Full text: Hessenland (11.1897)

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Bestrafung sofort einsperren und dann laufen 
lassen müssen; allein man verschwieg mir sowohl 
das Erstere, wie auch das Letztere, hielt mich, 
der ich von beiden nicht eine Ahnung hatte, noch 
vier Wochen, wo man mich hatte, und Hütte mich 
noch länger behalten, wenn ich nicht durch einen 
Landsmann, der aus dem Divisionsbüreau 
Schreiberdienste versah, Kenntniß erhalten hätte. 
Sofort ging ich zum Wachtmeister und forderte 
energisch alsbaldige Abführung in's Gefängniß 
und — Entlassung. Da man es ans eine 
weitere Meldung meinerseits nicht ankommen 
lassen wollte, zog man vor, mir zu willfahren, 
und noch an demselben Tage, Abends sechs Uhr, 
ward ich abgeführt. Onkel Jde, seligen An 
gedenkens, nahm es verflixt genau, untersuchte 
mich vom Scheitel bis zu den Zehen nach 
Kontrebande jeder Art und sperrte mich dann 
ein. 
Der Tag der Erlösung wurde bei einem 
Fäßchen Bier im Freundeskreise beschlossen. Wir 
tranken und waren heiter und als wir am 
Heitersten waren, da trat mein Schwager mit 
dem Stock vor mich hin und sagte: „Nimm ihn 
hin, diesen Braven; er sei dir ein Trost in 
allen Lagen des Lebens. Wenn du ihu erhebst, 
komme Grauen über deine Widersacher, daß sie 
<£>• 
Aus asfer u 
Ein vergessener Geschichtsforscher. Jo 
hann Adam Bernhard, geboren zu Hanau 
am 28. März 1688, 1718 Rektor an der luthe 
rischen Schule seiner Vaterstadt, 1786 fürstlicher 
Archivar daselbst, seit 1748 mit dem Titel Rath, 
gestorben am 12. Juni 1771 an Altersschwäche, 
war der erste, der der Erforschung der hanauischen 
Geschichte seine ganze Kraft zuwendete, und sie mit 
wissenschaftlicher Genauigkeit und strenger Kritik 
behandelte. Anfangs znm Geistlichen bestimmt 
und während seiner Studienzeit in Gießen, 
Jena und Leipzig als Theologe eingeschrieben, 
konnte er sich doch nicht entschließen, eine Pfarr 
stelle zu übernehmen. Jahrelang (1712 — 1718), 
bis er das Rektorat übernahm, lebte er ganz seinen 
geschichtlichen Studien, die er auch nachher rastlos 
fortsetzte. 
Bereits 1718 gab er ein sehr umfangreiches 
Werk heraus, von dem sich ein Exemplar ans der 
Stadtbiblivthek zu Hanau befindet: Kurz gefaßte 
curieuse Historie derer Gelehrten n\ Als Archivar 
war er an der richtigen Stelle, um seine Lebens 
aufgabe zu ersiillen. Als solcher ließ er freilich 
nur ein größeres Werk drucken: „Alterthümer der 
abschwirren nach allen Richtungen der Windrose, 
wie die Spreu vor dem Winde!" 
Seit dieser Stunde hat mich der Brave be 
gleitet auf allen meinen Ausflügen; er ist mir 
treu geblieben, wie ich ihm, und es hat sich 
erfüllt, was mir bei seiner Uebergabe gewünscht 
worden ist, wie heute sattsam die Flucht des 
Abgeschwirrten bewiesen hat. — Ich könnte damit 
meine Geschichte schließen, hielte ich es nicht für 
Pflicht, noch Eines zu erwähnen. Auch der Kur 
fürst hatte von deni Falle gehört und strengste 
Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen be 
fohlen. Aber nach der Demobilisirung der hes 
sischen Armee reiste er von Kassel in das Seebad 
Ostende. Dadurch gerieth die Angelegenheit einzig 
und allein in Bergessenheit, sonst dürften meine 
Beleidiger nicht so gelind davon gekommen sein; 
denn strenge und unnachsichtlich ahndet der viel 
verleumdete Fürst jede Vergewaltigung seiner Sol 
daten durch Vorgesetzte, und die Fälle sind des öfteren 
vorgekommen, wo sein unerbittlicher Spruch der 
gleichen Uebelthäter sofort aus derArmee ausstieß. — 
Ich hatte wie immer, auch beim Militäre, 
mein Pech! — So weit die Geschichte, die ich 
Euch erzählte, wie sie sich zugetragen hat. Und 
nun laßt uns austoßen! Zunge und Lippen 
sind mir trocken vom Reden: Prosit, Alle!" 
--<4- 
;6 neuer Ieit. 
Wetterau 1731", dazu als Unterabtheilung 1734 
eine historische Beschreibung der Benediktinerpropstei 
Naumburg und 1748 eine Berichtigung über die 
wahre Beschaffenheit der ehemaligen Comiciae (Graf 
schaften) in der Wetterau. Außerdem gab er noch 
heraus': „Weitere Feststellung der Hanauischen 
Genealogie", diese unter dem Pseudonym Jakob 
Im Haus. Nach Angabe des I)r. Suchier zu 
Hanau, dessen Vortrage im dortigen Geschichts 
verein vom 25. Oktober d. I. diese Zeilen ent 
nommen sind, zeichnet sie sich aus durch Scharf 
blick, gründliches Wissen, einfache Klarheit und 
treffende Kürze. U. a. publizirte er 1751 zwei 
Artikel in der „Kasseler Gelehrten-Zeitung", darunter 
„Untersuchung der Frage, wie der sächsische Kayser 
Henrich II. ein Stifter des Klosters Kansangen 
in Hessen sein könne". Das Letzte, was von ihm 
gedruckt vorliegt, ist die Fortsetzung von Winkel 
mann/s Beschreibung der Fürstenthümer Hessen 
und Hersseld S. 377—490 im 6. Theil, der 1754 
in Kassel erschien. Weshalb er weiter nichts mehr 
herausgab, obwohl er noch 17 Jahre lebte, ist un 
bekannt. Geschrieben hat er noch desto mehr, nur 
ist es nicht mehr an die Oeffentlichkeit gekommen.
	        

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