Full text: Hessenland (11.1897)

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Des Großvaters Parke wandte er -seine 'Neigung 
zu, ließ mehrere Aenderungen darin vornehinen, 
wie das neue Besitzer pflege in und wählte die 
Orangerie im Sommer zu seinem Aufenthalte. 
Obwohl Friedrich mit seinem Heere den Franzosen 
als Feind gegenüberstand, war uer Hoch dem fran 
zösischen Wesen sehr geneigt, eine große Anzahl 
des liebenswürdigen Volkes nützte 'die. Strahlen 
der fürstlichen Sonne, und es ging an dem Hofe 
französisch her. Ans dem Theaterberge in der Aue 
wurden französische Stücke gespielt, zwischen den 
wie Mauern geschnittenen Taxushecken, in den 
Jrrgängen, hinter den mancherlei' eigenthümlichen 
Einrichtungen wie Kaskaden, Schneckenberg, chine 
sische Tempel u. a. bewegten sich die dazu passenden 
zopsigen, gepuderten Gestalten im Rococokostüme 
und flatterten die leichten Floskeln der Unter 
haltung in dem bevorzugten Französischeil. Die 
Gemahlin des Landgrafen lebte mit ihren Söhnen 
in Hanau, getrennt von dem zum Katholizismus 
übergetretenen Fürsten; dadurch fehlte seinem Hofe 
und dem Hosleben etwas sehr Wesentliches, was 
die Vergnügungen und Feste aller Art nicht zu 
ersetzen vermochten. Als die Landgräsin im Jahre 
1772 abgeschieden war, vermählte Friedrich sich 
1773 mit der schöneil Philippine von Branden 
burg-Schwedt, und das Leben am Hofe wurde da 
durch wieder in die richtige Bahn geleitet. Der 
Landgraf brachte einige Sommermonate wie sein 
Vater in der Orangerie zu, reges Leben und 
rauschende Feste spielten sich damals in der Cnrls- 
nue ab. *) 
Unerwartet verschied Friedrich am 31. Ok 
tober 1785 zli Weißenstein, der älteste feiner 
Söhne folgte ihm als W i l h e l m IX. Dieser 
haßte alles Französische, so auch die französische 
Gartenkunst. Daher sollte die Aue in einen 
Park nach englischem Stile umgewandelt werden. 
Dieses war, wie leicht einzusehen, nicht in kurzer 
Zeit zu bewerkstelligen und ist in der ganzen Zeit 
der Regierung Wilhelm's nicht zil Ende gebracht 
worden, zumal diese eine siebenjährige Unter 
brechung erlitten hat. Dem Orangerieschlosse hatte 
Friedrich II. den Küchenpavillon 1765 zugefügt, 
sodaß es von da an den symmetrischen Bau bildete, 
den wir kennen. 
Wilhelm IX. war ällßerst sparsam, dennoch 
hatte er eine Leidenschaft, die ihn zil den größten 
Ailsgaben verleitete, die Baulust, durch die er in 
*) Besondere Bedeutung erhielten die Cour mit Konzert 
in der Orangerie am 22. August 1773, welche stattfanden, 
nachdem der bekannte Freiherr von Knigge, Hofjiiuker 
und Kammerassessor, mit einem Fräulein von Baumbach 
dortselbst getraut worden war. 
echt fürstlicher Weise Künstlern und Handwerkern 
Verdienst zuwendete. In der Alle fand er keine 
Gelegenheit mehr zum Bauen, dagegen reizte ihn 
das alte Schloßt Weißenstein zu einem größeren 
Neubau und außer diesem unternahm er die 
Fortsetzung der Anlagen seines Ahnherrn Carl 
am Habichtswalde, welche dieser unvollendet hinter 
lassen hatte. Wilhelm wandte dieserl großartigen 
Unternehmungen fast alle seine Liebe und Sorge 
zu, die Aiie hatte ihre schönsten Tage überlebt 
und mag auch in den Jahren des Ueberganges 
aus ihrer Zopfzeit in naturgemäße Entwickelung 
nicht immer znm Besuche angelockt haben. Viele 
Jahre flössen dahin, die Fremdherrschaft von 
1806 bis 1813 war der Pflege unseres Parkes 
nicht förderlich gewesen, der zurückgekehrte alte 
Kurfürst hatte nur noch Vorliebe für seine Wil- 
helinshöhe und die Löwenburg, und als er am 
27. Februar 1821 die Augen schloß, lag die Aue 
in vielen Partien verwildert. 
Kurfürst Wilhelm II. betraute iin Jahre 
1822 einen tüchtigen Gärtner mit der Sorge 
für die Earlsaue, Wilhelm Hentze. Er 
hätte einen besseren nicht sinden können; ernst 
wissenschaftlich gebildet, praktisch eifrig thätig und 
die Natur liebend, ging Hentze an die ihm an 
vertraute umfassende Aufgabe. Er führte die 
Umwandlung der Aue in den modernen Park, 
wie er uns heute erfreut, durch, wozu noch gar 
vieles geschehen mußte. Ans den zahlreichen und 
bedeutenden Arbeiten, die Hentze ausführen ließ, 
sind hervorzuheben folgende: der Oraugeriegarten, 
der ehemalige Lustgarten Wilhelm's IV. und der 
vor dem Orangerieschlosse liegende vierseitige Theil 
des jetzigen Bowlinggreens, wurde in heutige Ge 
stalt umgewandelt. Links der Hanptallee war 
das kreisrunde Bassin schon früher zilgeschüttet 
worden, nun legte Hentze hier einen Hain mit 
amerikanischen Eichen an, in beu 1830er Jahren. 
Die Pflanznngen bei der Fasanerie unb nnf dem 
Theaterberge aiißer den ganz alten Bäumen 
und alten Waldrevieren wurden erneuert. Die 
Schwaneninsel im großen Bassin, welche ver 
wildert war, wurde Anfangs der 1830er Jahre 
in eine neue Anlage umgeschaffen, in der nur 
eine alte Birke stehen blieb. 
Das Schönste aber, womit Hentze sich zugleich 
ein Denkmal eigener Art gesetzt hat, ist die Insel 
Siebenberg. Verwahrlost und verwildert lag 
sie mit ihrem 50 Fuß hohen Hügel mit qnadra- 
tischer Grundfläche da, als er, auch Anfaiigtz der 
1830er Jahre, den Plan faßte, etwas Besonderes 
hier zu schaffen. Das ist ihm geliingen, so sehr 
gelungen, daß Siebenberg heute als das Schmuck 
kästchen der Aue gilt. Ein Kenner ersten Ranges,
	        

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