Full text: Hessenland (11.1897)

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einer Jury, die solches Zeug einfach nicht zuläßt, 
selbst im Meßhause ist das nicht möglich. 
Sein „Sommermorgen" ist so gräßlich, so unter 
allem Oeldrnck, daß man ihm Ehre anthut, wenn 
man darauf schimpft, seine Buchen sind so sein 
säuberlich gezeichnet, daß sich ja kein Ast gegen 
seitig überschneidet und iws Gehege kommt. Wo 
steht denn der Mann solche Sachen — doch nicht 
etwa in der Natur? Und wenn nicht da — wo, 
wie malt er sie denn? Weiß er denn nicht, daß 
sich alle Kunst auf der Natur aufbaut, ganz 
einerlei, welcher Richtung, welchem Zweige sie auch 
angehört? Weiß er denn nicht, daß es immer 
Kitsch wird, wenn ihr Ausgangspunkt nicht die 
Natur ist? Oder aber, angenommen, er sieht so 
die Natur, wie er sie sich da vorlügt: dann hat 
er nicht die geringste Sehfähigkeit, nicht die Spur 
eines Malerauges — er soll Schuhmacher werden. 
Das gilt bedingt auch von Ahnert mit seinem 
„Blick auf Kassel". Ganz abgesehen davon, daß 
das gewiß nicht „Kassel" ist, es ist doch gar zu 
kindlich in Allem! Seine Portraits sind vielleicht 
ganz ähnlich, dafür aber in einer höchst fatalen 
borkigkalkigen Technik hergestellt. 
Katzenstein gehört auch nur in's Meßhaus, 
wenn Messe. drinnen abgehalten wird, und mit 
Brübach müssen sich andere Leute beschäftigen, 
man weiß nicht, ob man sich über ihn ärgern 
oder amüsiren soll. 
Von Kasselanern, die in München oder Düssel 
dorf sitzen, ist Lins mit zwei seiner guten Bilder 
vertreten, es ist was spezifisch Deutsches, Ehrliches 
in seiner Kunst, das seiner Wirkung immer sicher 
ist; Giebel sandte einen ganz hervorragenden 
Studienkopf; C. Horn ein stott hingesetztes männ 
liches Köpfchen, weiter einige sehr sicher gemalte 
Landschastsstudien und eine intime Röthelzeichnung. 
Joh. Bapt. Scheerer, der Vielversprechende, ist 
eitel Honigseim geworden; Emil Zimmermann ist 
wie immer und überall gut vertreten, ebenso Adolph 
L. Müller mit einem brillanten „Abend in Rom". 
Hans Fehrenberg, der in der Secession des 
Glaspalastes ein ganz bedeutendes Stück hängen 
hat, gab ein Bildchen, das offenbar mit aller 
Selbstverleugnung für den Verkauf gemalt ist 
und das ihn gar nicht repräsentirt; er scheint das 
Kunstgesühl in Kassel sehr niedrig zu taxiren. 
Der Bildhauer Everding geht einer sicheren 
Zukunft entgegen, wenn er sich seine ungewöhn 
liche Kraft nicht durch konventionelle Einflüsse 
schwächen läßt. 
Alles in Allem: es sind in Kassel neben den 
paar älteren Malern Gutes versprechende jüngere 
Leute da; aber es scheint trotz aller wirklich guten 
Vorbedingungen doch nicht der rechte Boden für 
eine Kunstbethätigung vorhanden zu sein, denn 
sonst würden, wie es die Erfahrung lehrt, die 
besten jungen Kräfte eben nicht den Boden ver 
lassen, wenn sie flügge geworden sind. 
Ob sie Unrecht haben, das zu thun? 
Todesfälle. In Celle starb am 8. November 
im 82. Lebensjahre der General der Infanterie 
z. D. von Schachtmeyer, im Kriege 1870/71 
Kommandeur der aus den Regimentern 80, 81, 
87 und 88 zusammengesetzten 21. Division und 
nach der Verwundung des Generals von Bose bei 
Sedan an dessen Stelle bis zur Beendigung des 
Feldzuges Führer des 11. Armeecorps. Unter dem 
Verstorbenen, der als ein äußerst tüchtiger General 
galt und bei Kaiser Wilhelm I. in hohem Ansehen 
stand, haben die hessischen Truppentheile ruhmreiche 
Erfolge erfochten. 
Am 10. November verschied zu Kassel Rentner 
Felix Traube, ein besonders hochgeachteter 
Bürger der Residenzstadt Kassel, der sich als lang 
jähriges Mitglied des Stadtraths derselben um 
deren Armen- und Sparkassenwesen wohl verdient 
gemacht hat. Der Verstorbene zeichnete sich durch 
Liebenswürdigkeit des Charakters und stets hilfs 
bereites Wesen aus. Ehre seinem Andenken. 
H- 
'UerfoncrLien. 
Ernannt: Negierungshauptkassenbuchhalter Trieben- 
steiu zu Kassel zum Rentmeister der Kxeiskasse in Uslar; 
Bureauhilfsarbeiter Wiegand zum Regierungshaupt 
kassenbuchhalter in Kassel; der Kanzlist Vogler zum 
Sekretär bei dem Konsistorium in Kassel. 
Versetzt: Postdirektor Ziegenbein von Kassel nach 
Bielefeld; der kommissarische Gewerbeinspektor Dr. Steger 
von Eschwege nach Berlin; der Gewerbeinspektionsassistent 
Dr. Winkler in Münster als kommissarischer Gewerbe- 
inspektor nach Eschwege. 
Praxis übernommen: Praktischer Arzt Dr. med. 
Lud w i g Held m a n n, bisher zu Ditfnrt, in Groß 
almerode. 
Gestorben: Steuerinspektor a. D. Göhrin g, 
78 Jahre alt (Kirchhain, 1. November); Kanzleirath 
Ludwig Credo, 79 Jahre alt (Wahlershausen, 4. No 
vember); Frau Forstmeister Luise Martin, geb. 
Steppuhn, 37 Jahre alt (Großenlüder, 5. November); 
Frau Pfarrer Meta Schmidt, geb. Müller (Kassel, 
8. November); Oberstlieutenant z. D. Max Kraushaar, 
57 Jahre alt.(Kassel, 10. November); Rentner Felix 
Traube, 60 Jahre alt (Kassel, 10. November); Förster 
Franz Gies, 68 Jahre alt (Forsthaus Zollhaus bei 
Sandershausen, 10. November); Frau Oberst Alwine 
Schulz, geb. Grützmann, 58 Jahre alt (Kassel, 
12. November); Schlachthofthierarzt Emil Schurig, 
40 Jahre alt (Kassel, 12. November); Professor Dr. Hüter, 
65 Jahre alt (Göttingen, 12. November). 
Für die Redaktion verantwortlich: Dr. W. Grotesend in Kassel. Druck und Verlag von Fri edr. Scheel, Kassel.
	        

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