Full text: Hessenland (11.1897)

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Einer von n n s. 
Es ist so allgemach wieder die regengraue 
Zeit gekommen, da mancher von dem „Pnbli- 
kum" ein Buch zur Hand nimmt, selbst sogar 
ein lyrisches. Ja, sicher: die Lyrik kommt Wieder 
aus! Ich mache mich darum auch sofort 
aus, das „Publikum" an den verehrten Rock 
schößen zu packen und ihm zu zeigen, an was 
für Herrlichkeiten cs seither blind vorbeihastete. 
Das klagt und wimmert über Langeweile, Oede, 
Kulturstaub, Duftlosigkeit, daß man endlich Er 
barmen suhlt. Rechts und links liegen und lachen 
sonnige Gärten mit wehenden Fliedern, than- 
glünzenden Rosen, singenden Nägeln und spielenden 
Wassern. Und weiter hinaus rauschende Wälder 
und trotzige Berge! Eine solche Landschaft, er 
quickend und beseligend thut sich Eurer Seele ans, 
wenn Ihr unseres Landmannes Carl Pr es er 
Bücher zur Hand nehmt. 
Die Sternschnuppenschwärme am Himmel deutscher 
Lyrik wollen und wollen sich nicht erschöpfen. Wie 
vor zwanzig Jahren, so huschen sie noch heute 
vorüber. Da trat sonnenhaft ans und von einer 
Menge Trabanten umkreist: Ich, Karl Bleibtreu, 
der Uebermensch! Alles wollte er in die Tasche 
stecken und alle Blätter waren voll seines Ruhmes. 
Aber die Taschen der Zeit erwiesen sich als noch 
größer! Als Lyriker betrachtet, konnte er auch 
nicht sehr viel. Gleichzeitig kam der sensible Arent, 
der mimosenhafte Conradi, der mitunter auch „riesig 
veranlagte" Zoozmann, Karl Maria Heidt, Henkell 
und wie sie alle heißen. Bald umr der oben, bald 
der. Ta endlich taucht ans der Münchener Künst- 
lerschaft ans in Havelock und Tonarhut der große 
Bierbanm. Das war nun wieder der „Größte", 
der würde sie alle, alle klein machen und sein „Pan" 
lvürde weit hinausragen über die Kunstdoknmente 
vieler Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhlmderte. llnd 
nun erlaubt sich wieder ein anderer, daneben zu 
treten: Karl Busse, der lenzfrische Sänger, der „in 
junger Sonne" freudig seine Lieder schmettert, bis 
er glücklich halb todtgepriesen wurde. Das war 
aber alles noch gar nichts! Richard Dehmel 
kommt, der ckllu cke Kbele-Mensch, der Pleinairist 
der Lyriker im- exellence. Das ist vorläufig der 
Heros. Daneben freilich Liliencron. Wir haben 
alo immerhin einige von der Sorte „der Größte". 
Ganz anders mutheu die stillen, aber doch mit der 
Zeit fortschreitenden Poeten an: Konrad Falke, 
Ernst Fitger it. s. w. Zn diesen echten ziel 
bewußten Künstlern zähle ich auch Earl Preser. 
Daß er nicht so oft „draußen" genannt wird, mag 
daran liegen, daß er nicht in den Literaturtamps 
eingrifs, daß er den politischen und sozialen Tages 
sragen, die man/heute mit ben künstlerischen eut= 
wickelnngstheoretjsch so gerne verknüpft, nicht dichte 
rische Genait gab. Er ist eben ein Künstler für- 
alle. „Aber sein Hutten?" — „Ja, ja! Sie 
haben recht, da hagelt es auch einmal dazwischen 
zur Freude der Starken und Furchtlosen!" 
Kein wirklicher Kritiker wird Preser kennen lernen, 
ohne stark von ihm gefesselt zu werden. Wer eines 
seiner Gedichte liest, oder mit ihm über Kunst und 
Künstler spricht, der hat das wohlthuende Gefühl, 
sich Echtem gegenüber zu befinden. Menschenadel 
in Kunst und Leben tritt ihm in fesselnder Weise 
entgegen. Aber dieser bestimmte Charakter tritt 
gleich in seinen ersten Werken aus. Vornehme 
Bildung, Vielseitigkeit der Interessen, Adel und 
Schönheit der Sprache, Wohllaut der Verse und 
Reime, durchgebildeter Formensinn: das ist das 
Geheimniß seiner Kunst. Sie ist dabei frisch und 
duftig, wie unsere hessischen Bergwälder es sind, 
denen er viel abgelauscht hat. Wenn irgend eine 
Gegend geeignet ist, dichterisches Denken und Streben 
zu wecken und zu nähren, so ist es Kassel mit der 
Wilhelmshöhe, der Aue, dem reichen Schatz an Ge 
mälden und den herrlichen Thälern und Bergen 
weithinaus. Und Preser ist in Kassel geboren und 
hat längere Zeit dort gelebt! Der Freude an der 
Natur, dem frohen Vertrauen aus die eigene Kraft, 
dem reichen Schatz gesammelter Erfahrungen ent 
springen seine Lieder. In ihnen erkennt man den 
im Leben und durch Lernen gereisten Mann, der 
frei über einen bedeutenden, klar geordneten und 
poetisch verklärten Gedankenreichthum verfügt. Frisch 
und einfach, innig und warm ist seine Lyrik, nicht 
selten ansklingend in den kräftigen Weifen und 
Wendungen des Volksliedes. Leere Spielereien 
findet man ans keiner Seite. Tie Ursprünglichkeit 
der Verse, ihr frischer und würziger Dust täuscht 
uns geradezu die Natur vor. Wir glauben selbst 
im Erdbeerschlag zu lauschen, am Waldrain zu 
liegen. . . . Das ist das Merkmal echter Poesie. 
Von der Natur zur Kunst im Geiste des Dichters 
und beim Genuß wieder zurück in den Hauch der 
Natur. Spezifisch gedankliche Elemente liegen 
dem Lyriker Preser ferner. Aber der kleine Schalk 
Humor huscht hin und wieder durch die Reihen — 
„Die Zecher von Fulda", „Geisterharmonie", 
„Beim Domherr von Ornamnth". 
Verse und Sprache zeichnen sich stets durch eine 
strenge, doch zwanglose Korrektheit aus, Lurch 
Wohllaut und seine Melodienwirknng. Pathetische 
Aufbauschungen, dunkele Gedankenstrichdichtungen, 
verworrene Jdeenassoziationen findet man nicht. Die 
Seelenwirkung ist immer klar, leuchtend, ergreifend. 
Für ein umfangreiches Epos hat unsere Gene 
ration weder Leselust noch Zeit, und es gehört ein
	        

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