Full text: Hessenland (11.1897)

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trotzdem daß Baieru schon am 28. Juli und die 
Regierungen von Württemberg und Hessen-Tarm- 
stadt (deren Kontingente am 2. August noch in 
Mainz waren) tu den nächsten Tagen danach 
Waffenstillstand abgeschlossen hatten! 
Wollte der Gouverneur der „neutralen" Festung 
Mainz den Krieg ans eigne Hand fortsetzen, 
oder hielt er sich zu diesen! Schritte verpflichtet, 
weil mit Knrhessen, dessen Truppen den überwiegend 
größten Theil der Besatzung bildeten, noch kein 
Waffenstillstand abgeschlossen war? 
Diesem ungeheuerlichen Zustand wurde indessen 
sehr bald ein Ende gemacht. 
Am Nachmittag, noch che die zur Wieder 
eröffnung der Feindseligkeiteit bestimmte Stunde 
gekommen war, erschien ein pretißischer Parlamentär 
von der Lünette Wiesbaden, mit einem Schreiben 
an den Gouverneur. Es enthielt eine Depesche des 
Grafen Bismarck mit der Erklärung, daß, wenn 
der Gouverneur von Mainz den mit Baiern und 
den süddentschett Staatett abgeschlossenen Waffen 
stillstand nicht anerkenne, die Besatzting von 
Mainz als außerhalb des Kriegsrechts angesehen 
werden müsse. 
Das wirkte, und es trat damit auch für 
Mainz endgiltig Waffenstillstand ein. 
Wie erwähnt, hatte Preußen die Verhandlungen 
mit den Regierungen der einzelnen kriegführenden 
Staaten geführt, davon aber, ob auch mit Knr 
hessen derartige Verhandlungen angeknüpft seien, 
wurde uns nichts bekannt. Kein Wunder, daß 
das ein großes Gefühl des Unbehagens über die I 
Unsicherheit und Unklarheit unserer ganzen Lage 
in uns hervorrief. In der That begann mit 
dem Monat August eine Zeit der schweren 
Beunruhigung und Aufregung für uns, wie sie 
wohl schwerlich jemals einetn ganzen Osfiziercorps 
beschieden gewesen ist. Wir alle fühlten, daß 
etwas geschehen müsse, um uns aus dieser ver 
zweifelten Lage, worin wir einzig und allein 
durch unsre Verlegung nach Mainz gerathen waren, 
zu befreien. Aber was? Das war die Frage! 
Es war dringend geboten, daß General von 
Lößberg eine Verständigung mit Preußen herbei 
führte. Aber durste er das? 
Zunächst mußte General von Loßberg alle ihm 
zu Gebote stehenden Mittel versuchen, mit dem 
Kurfürsten in Verbindung zu treten, unt ihm 
die Lage seiner Truppen eindringlich vorzustellen 
und ihn zu veranlassen, Schritte zu thun, die 
uns aus dieser schiefen und unhaltbaren Stellung 
erlösten. 
Daß General von Loßberg wirklich Schritte 
in der attgedeuteten Richtung gethan hatte, wurde 
bald unter uns bekannt. Schon am 2. Augttst 
hatte er den Premierlientenattt von Goddaeus 
vom 1. Hnsarenregitnent, der von den Folgen 
seines Sturzes bei der Parade vor deut Prinzen 
Alexander wiederhergestellt war, als Parlamentär 
mit dem Ersuchen an den Kommandirenden der 
preußischen Truppen vor Kastell geschickt, höheren 
Ortes die Erlaubniß zur Abfindung eines 
Offiziers an ben Kurfürsten zu erwirken, itub 
dieser hatte auch zusagende Antwort ertheilt. 
Während dieser Tage hörten nur, daß Be- 
sprechnnge'.t zwischen dein General von Loßberg 
und dem zu diesem Zwecke von llint gekommenen 
General von Schenck zu Schweinsberg, 
sowie dem vom Bundestage eingesetzten Bnndes- 
kvmmiffar für Knrhessen, Herrn von Bail mb ach, 
stattgesnitden hätten, sowie daß ant 16. Angtist 
die Generale und Regitnetttskommandenre zur 
Entgegennahme einer Mittheilung zutu General 
von Loßberg besohlen worden seien. Ueber 
Inhalt und Ergebniß dieser Verhandlungen 
drang nichts bis in die Kreise der Lieutenants, 
und wir blieben auf Vermnthnngen angewiesen, 
ein Utnstand, der nicht gerade dazu beitrug, das 
Gefühl des Unbehagens bei uns zu mildern, 
denn bei allent Vertrauen zu nnsertn Führer 
hatten wir doch das rein tnenschliche Verlangen, 
etwas von dem zu erfahren, was um uns her 
vorging und von so bedeutungsvollem Einfluß 
auf unser Geschick sein konnte, ein Verlangett, 
das man doch nicht als bloße Neugier bezeichnen 
darf. 
Am 17. August wurde die Nachricht bekannt, 
die preußische Regierung habe beim Landtag 
eine Vorlage betreffend die Einverleibung von 
Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhesseu, Nassau 
und Frankfurt eingebracht. Mit der ztt erwar 
tenden sehr baldigen Annahme dieser Vorlage 
wurde die Einverleibung Knrhessens in die 
prettßische Monarchie zur staatsrechtlich anerkann 
ten Thatsache und unsre Lage wesentlich anders. 
Land und Armee gehörten untrennbar zu- 
sammelt, und General von Loßberg konnte jetzt 
nicht allein, sondern er ntnßte mit Preußen in 
Verhandlungen über das Schicksal der Truppen 
treten, bereu Verbleiben in einer fremdcit Festung, 
wozu es an jedent Rechtsgrundc fehlte, nicht 
mehr lange dauern durste. 
Wir vernahtnen denn auch, General von Loß 
berg habe den Oberstlieutenant von B i schoss si 
tz aus en votn 3. Jnfanterieregintent mit einem 
Briese ^ an bett König von Preußen geschickt. 
Daraufhin wurden wir ant 21. August unter 
den Befehl des Kommandirenden der preußischen 
Mainarmee gestellt, dessen Hauptquartier sich 
zur Zeit in Frankfurt befand. Zugleich erfuhren
	        

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