Full text: Hessenland (11.1897)

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schöne Terrasse noch wenig besucht. Hier und da 
saßen im Schatten der dicklaubigeil Kastanien ver 
einzelt Gäste, und nur an einem Tische, von wo 
man eine prachtvolle Aussicht über die Aue und 
in das Fuldathal genoß, war eine heitere Gesell 
schaft vereinigt. Auf diese schritt mein Schwager 
zu, grüßte und ließ sich aus einem der Garten 
stühle nieder. Die Herren, die er hier traf, ge 
hörten bis auf zwei, von denen der eine, dem 
Aeußern nach, ein Bürger aus einem der um 
liegenden Landstädtchen zu sein schien, der Tafel 
runde an, mit der er dieses Stelldichein verab 
redet hatte. 
Kaum hatte er Platz genommen, so wurde auch 
die Unterhaltung auf das Spazierstöckchen ge 
bracht, das der neue Ankömmling mechanisch 
zwischen den Knieen drehte, und das wegen seiner 
Niedlichkeit bereits viel von sich reden gemacht 
hatte. 
Mein Schwager vermied es taktvoll, wo er 
konnte, über meine Angelegenheit zu sprechen. 
Das wußte man wohl, aber trotzdem man es 
wußte, und trotzdem er auszuweichen suchte, ward 
sie gerade heute mit Vorliebe und Beharrlichkeit 
zum Gegenstand der Unterhaltung gemacht und 
so lange gewitzelt und an ihm herumgeprickelt, 
bis er außer sich gerieth und seinen Worten die 
Zügel schießen ließ. 
Das hatten die losen Vögel gewollt und wäre 
er weniger arglos gewesen, so hätte seinen Augen 
nicht entgehen können, wie sie sich mit den Ellen 
bogen fort und fort gegenseitig untereinander 
anstießen und sich endlich schelmisch zulächelten, 
als sie sahen, daß ihre Neckereien verfingen. 
Wie schon gesagt, mein Schwager ward Feuer 
und Flamme, und da er als echter Kasseler 
Junge beim Bierglase gerne eine „große Schnutte" 
riskirte, so ging es bald an ein Schwadroniren, 
daß man hätte glauben mögen, er hätte den 
Hehle mit seiner ganzen Sippe zu Pastetensteisch 
verhauen, wenn — er sie gehabt hätte. 
Während mein Schwager sich also ereiferte, 
gewahrten seine Freunde, wie der eine der beiden, 
die nicht zu ihrer Tafelrunde gehörten, den 
andern zum Austrinken animirte und zum Fort 
gehen drängte. Soeben hatte mein Schwager 
mit dem Stocke auf den Tisch geschlagen, daß 
die Gläser erklirrten, als einer der beiden und 
zwar der, der den andern zum Austrinken und 
Gehen animirt hatte, von seinem Sitz aufstand, 
sein noch halbgefülltes Glas stehen ließ und auf 
und davon ging und das so rasch, daß sein 
Gefährte kaum Zeit fand, ihm zu folgen. 
Ein unbändiges Gelächter der Tafelrunde er 
schallte hinter den beiden her, bis einer bemerkte: 
„Ausgezeichnet! Das nenne ich abgeschwirrt 
worden sein." 
Mein Schwager schaute verblüfft hinter dem 
Abgeschwirrtwordenen drein und sagte lachend: 
„Ihr Hallunken!" indem er sein Glas erhob und 
leerte, um seine Ueberraschung zu verbergen. — 
Es war der Quartiermeister Hehle gewesen, der 
sich in bürgerliche Kleidung geworfen hatte, um 
eiumal eiuen schönen Sommernachmittag auf der 
Terrasse zu verleben, der ihm jedoch durch den 
Anblick von diesem meinem Spazierholz gründlich 
verleidet ward. 
Seit dieser Stunde hatte er einen unglaublichen 
Respekt vor dem Stocke und dessen Träger. Wo 
er die beiden in der Ferne erblickte, war darauf 
zu schwören, daß er ausbog. Wie nachhaltig 
aber dieser Respekt noch heute sich zeigt, das 
habt Ihr vor einer Weile gesehen, als ich ihm 
den Stock vor der Nase balanciren ließ. Er 
hat ihn sofort wiedererkannt; denn ich sah, wie 
er bei seinem Anblick erbleichte, und daß er ver 
duftete, darin offenbart sich die Macht dieses 
niedlichen Zauberstäbchens. — 
V. 
Feigheit ist fast innner mit Hinterlist gepaart. 
Feiglinge, die die Macht haben zu schaden, 
können es nicht unterlassen, hinterrücks Unheil 
zu stiften; das sollte ich noch zuguterletzt er 
fahren. Das Standrecht hatte gesprochen! Trotz 
aller Ausflüchte und trotz aller Beschuldigungen 
meiner Person, die meine Gegner vorbrachten, 
fiel der Urtheilsspruch doch so, wie er von Gottes 
und Rechtswegen nicht anders fallen konnte. 
Sämmtliche Reservisten, die in ihrer Heimath im 
Hanauischen, Fuldaischen, Schaumburgischen, 
Schmalkaldischen und im Oberhessischen gerichtlich 
vernommen waren, hatten so ausgesagt, wie ich 
es mir nur wünschen konnte. Diese Hin- und 
Herschreibereien nach allen Ecken und Kanten 
des Hessenlandes aber brauchten Zeit und so floß 
ein Vierteljahr hin, bis endlich der Spruch stand 
rechtlich gefällt werden konnte. Er lautete für 
den Abgeschwirrten auf vierzehn Tage strengen 
Arrest, abwechselnd bei Wasser und Brot, auf 
vier Tage desgleichen für den Urheber der ganzen 
Geschichte, den Korporal Berner; mich aber be 
dachte ein Corpsbesehl mit zwei Tage Gelind 
wegen nicht militärischen Benehmens. Das hatte 
ich davon, daß ich einen Menschen, der nicht das 
bunte Tuch auf dem Leibe trug, meinen Schwager, 
in Militärangelegenheiten eingeweiht hatte. 
Nach dem Wortlaute der Allerhöchsten Ordre, 
die Demobilisirung betreffend, hätte man mich 
nach der Verurtheilung meiner Gegner und meiner
	        

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