Full text: Hessenland (11.1897)

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der -Stadt Hanau selbst — hatte die zum Liede 
puffenden Gegenstände (Strophe 3: rin Püppchen 
gar wie Rosen zart, den Krieger da im rauhen 
Bart, den Hasen und, Strophe 5: den Engel) 
als Christbaum-Schmuck hergestellt. Meine selige 
Mutter wußte diese Sachen' so sorgfältig auf- 
zuWen, daß ich sie -von frühester Kindheit bis 
in's reifere Alter alljährlich an unserm Christ 
baum wieder'schauen durfte. Der Engel war 
selbstverständlich in der hellerleuchteten Krone des 
Christbaumes angebracht. 
Es wat damals überhaupt eine gesegnete Zeit 
für die Entstehung von Kinderliedern, was in 
dem ausgeprägten Familiensinn jener Tage mit 
begründet sein mag. Wilhelm Hey und 
Erii st Mari tz Arndt, auch unsere Dichter 
der romantischen Schule gaben dem deutschen 
Volke so liebe und herzige Kinderlieder, wie es 
sie seit dem Reformations-Jahrhundert wohl 
kaum mehr empfangen hatte. Gerade in jener 
Zeit entstanden auch mehrfach liebliche Weisen zu 
solchen Kinder- und Volksliedern; im Jahr 1842 
z. B. stnden sich zuerst die schöne Melodie von 
Fr. Silcher zu dem Liede: „Wie konnt' ich ruhig 
schlafen" (So nimm denn meine Hände) und die 
schlesische Volksmelodie zu dem alten Kreuzfahrer- 
lied: „Schönster Herr Jesu". 
In der Christseier des Hauses wird unser 
Lied am besten in allen seinen zwölf Strophen 
gesungen, und auch für die Schulfeier ist es 
keineswegs zu lang. Aber zur Verwendung in 
den Kindergottesdiensten der kirchlichen Sonntags 
schule mußte es wesentlich gekürzt werden. Sicher 
lich aus diesem Grunde ist es in den meisten 
Kinderliedsainmlungen nur mit den vier Strophen 
1, 6, 7 und 8 ausgenommen. Solche Ver 
kürzung ist nicht immer Verstümmelung. Manche 
Lieder haben erst dadurch liturgischen, gottes 
dienstlichen Werth bekommen, daß sie ganz 
bedeutend gekürzt worden sind, ja daß gleichsam 
nur ein Auszug aus denselben geblieben ist. 
Das gilt insbesondere auch für Kinder 
gesangbücher. Freilich fehlt es da auch nicht 
an unberechtigten Kürzungen. Luther's Kinder 
lieb auf die Weihnacht Christi (1585): „Vom 
Himmel hoch da komm ich her", muß, wenn 
es nicht verstümmelt werden soll, unverkürzt 
in allen Gesangbüchern, und erst recht in 
den Kindergesangbüchern stehen. Aber mit Jo 
hannes Carl's Liede ist es etwas anderes. Die 
Strophen 2—4 gehören ausschließlich der häus 
lichen Feier, und die 5. Strophe kann sich dann 
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an die 1. auch nicht anschließen. So war es 
ein glücklicher Griff, zur ersten die 6., 7. und 8. 
hinzuzufügen. 
Gleichwohl ist aber der Aufbau des Liedes in 
seiner, zwölsstrophigeu Fassung ein besonders 
schöner. Strophe 1—5 schildern in trefflicher 
Anschaulichkeit den Baum und seine Zier, den 
Garten unter'm Baum und was ihn belebt. 
Dann aber wird, nachdem das Auge geschaut 
hat, das Ohr wachgerufen: „Mir ist's, als hör' 
ich singen". Die Kinder sollen den im strahlen 
den Baum verborgenen Engel nicht sowohl sehen, 
als ihm lauschen. Und nun singt der Engel, 
wie er auf Gottes Geheiß das Bäumlein be 
reitet, daß in dieser Wundernacht Christus 
geboren sei, daß daher Licht und Seligkeit 
stamme, daß Jesus uns alles schenke, daß er in 
unsern Herzen wohnen und darin den schönsten 
Wunderbaum pflanzen und seiner treulich warten 
wolle. Der Schluß in Strophe 10—12 macht 
dann die schöne Anwendung dessen, was der 
Engel gesungen, dessen Botschaft sortsührend und 
abschließend. 
Wo es Sitte ist, in Haus und Schule unter'm 
Christbaum etwas zu deklamiren, mag es kaum 
ein schöneres Gedicht hierfür geben, als das 
Carl'sche in seinen zwölf Strophen. Hoffentlich 
erfreuen sich am bevorstehenden Christfest nicht 
wenige Junge und Alte daran. 
Weihnachten ist, wie kein anderes Fest der 
Kirche, das Fest des deutschen Hauses ge 
worden, obwohl oder vielleicht gerade deshalb, 
weil es der Zeit seiner Entstehung nach das 
letzte und jüngste unter allen ist. Weihnachten 
ist Familienfest im tiefsten Sinne. In der 
Fremde überkommt uns, wenn nie sonst, am 
Weihnachtsabend ein unnennbares Heimweh. 
Eine alte Sage erzählt, daß in der heiligen 
Nacht versunkene Glocken im Meer zu läuten be 
ginnen. Mag vieles im Meeresgrund eines 
Menschenherzens versunken und vergessen liegen — 
in der Weihenacht steigt ein tiefer Glockenton 
herauf und mit ihm die Erinnerung an das 
Beste, was du im Leben gehabt: an deinen 
Glauben, an deine Liebe im Elternhaus. 
So möge denn auch diese anspruchslose Be 
sprechung unseres heimathlichen Liedes vom 
Christbaum ihren Abschluß finden mit dem 
Dichterwort: 
Wie kein deutsches Auge laßt 
Vom Tauneubaum mit seinen Kerzen, 
So bleibt der Deutschen Weihnachtsfest 
Das heiligste dem deutschen Herzen.
	        

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