Full text: Hessenland (11.1897)

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selben Tag anzuordnen sei. Ein säst gleichzeitiger 
Corpsbefehl besagte dasselbe, schloß mich dagegen, 
obgleich ich dem ältesten eingezogenen Jahrgang 
angehörte, davoll aus. Ich habe zu bleibeu, hieß 
es darin, solle jedoch während der Zeit des 
Bleibens von bcu Dienstleistungen befreit sein, 
und zwar so lauge, bis meine Angelegenheit, 
über die strengste Untersuchung angeordnet wäre, 
ausgetragen sei. 
Noch heilte sehe ich die fröhlicheil Gesichter, 
llvch heute klirrgen mir die begeisterten Nnfe in 
den Ohren: „Nach Hallst! Nach Hanse!" Und 
inmitten dieses allgemeinen Rausches lag ich ans 
meiner Matratze mit dem Gefühle, daß mit denl 
Fortgänge dieser Glücklichen meine besten Zeugen 
bei den klar ausgesprochenen Beschuldigungen 
meiner Beleidiger dahingingen und daß die Unter 
suchung sich in die Länge ziehen würde. Aber 
mir sollte allch eine Genugthuung werden, die 
ein Trost für lnich war und mich den Blick 
freier der Zukunft entgegen thun ließ. Mancher 
der Scheidenden trat au mein Lager, bot mir die 
Hand zuin Abschiede und sagte: „Lebe wohl, 
Hesse! Hast Du einen Zeügeil nöthig, so llenne 
mich; werde ich in der Heimath vernomuien, so 
soll mail lliein Zeugniß nicht hinter den Spiegel 
stecken." 
Jil der darauf folgenden Nacht schlief der 
Stubenkommaudaut uub ich allein in dem Eck 
zimmer Nr. 11 der Garde du Corps-Kaserne in 
der Neuenstraße. 
IV. 
Nach dem Fortgange der Reserveiilallnschaft 
war ich nun ein ganzes Vierteljahr den Nörge 
leien und Plackereien der beiden Vorgesetzten preis- 
gegeben. Erlaßt es mir, diese Nörgeleien aufzu 
zählen ; dagegen kann ich nicht umhin, einer Jn- 
triglie Erwähnung zu thull, die für mich im 
höchsten Grade nachtheilig hätte werden können. 
Sie wurde angesponnen von eben jenem Abge 
schwirrten und lies darauf hinaus, durch Zeugen 
erhärten zu können, daß ich, wie er mich bereits 
beschuldigt hatte, thatsächlich mit Wort und That 
ihm und feinem Genossen gedroht habe. Kennt 
niß davon erhielt ich durch einen gewöhnlichen 
Reiter. Namens Runlpf, aus der Gegend von 
Wolfhagen gebürtig und ein eiilfacher aber bis 
in die Nieren ehrliebender, rechtschaffener Bursche, 
der mir mittheilte, daß der Quarüermeister, der 
zugleich Rekruten-Jnstrukteur war, bei feinen Re 
kruten nicht vergeblich gewühlt ulid einige der- 
selbeu so verarbeitet habe, daß sie gewillt seien, 
zu bezeugen, daß ich mich wirklich in der mir 
angedichteten Weise vergangen habe. 
Wer weiß, welcheil Ausgang nach solchen An 
zeigen meine Angelegenheit genommen Hütte, wäre 
mir nicht Hilfe von einer Seite gekomlnen, von 
der ich sie am wenigsten erwartet hätte. Das 
war die Eifersucht zwischen dem ersten Quartier 
meister der Schwadron und deiil Abgeschwirrten. 
Gerhart, wie ich ihn nennen werde, hatte auch 
von deiil gehört, was mir durch Rumpf mit 
getheilt worden, und da er ebenfalls bei der Aus- 
bildung der Rekruten betheiligt war, ließ er ani 
Tage vor dein gerichtlichen Verhöre die Rekruten 
nach denl Morgenstalldienste durch den Trompeter 
zusaminenblasen, trat vor die Front mit einem 
Bürellbeißergesichte ohne Gleicheil — und er 
konnte eins schneiden, wie kein Zweiter in der 
Division — indem er die Leute also anredete: 
„Reiter, lnvrgell ist Verhör in der Sache des 
Garde du Corps Hesse, weilil Ihr es llvch llicht 
wißt, so laßt es Euch hiermit gesagt sein. Ich 
habe das Vertrauen zu Euch, daß Ihr wahrheits 
liebende Burschen und keine Malefiz-Lügner seid. 
Wer die Wahrheit nicht redet, der kriegt es mit 
dem Gerhart zil thun, und Ihr wißt, der Ger 
hart spaßt nicht! Auseinander!" Das trug 
seine Frucht, denn er spaßte nie, der alte Bären- 
beiß, und der Plail des Abgeschwirrten ward zu 
Wasser. 
Doch lassen wir das jetzt; denn es paßt wenig 
zu unserer heutigen fidelen Stimmung, und suchen 
wir der Sache eine heitere Seite abzugewinnen. 
Mein Schwager hatte, wie ich bereits bemerkt 
habe, Meldung des Vorgefallenell bis zll bem 
Divisions-Kommandeur hinauf gemacht. Das war 
nicht unbekailnt geblieben unb hatte den ganzen 
Groll der Herren Hehle und Genossen heraus 
gefordert. 
Mein Schwager war Jilhaber eines optisch 
mechanistheu Geschäfts und in Nähe feines Ge- 
fchäftslokales lag eine Bierstheuke, deren Inhaber 
ein Schulfreund von ihm war. In dieser Schenke 
verkehrte er nach der Weise der jungen Männer 
welt, das heißt, er trank darin regelmäßig seinen 
Frühschoppen, und die Abende waren zu zählen, 
die ihn nicht im Kreise voll Bekannten hiilter 
dem runden Tische der Schenke fanden. Das 
hatte das fanbere Paar gar bald ausgekund 
schaftet, und eines Tages fiel es in Begleitung 
anderer nach der täglichen Wachtparade in die 
Schenke ein. 
Ausilahmsweife war gerade an diesem Morgen 
mein Schwager von dem Frühschoppen fortge 
blieben; aber der Abend sah ihn dort, und der 
Schenker sagte vertraulich zu ihm: „August, siehe 
Dich vor! So und so! Die Fleischhacker — wie 
Ihr wißt der seit den Nevolutionsjahren bei
	        

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