Full text: Hessenland (11.1897)

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Das nenn' ich Obst an einem Baum, 
Wie's tausend sonst nicht bringen! 
Und hört — ist das ein süßer Traum? 
Gar wunderbar im lichten Raum, 
Mir ist's, als hör' ich singen. 
Ja, drinnen in dem Himmelslicht 
Ein Englein schwebt verborgen 
Und singt: „Mein Kind, erschrick mir nicht, 
Ich hab' dein Bäumchen zugericht't, 
Ich mußt' es dir besorgen. 
Denn sieh', in dieser Wundernacht 
Ist einst der Herr geboren, 
Der Heiland, der uns selig macht; 
Hätt' er den Himmel nicht gebracht, 
Wär' alle Welt verloren. 
Doch nun ist Freud' und Seligkeit, 
Ist jede Nacht voll Kerzen. 
Auch dir, mein Kind, ist das bereit, 
Dein Jesus schenkt dir alles heut, 
Gern wohnt er dir im Herzen. 
O laß ihn ein, es ist kein Traum! 
Er wählt dein Herz zum Garten, 
Will Pflanzen in dem engen Raum 
Den allerschönsten Wunderbaum 
Und seiner treulich warten. 
Er schmückt ihn dir mit Früchten bald: 
Gehorsam, Lieb und Treue, — 
Das Gut' in jeglicher Gestalt 
Wächst an den Zweigen mannigsalt, 
Daß Gott, der Herr, sich freue." 
So sang der Engel leis und lind, 
Ihr habt es nun vernommen. 
Drum wärst du gern ein Gotteskind, 
Thu' auf dein Herzchen, auf geschwind! 
Und laß den Heiland kommen. 
Ach, giebst du ihm dein Herz noch heut, 
Wie wird's der Engel loben! 
Er sieht es, sieht es hocherfreut, 
Schwebt selig in die Herrlichkeit 
Und sagt's dem Vater droben. 
Der hat dich dann auf immerdar 
Jn's Herz, in's Herz genommen. 
Sein Himmel steht dir offen gar, 
Du darfst aus jeglicher Gefahr 
In seine Arme kommen. 
(Schluß folgt.) 
Erinnerungen ans den letzten Tagen eines deutschen 
Fürstenthums. 
Von einem ehemaligen kurhessischen Ossizier. 
(Schluß.) (Nachdruck verboten.) 
6M^it dem Abmarsch der Meininger begann die 
fit Periode der allmählichen Abbröckelung der 
verschiedenen Kontingente von der Besatzung 
von Mainz. 
Bekanntlich waren bereits gleich nach der 
Schlacht bei Königgrütz von Oesterreich Verhand 
lungen wegen eines Waffenstillstandes angeknüpft 
worden, die indessen, da die von diesem angebotene 
Grundlage Preußen nicht genügte, erst am 21. 
zum Abschluß einer vorläufigen Waffenruhe auf 
fünf Tage führten. Während dessen wurden Ver 
handlungen über die Friedenspräliminarien in 
Nikols bürg eröffnet, womit eine unbestimmte 
Verlängerung des Waffenstillstandes eintrat. 
Dies niochte den Herzog von Meiningen ver 
anlaßt haben, sich mit Preußen zu verständigen 
und feine Truppen aus Mainz abzurufen. 
Oesterreich hatte sich verpflichtet, seine Bundes 
genossen ebenfalls zu bestimmen. Waffenstillstand 
abzuschließen, und diese schickten zum Theil ihre 
Bevollmächtigten auch nach Nikolsbnrg, wo am 
28. der Waffenstillstand mit Baiern und in den 
nächsten Tagen auch mit Württemberg, Baden 
und Hessen-Darmstadt zustande kam. 
So kam es, daß am 31. Juli die badische, 
am 6. August die großherzoglich hessische Festungs 
artillerie, am 7. August auch die Württembergischen 
Truppen Mainz verließen, wo demnach nur die 
Baiern und Kurhessen zurückblieben. Uns konnte 
der Kurfürst nicht abberufen, denn wohin sollte 
er uns schicken, da Hessen sich in den Händen 
der Preußen befand? Eine Verständigung mit 
Preußen mußte vorausgehen, und wenn diese nicht 
eintrat, was sollte dann aus uns werden? 
Wie unklar und verworren die Verhältnisse auch 
sonst wären, mag noch aus Folgendem ersehen 
werden: 
Wie bereits erwähnt, war mit dem Komman- 
direnden der vor Kastell stehenden Preußen eine 
am 28. Mittags beginnende Waffenruhe verab 
redet worden, damit das meiningische Bataillon 
abmarschiren konnte. Diese mar am 29. mit 
beiderseitigem Einverständniß auf unbestunmte 
Zeit verlängert worden, mit Verabredung einer 
gewissen Kündigungsfrist. Am 2. August ließ der 
Gouverneur von Mainz, der königlich baierische 
Generallieutenant Graf von Rechberg, die 
Waffenruhe auf 5 Uhr Nachmittags kündigen
	        

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