Full text: Hessenland (11.1897)

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wir, daß Seine Majestät der König angeordnet 
habe, wir sollten bis zur Ablösung durch preußische 
Truppen in Mainz bleiben. 
lieber meine persönlichen Erlebnisse während 
dieser Zeit ist nur wenig zu berichten. 
In meiner dienstlichen Beschäftigung trat zu 
nächst noch keine Aenderung ein, denn es war ja 
noch kein Friede, sondern nur Waffenstillstand, 
und eine Wiedereröffnung der Feindseligkeiten 
nulßte, wenn sie auch höchst unwahrscheinlich war, 
doch immerhin als möglich ine Auge behalten 
werden. 
Ter Waffenstillstand sollte bis znm 22. August 
dauern, aber stillschweigend als verlängert gelten, 
wenn er Glicht zu einer bestimmten Frist gekündigt 
wurde. Er fand jedoch durch den am 22. August 
mit Baiern abgeschlossenen Frieden sein Ende. 
An demselben Tage wurde ich von der Dienst 
leistung bei der Festungsartillerie in Kastell ent 
bunden und zu meiner Batterie znrückkommandirt, 
woraus ich mein Zimmer im „Englischen Hos" 
in Mainz wieder bezog. 
Ter Wasfeustillstand hatte uns auch insofern 
eitle große Erleichterung gebracht, als der Verkehr 
auf beiden Nheinnfern freigegeben wurde. Auch 
die Postverbindnng mit Kassel war wieder offen, 
und wir. erhielten die so lailge entbehrten Briefe 
von zu Hause. Aber nicht allein Briefe, sondern 
alleh Besuche kamen von Kassel. 
So entsinne ich lllieh namentlich, daß die Braut 
nild Sehwiegerlnntter eines meiner besten Freunde 
za einem mehrtägigen Aufenthalt von Kassel nach 
Mainz kamen. Wir machten verschiedene Aus 
flüge in die schone Umgebung, von denen mir 
namentlich ein am 19. August unternommener 
im Gedächtniß geblieben ist. 
Wir fuhren znm Münsterthvre hinaus nach 
einer bei Finthen gelegenen Höhe, von wo man 
eine prachtvolle Aussicht hatte. 
Am 20. Anglist ivar der Geburtstag unsres 
Kllrfürften, der natürlich sonst immer festlich be 
gangen worden war. Eine geräuschvolle Feier 
wäre unter den obwaltenden Verhältnissen ent- 
schieden nicht am Platze gewesen. Das hinderte 
aber nicht, daß sich ein kleiner Kreis zu einer 
vertraulichen Feier versammelte und ans das 
Wohl unsres unglücklichen Landesherrn ein stilles 
Glas leerte. 
Ein andrer mir besonders nahestehender Freund 
lind Kamerad lief während des Waffenstillstandes 
in den Hafen einer glücklichen Ehe ein. 
Schon seit längerer Zeit verlobt, .war er kurz 
vor Allsbruch des Krieges nur den Heiratskonsens 
eingekommen und hatte ihn auch erhalten, allein 
unser Ansmarsch hatte einen Aufschub der Hoch 
zeit auf unbestimmte Zeit nothwendig gemacht. 
Als die Aussicht, daß sich der Waffenstillstand 
in einen Frieden verwandeln werde, immer deut 
licher hervortrat, bat er um einen kurzen Urlaub, 
that aber allen senilen Freunden und Bekannten 
gegenüber sehr geheimnißvvll. Aach einigen Tagen 
kehrte er zurück und brachte eine junge Frau 
mit. Er war mit ihr in Speyer .zusammen 
getroffen, und sie hatten sich dort trauen lassen. 
Auch meine erste, freilich sehr kleine „Nhein 
reise" machte ich während des Waffenstillstandes 
in Begleitung einiger Kameraden. Wir fuhren 
mit dem Dampfboot nach Bingen, nahmen 
uns dort ein Nnderbovt, das uns durch'S Binger 
Loch nach Aß mannshausen brachte, wo wir 
im Gasthof „Znm Anker" das Mittagsessen ein 
nahmen. Dann gingen wir zu Fuße über den 
Niederwald nach NüdeSheim, wo wir wieder 
das Danipfbvvt bestiegen, das uns nach Mainz 
zurückführte. 
Am 24. August wurde bekannt, daß am 
folgenden Sonntag, den 26. August, Mainz von 
den Preußen besetzt werden würde, und daß der 
General Prinz Waldemar von Schleswig- 
Holstein znm Gouverneur ernannt worden sei. 
Bald daraus erschien auch für uns der Befehl, 
daß wir am 27. den Rückmarsch in unsere Heimath, 
die alten hessischen Garnisonen, antreten sollten. 
Wir schließen hininil vorläufig die Veröffentlichung 
der so gern gelesenen „Erinnerungen ans den letzten Tagen 
eines deutschen Furstentlinms", behalten uns aber vor, 
ein noch übrig gebliebenes Napitel int 9anfe des nächsten 
i Jahres als selbstständigen Aufsatz zu bringen. D. Red. 
Wein Stock. 
Ein Stück hessischen Kaserneillebens, von Ludwig Mohr. 
Tchlnß.) 
ine Woche mochte über dieses kleine Vvr- 
-Q kommniß dahingegangen fein, als sieh eines 
-i schönen Montags die Stammgäste an dem 
runden Tische der Kneipe verabredeteil, den Nach 
mittag aus dem ersteil Felsenkeller vor dein Frank 
furter Thore zli verleben. Bis dahin war der Stock 
der ständige Begleiter meines Schwagers auf seinen 
Spaziergängen lind Ausflügen gewesen. Auch auf 
seinem Gauge nach dem Felsenkeller war der Un 
zertrennliche sein getreuer Gefährte. Er fand die
	        

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