Full text: Hessenland (11.1897)

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die uns von Jugend auf angeschaut und ver 
standen ohne Wort, schließt sich Vieles, vielleicht 
das Beste im Leben. Aber an keinem Tage tritt 
dies Gefühl mit größerer Macht vor die Seele, 
als am Weihnachtstage. Wir haben aber von 
den Weihnachtskerzen des väterlichen Hanfes etwas 
hinübergerettet in's eigene Haus, und darum 
schlägt's so warm an's Herz an diesem Feste, und 
hinein in die Weihnachtsmelvdie schlingt sich als 
Fugensatz noch eine süße Melodie der Erinnerung 
ans den Text: 
„C £>cv,v Umo du erfahren 
gu Jeiten. die entflvh'u. 
sts kommt nach langen gahrcn 
-zn dir ein süher Ton!" 
Daß in nieinem elterlichen Hanse, einem Land 
pfarrhaus, die Weihnachtsfeier schöner gewesen sei, 
als in anderen Ehristenhänsern, wage ich nicht 
zn behaupten, aber was sie für mich besonders 
anziehend machte, daß es mich noch heute in 
meinem 50. Lebensjahr in der Erinnerung daran 
überkommt wie Wehmnth, wie Heimweh, wie 
Silage der Seele um verlorenes Glück, wie ein 
Fug des Inwendigen nach jenem Frieden, der 
höher ist als alle Vernunft und lieblicher als 
alle Lust der Welt — das war nächst der elter 
lichen Liebe, von der das Herz des Kindes an 
diesem Feste tiefer und wärmer als sonst jemals 
berührt ward, die fortgesetzte Weihnachts 
feier an den schönen Abenden „zwischen den 
Jahren", wie diese still-selige Zeit zwischen 
Weihnacht und Neiljahr im Volksmnnde so sinnig 
genannt wird. An diesen Abenden ward wieder 
holt bei nnS der Ehristbanm angezündet, es 
erschien die inuntere, sangeslnstige Kinderschaar 
des Schnlhanses mit noch einigen anderen Kin- 
dern der Tvrsjngend, lind mtit wurden unter 
Klavierbegleitung des kircheiunnsikalisch besonders 
begabten Lehrers imi die Wette gesungen nicht 
nur die alteil Weihnachts-Kernlieder unserer 
Kirche: „Vom Himmel hoch da komm ich her", 
„Gelobet seist Dil, JesnS Ehrist", „Lobt Gott, 
ihr Ehristen, alle gleich", sondern mit besonderer 
Vorliebe die zweistimmigen, volksthümlichen 
Lieder: „C du fröhliche", „Schönster Herr 
Jesu", „Tu lieber, heil'ger, sromnier Ehrist" 
von E. Ae. Arndt, „Die schönste Zeit, die liebste 
Zeit" vvii W. Heh niid ganz besonders gern das 
Weihnachtskinderlied: „Ter Ehristbauiii ist der 
schönste Ban ui". Dies letztere hatte es uns vor 
allen angethan, lind als eines Abends der Vater 
uns Kinder fragte, welches wohl das schönste 
Lied sei, da gab ohne langes Befiiinen der kleine 
Johannes aiis dein Schnlhanse frischweg die 
Antwort: „Ter Ehristbanm ist der schönste 
Baum". Zunächst hätte es scheinen können, als 
habe auf die Frage nach dem schönsten Lied 
das Lied vom schönsten Baum als Antwort am 
liüchsten gelegeii, und in der That sind solche 
Gleichklünge iliid Allklänge für Kinder keineswegs 
bedeutungslos. Aber es war doch offenbar, daß 
wirklich dies Lied vor allen andern uns Kindern 
allS denk Herzelk gesungen war. 
Wie sollte es auch ailderS fein? Zwar giebt 
es ohne Zweifel schönere, bedeutendere, gewaltigere 
Weihnachtslieder, aber bei diesem treffen doch 
außerordentlich viele Vorzüge zusammen, um es 
insonderheit Kindern vor allen anderik lieb zn 
machen. Es trifft gar trefflich den Kindeston 
llkld dazu ben fröhlichen Weihnachtston. Dabei 
ist es in seinen! ganzen Aufbau nach Inhalt 
lllld Form ungemein leicht behältlich. DaS 
frische, feine Metrum ist dem Texte so glücklich 
entsprechend. Wie sind aber erst Text und 
Melodie aus einem Guß! So wundervoll 
anschaulich ist die erste Strophe, so anheimelnd 
vor allem schon die erste Zeile, daß Kinder da 
von gefesselt uild entzückt werden müssen. Hub 
daß auch Alte und Erwachsene das Lied so gern 
haben, hat wohl unter andern! darin seinen 
Grund, daß in einfacher Weise in den folgenden 
Strophen sowohl die Heilsthat als auch die 
Heilsaneignung ihren Ausdruck finden, so einfach 
und doch so poetisch tief und eigenthümlich. 
Darum durste auch dies Lied, das ursprünglich für 
das Haus und etwa für die Christfeier in der 
Schule bestimmt war, in kindergvttesdienstlichen 
Feiern angestimmt werden und bei entsprechender 
Strvphenanswahl ohne Bedenken in weihnacht 
lichen Kindergottesdiensten selbst im Heiligthum 
Verwendung finden. 
Dichter und Komponist dieses Liedes, beide 
unseren! knrhessischen Lande angehörig, sind, ob- 
wvhl ihr Lied ans Flügeln des Gesanges durch 
ganz Deutschland und selbst bis zu unsern 
deutschen Brüdern jenseit des Weltmeeres ge 
tragen ward, dennoch in unbegreifliche und 
unverantwortliche Vergessenheit gerathen. Ueber- 
all findet man das Lied namenlos abgedruckt, 
hie und da mit der Unterschrift „Unbekannt". 
Die allgemeine Bezeichnung: „Norddeutsches 
Volkslied" konnte nicht befriedigen und auch 
nicht einmal auf die richtige Fährte leiten. 
Selbst das „Daheim" brachte in seinem 1892r 
Jahrgang eine vortreffliche Abhandlung des ba 
dischen, jetzt in Heidelberg angestellten Pfarrers 
Ad. Schul itthenner über das deutsche Weih 
nachtslied, worin bedauert wurde, daß der Ursprung 
unseres Liedes in völliges Dunkel gehüllt sei. 
Das alles befremdete mich um so mehr, als ich
	        

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