Full text: Hessenland (11.1897)

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Besitz wesentlicher Bühnenkenntnisse war nnd zu 
charaklerisircn verstand. Die Charaktere, mit 
Ausnahme des Trunkenboldes Berthold. entbehren 
jeder psychologischen Wahrheit niid Folgerichtig 
keit und vermögen nicht im mindesten für sich 
zn erwärmen, selbst die brave unglückliche, in 
Thränen zergehende Frau Berthold nicht. Wv 
herrscht denn im ganzen deutschen Gleiche das Ge 
setz, nach dessen Buchstaben Frau Berthold in's 
Gefängniß gesetzt werden kann, weil sic der ewigen 
Mißhandlungen ihres Mannes satt wird und sich den 
selben entzieht. Etwa im Königreich Sachsen, wie 
die äußerst überflüssige Figur der sächselnden 
Räihin muthmaßen läßt? Herrscht es aber dort 
wirklich heute noch, so weiß doch Mathilde Paar 
ebensowohl wie jeder andere, daß in kurzer Frist 
das neue bürgerliche Gesetzbuch in Kraft treten 
nnd solche Zöpfe beschneiden wird. Titel und In 
halt des Stückes decken sich nicht. Ter Ausgang 
befriedigt nicht. Tie Sprache ist keineswegs eine 
so vollendete, um über die übrigen Mängel hinweg 
zutäuschen. 
Todesfall. Am 5. Dezember entschlief in 
seiner Vaterstadt Kassel der berühmte Bildhauer 
Professor G n st a v K a u p e r t. geboren am 
4. April 1819 als Sohn des bekannten Gold 
schmiedes des Aamens am Schloßplatz. In der 
Kunstakademie seiner Vaterstadt unter den Pro 
fessoren Ruht und Henschel ausgebildet, ging er 
1844 nach München zn Schwanthaler, dann nach 
Kassel zurückgekehrt, zog er mit einein Staats- 
stipendinm ausgestattet nach Italien, wo er bis 
zn seiner Ernennung zum Lehrer der Bildhauer 
kunst an dem Städel'schen Knnstiustitut zu Frank 
furt a. M. im Jahre 1800 seinen Wohnsitz hatte. 
Tort wirkte er bis zu seiner vor 1892 erfolgten 
Versetzung in den Ruhestand nnd darüber hinaus, 
bis er vor Kurzem nach Kassel zurückkehrte. 
In Kanpert ist ein wirtlich großer Künstler 
heimgegangen, dessen Herzens- und Eharakter- 
eigenschafteu mit seinem künstlerischen Talent auf 
gleicher Stufe standen. Seine zahlreichen Arbeiten 
! waren zumeist mythologischen nnd allegorischen 
Inhalts,-darunter eine im Kasseler Museum befind 
liche Penelope. Ans dem Kasseler Friedhöfe jtub 
weiter neben anderen Werken zwei trauernde Engel 
ans der kurfürstlicheil Begräbnißstätte zn nennen. 
Rieht zn vergessen ist aber vor allem der schlafende 
Löwe ans dem Denkmal in der Alle. Kanpert 
war ein Vertreter des reinen Klassizismus, dem 
man jetzt nicht mehr zn huldigen beliebt. 
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ÄclTtsdic 'gäüdjcvfdjctu. 
Zeitf ch rift des V e r e i n s f ü r h e s s i s ch e G e - 
schichte nnd Landeskunde. 'Reue Folge, 
Bd. 2 2 «der ganzen Folge XXXll. Bd.>. Kassel 
(A. Freyschmidt in Comm.) 1897. XVI, 444 
Seiten 8". 
Ter soeben ausgegebene stattliche Band der 
Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und 
Landeskunde enthält zwar nur eine einzige Arbeit, 
nämlich: „Geschichte der Stadt Lichtenan in Hessen 
nnd ihrer Umgebung nebst Nachrichten über die 
einzelnen Amtsorte nnd einem Urkundenbnche" 
(hierzu 4 Karten, 1 Plan der Stadt, 2 Siegel- 
nnd Wappentafeln, 4 Abbildungen), indeß bietet 
diese eine Arbeit in ihren 21 Abtheilungen einen 
so gediegenen nnd manilichfaltigen Inhalt, daß 
der Leser vollauf seine Rechnung findet. Anzu 
erkennen ist das Ganze um so mehr, als der Ver 
fasser Gustav Siegel, ein Lichtenaner Kind, Post 
verwalter seiner Valerstadt ist nnd somit nicht zn 
der kleinen Zahl zünftiger Gelehrten zahlt, sondern 
die nicht zn zahlreichen Freistunden seiner Er- 
holnngszeit hat opfern müssen, nur in jahrelanger 
rastloser Arbeit ein Werk zu Stande zu bringen, 
das den Vergleich mit Arbeiten von Fachgelehrteil 
im engeren Sinne nicht zu scheuen braucht. Wir 
wollen nicht verhehlen, daß die „Geschichte der Stadt 
Lichtenan" als Muster einer Geschichte einer hessi 
schen Kleinstadt gelteil kann. 
Gleichzeitig erschienen die „'Mittheilungen 
an die Mitglieder des Vereiils für hessische Ge 
schichte lind Landeskllilde, Jahrgang 189«;", Kassel 
(Truck von L. Döll) 1897, '74,' 14X11 S. 8°, 
wie immer neben einem Berichte über die Thätig 
keit des Gesaiilliltvereiils solche über die Thätigkeit 
der Zweigvereine zll Kassel, Marburg, Schmalkalden 
und Hanau, sowie Vermischtes lind einige Bücher- 
besprechungcn, vor allein aber auch das Verzeichniß 
neuer hessischer Literatur für 1890 von Eduard 
L o h in eher enthaltend, dessen Verdienstlichkeit 
schon häufig rühmend hervorgehoben ist. 
Das Leitgedicht der vorliegenden Rninmer ist 
dem unter dem Titel „In Freild' und Leid" soeben 
erschienenen zweiten Theil der „Gesamnielten Ge 
dichte" von Ludwig Mohr entnommen worden, 
der dem zn Weihnachten des vorigen Jahres in 
zweiter vermehrter Auflage herausgegebenen l. Theil 
„Eddergold" somit schnell gefolgt ist. Eingehen 
dere Besprechung ans bestens bekannter Feder wird 
nicht lange ans sich warten lassen.
	        

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