach Kloster Haina, der Anstalt für männliche 
Irre. Er hatte sich als gemeingefährlich erwiesen. 
In der Anstalt lebte er nicht lange. Er ging.
	        

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