Full text: Hessenland (11.1897)

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zum Theil unbeachtet liegen geblieben, oder wohl 
gar als Makulatur ganz beseitigt. Noch vorhanden 
ist in Hanau eine H a n a n e r K i r ch enge sch i ch t e, 
1735 geschrieben, ferner H i st o r i s ch e N a ch r i ch t 
von der Burg zu Friedberg, doch hat noch 
niemand das Werk gelesen, weil die Handschrift 
so eng und schwer lesbar ist. Verloren gegangen 
ist seine Topograijhia Hanoica, allem Anschein 
nach ein sehr umfangreiches Werk, in welchem die 
historische Entwickelung der einzelnen Ortschaften 
behandelt war. Dagegen ist das wichtigste Werk, 
das Bernhard geschaffen hat, glücklicher Weise vor 
dem Untergang bewahrt geblieben, eine umfangreiche 
Historie der Herrn und Grafen zu Hanau. 
Im Jahre 1874, als das bis dahin in Hanau 
befindliche gräfliche Archiv nach Marburg verlegt 
wurde, hatte noch niemand in Hanau von dem 
Vorhandensein eines solchen Buches auch nur eine 
Ahnung. Auch bei dem Verpacken der Archivalien 
wurde der Foliant noch nicht weiter beachtet. Erst 
Archivrath Dr. R eime r in Marburg ist vermnth- 
lich der erste gewesen, der sich ernstlich damit be 
schäftigte, als er an die Herausgabe des großen 
Hanauer Urkundenbnches ging, von dem jetzt der 
vierte und leider der letzte Band. der mit dem 
Jahre 1400 abschließt, vollendet ist. So schnell ist 
Bernhard vergessen worden, daß es völlig unbekannt 
ist, ob sein Geschlecht ausgestorben ist oder nicht. 
„P azum." In dem alten kurmainzischen Städtchen 
Neu stad t, an der Main-Weser-Bahn gelegen, bestand 
noch in den dreißiger Jahren dieses Jahrhnnderts 
ein aus alter Zeit stammender Gebrauch bei Wid 
mung von Neujahrs-Geschenken der lieben Schul 
jugend an die Herren Magister. (Diese Geschenke 
waren sogar kompetenzmäßig dem spärlichen Gehalte 
zugezählt!) Am Sylvestertage erschienen die Schüler 
truppweise in der Wohnung des Lehrers mit 
vollen Händen und frendestrahlenden Angen. Eine 
Quantität Erbsen, Linsen, Bohnen, Aepfel, Birnen, 
Flachs rc., was eben die Landwirthschast erzeugt 
und eine Haushaltung braucht, wohl auch, aber 
selten, Speck, eine Wurst, eine Pulle Kartofsel- 
oder Fruchtschnaps, kleinere Geldstücke (zu harten 
Thalern verstieg man sich nicht) waren die Nen- 
jahrsgabe. Zugleich mit derselben überreichte der 
kleine Geber dem Lehrer ein weißes Blatt Papier, 
oft in Herzform oder am Rande mit Figürchen: 
Hirschen, Rehen, Hasen, Geflügel k. ausgeschnitten. 
Dieses Papier trug den originellen Namen: 
„Pazum". Je nach dem Werth der Gabe wurde 
diese Pazum als Quittung und Revers vom Lehrer 
und Schüler betrachtet. Auf derselben stand, vom 
Lehrer ausgefertigt, der Name des betreffenden 
Schülers mit dem Vermerk: Gültig für das 
Jahr. . . . zu 4, 5, o 20 maligem Gebrauch 
— das Plus richtete sich nach dem Werth des Ge 
schenkes —, unten links das Datum, rechts der 
Name des Lehrers. Diese Pazum wurde in einem 
Schnlbnche vom Schüler wie ein Heiligthnm auf 
bewahrt. Der salomonische Spruch: „Es steckt ein 
böser Geist im Herzen des Kindes, aber die Zucht- 
ruthe treibt ihn heraus" hatte auch hier noch 
Geltung, und für gröbere Ungehörigkeiten setzte es 
Hiebe ab. Konnte nun eintretendeil Falles der 
Schüler vor der Prozedur dem gestrengen Herrn 
Lehrer schnell seine Pazum Präsentiren. so ertrug 
diese für ihn die körperliche Züchtigung; für eben- 
soviele Hiebe erhielt sie gleich viele Risse: sie 
hatte aber ausgedient, wenn der Gültigkeits-Ver 
merk: „für so und so vielmal" erreicht war. 
Mit den vierziger Jahren ging die Pazum, die 
bei unseren Großeltern schon die Rolle eines wohl 
thuenden Blitzableiters gespielt hatte, zu Grabe. 
Tie jetzige Generation kennt nicht einmal ihren 
Namen mehr, der vielleicht von pnx abzuleiten 
sein möchte. p 
„Stil) vergleichen." Um die Mitte nuferes 
Jahrhnnderts stand im Amtsorte G. bei F. 
der Amtmann W. wegen seiner Strenge in ganz 
besonderem Respekte: aber auch Furcht flößte seine 
Justiz ein, so daß die Bauern nach seinem Tode 
bis in die Neuzeit sagten, er gehe Nachts im 
Amthause „wannernQ — Geht da einmal zur Som 
merzeit ein Tourist durch diesen Ort; ans einem 
größeren Gebäude vernimmt er ein doppeltes 
Mordjo- und Zetergeschrei. Er fragt einen Vor 
beigehenden, ob das wohl das Schnlhans sei. 
„Nein," erwiderte das Bäuerlein, „das ist unser 
Amthans, der Herr Amtmann wird wieder Zwei 
vergleichen, die jedenfalls alle beide Unrecht haben. 
Tie kriegen jetzt so lange ihre Hiebe, bis sie sich 
die Hände geben und sich vergleichen." >.>, 
Airs KeirncrtH xxnö grremöe. 
Das St. Elisabeth-Ho spital in Kassel. 
Die „hessische Zeitrechnung", eine Art von Ehronik, 
nennt als Jahr der Stiftung des St. Elisabeth- 
Hospitals in Kassel das Jahr 1207. Wenn 
nun auch diese Geschichtsqnette für Ereignisse der 
älteren Zeit nicht einwandsfrei ist, was die Sicher 
heit in der Datirnng angeht, so liegt doch in Er 
mangelung anderer Nachrichten kein Grund vor.
	        

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