Full text: Hessenland (11.1897)

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sich fröhlich umhertummelten. Ihr Vater war 
ein geistig bedeutender Mann, und sein Umgang 
muß wohl ihrem Talent große Anregung und 
Förderung gegeben haben. 
Nach dem zeitigen Tode ihres Vaters, der in 
Wehlheiden erfolgte, sah sie sich aus die eigene 
Kraft angewiesen. Zusamnren mit ihrer Stief 
mutter, an der sie mit großer Liebe hing, lebte 
sie fortan in Kassel. Mit großem Ernst arbeitete 
sie an ihrer Fortbildung, um mit Erfolg zur 
Feder greisen zu können. Ihrem rastlosen Eifer 
wie ihren natürlichen Gaben, denen sich vor 
allem eine lebhafte Phantasie gesellte, hatte sie 
es zu verdanken, daß sie durch ihre Erzählungen, 
die in Zeitschrifteil, Zeitungen und gelegentlich 
auch in Buchform erschienen, darunter ihr Haupt 
werk „F r a n z W o l s r a m" und der erst kürz 
lich erschienene historische Roman „Um den 
Glauben" (Kassel, Mar Brnnnemann), in 
weiteren Kreisen bekannt wurde und zu den gern 
gelesenen Schriftstellerinnen zählte. 
Das „Hessenland" hat aus Frida Storck's Feder 
folgende Novellen, bezw. Erzählungen gebracht: 
„Einer vom alten Schrot llnd Korn" 
(1887), „Aus gührenderZeit" (1888), „Taute 
Gerichtsraths Flickfrau" (1896). Durch 
Gedichte in niederhessischer Mundart hat sie sich 
bei unsern Lesern nicht minder glücklich eingeführt, 
es sei nur an folgende erinnert: „Kirmes- 
mohrt" (1893), „Spallstube" (1894), „Der 
! Osterhoas", „Es würd bekängt gemacht". 
! „Kirmes" (1895). Ihre letzte Arbeit für das 
j „Hessenland" war ein warm empfundener Nachruf 
l für die hessische Schriftstellerin Nanny vom Hof 
j „Zur Erinnerung an N. v. H." (1896 Nr. 8, 
j S. 106 ff.). 
Was sie dort von der dahingeschiedenen Freundin 
sagte: „Der starke Geist, der in der schwachen 
Hülle lebte, zwang die Schwächen des Körpers 
! immer und immer erfolgreich nieder", das gilt 
! wohl allch von Frida Storck selbst. Ihr nicht 
! starker Körper war den Anstrengungen ihres Be- 
! rufs nicht gewachsen, zumal sie herzleidend war. 
i Eine schon im Dezember 1896 vorhandene starke 
Erkältung ging, weil sie nicht genügend beachtet 
! worden war, in eine Lungenentzündung über. 
! Und so erfolgte denn der Tod nach mehrwöchigen 
! Leiden. „Ein mildleuchtendes, wohlthuendes Licht, 
eine ächte Hessin, die mit jeder Faser an ihre 
| engere Heimath hing," ist in ihr geschieden. Für 
: die Menschen, die ihr nahe standen, riß dieser 
Tod eine schmerzliche Lücke, die erst die Zeit all- 
: mählich schließen wird. Auch das „Hessenland" wird 
: ihr ein treues Andenken bewahren. Sie ruhe sanft! 
Sein Kaus. 
Hessische Erzählung von M. Herbert. 
(Schlich.) 
as Gericht hatte entschieden. Es wurde eine 
Abschätznngskommifsion in Jost's Hans ge 
schickt, — und die Leute kletterten mit verächtlichen, 
entsetzten Gesichtern die halsbrecherischen Stiegen 
hinauf, bekopfschüttclten den glänzenden, schwarz- 
rußigen Ranchfang ans dem Gang vor den Zimmer 
thüren, das braune, wurmzersressene, gebogene 
Gebälk, die rissigen Lehmwände und die niedrigen 
Zimmer mit den klaffenden Dielen. 
„Sie sollten froh sein, daß Ihnen- das Haus 
anständig bezahlt wird, Herr Jost," sagte ein 
Sachverständiger, „es wäre Ihnen über kurz oder 
lang doch über dem Kopf zusammengestürzt." 
Jost antwortete nicht, er stand mit geballten 
Händen neben den Herren nnb murrte. 
„Es ist ein himmelschreiendes Unrecht, — und 
ich werde es nicht leiden." Er verweigerte ent 
schieden die ihm gebotene Summe. 
Alan kümmerte sich nicht darum. Mariechen 
unterzeichnete für ihn und nahm das Geld in 
Empfang. Jost galt ja für halb unznrechnungs- 
fähig, und man ließ ihn reden. Er verwilderte 
förmlich, lief ziel- und planlos im Felde umher, 
vernachlässigte sein Geschäft und seine Bibel nnb 
hörte nicht ans die Rede des Herrn Pfarrers, 
der kam ihn zu vermahnen. Mit dem herein 
brechenden Winter wurden die Zeiten in dem 
alten Hanfe noch trüber. So lange noch der 
Sturm die letzten Blätter und die letzten blauen 
Zwetfchen nicht herabgefegt hatte, rannte Jost 
durch die Wiesen und Heckenwege des Heffen- 
thälchens — der Unruhe feines Geistes folgend 
man sah ihn auf den Feldrainen unter den 
Schlehenstränchern fitzen, den Kopf gesenkt, die 
Knie emporgezogen zuweilen sang er mit seiner- 
tiefen Greisenstimme das alte hessische Kirchenlied: 
„0 Ewigkeit, bit Dvnnerwort, 
Dil Schwert, das in die Seele bohrt. 
Du Ansang sonder Ende. 
0 Ewigkeit, Zeit ohne Zeit! 
Ich weis; vor grccher Traurigkeit 
Nicht, wo ich mich hin wende."
	        

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